Ein Paradies mit Sorgen

Tag 10: Coroico präsentiert sich selbstbewusst: "Welcome to paradise" steht auf dem Ortsschild. Und in der Tat: Gewaltige Berglandschaften, Palmen, üppiges Grün und Bäume voller Bananen, Mandarinen und Papayas, warm trotz Winter – so könnte es aussehen, das Paradies.

Willkommensschild von Coroico. Foto: Wala

Die Delegation um Bischof Norbert Trelle hat sich auf Einladung von Coroicos Bischof Juan Vargas  auf den Weg gemacht. Die Strecke zwischen La Paz und Corico ist vergleichsweise kurz – keine 100 Kilometer. Doch sind es gut zweieinhalb Stunden Fahrtzeit für diese Distanz.  Zwar ist die Straße, die Ruta 3, mittlerweile gut ausgebaut, doch windet sie sich in zahllosen Kurven.

Die Strecke könnte etwas abgekürzt werden. Hinter Cotapata gibt es eine Direktverbindung nach Corico, eine alte Schotterpiste mit einem klangvollen Namen – "el camino de la muerte", Todesstraße. In den 1930-er Jahren gebaut führt die Straße einspurig zumeist ohne Leitplanken an steilen Abhängen entlang. Mit Steinschlag und Erdrutschen ist ständig zu rechnen. 1983 beispielsweise geriet ein Bus ins Schleudern und riss 100 Insassen in den Tod. Bis heute gilt dieses Unglück als Boliviens schlimmster Verkehrsunfall. Schätzungen zufolge verunglückten jährlich zwischen 200 und 300 Reisende auf der Strecke. Das änderte sich erst 2007 als die neue Umgehungsstraße eingeweiht wurde. Trotzdem ist die Todesstraße ein Ziel für Touristen: Vor allem von Mountainbikefahrern, da die Strecke fast nur bergab führt.

Die Todesstraße zwischen La Paz und Coroico ist vor allem bei Mountainbikefahrern beliebt. Die Delegation aus Hildesheim wählt lieber die sicherere Strecke. Foto: Wala

Die Fahrer der Delegation – Padre Alejandro Mamani und Bernabé Duran – wählen den ungefährlichen Weg, der ins Paradies führt. Coroico ist eine kleine Stadt. Nach der Volkszählung von 2012 hat sie 2319 Einwohner. Dafür viele kleine Hotels, Restaurants und Cafés. Zwar ist Winter, doch die Temperaturen sind angenehm. Und Coroico liegt auf "nur" knapp 1800 Metern. So ist es nicht nur vergleichsweise warm, sondern die Luft ist reich an Sauerstoff – ganz anders als im Hochland. So atmet nicht nur die Delegation um Norbert Trelle auf. Coroico ist auch Ziel vieler Bewohner von La Paz: Zum Aufwärmen und Sauerstoff tanken.

Bischof Juan Vargas empfängt seinen Mitbruder und die Delegation. Wieder ist es ein freundschaftliches Wiedersehen. Vargas war zuletzt bei der Wiedereröffung des Mariendoms 2014 in Hildesheim zu Gast.
Seine Diözese ist in etwa so groß wie das Bistum Hildesheim. Trotzdem sind die Wege sehr lang. Um von der Bischofsstadt die entlegenste Pfarrei zu erreichen, muss mit zwölf Stunden Fahrzeit gerechnet werden. Rauf und runter, zahllose Kurven auf Schotterpiste. Von der Höhenlage her erstreckt sich das Bistum von knapp 300 bis gut 4000 Meter.

Es sind überwiegend kleine Dörfer und Orte, die eine Pfarrei bilden. Keine 30 Priester und Diakone, keine 50 Ordensfrauen zählt die Diözese für die – nach einer Zählung von 2007 – 173.000 weit verstreut lebenden Katholiken – ein Anteil an der Bevölkerung von fast 88 Prozent.

Vargas ist erst der zweite Bischof von Coroico. Das Bistum wurde am 7. November 1958 durch Papst Johannes XIII. gegründet. Das Erzbistum La Paz gab dafür Gebiete bis zur Grenzen nach Peru ab, um die neue sogenannte "Territorialprälatur" zu schaffen, gewissermaßen die Vorstufe zu einer Diözese, die bereits von einem Bischof geleitet wird. 1983 wurde Coroico von Papst Johannes Paul II. zum Bistum erhoben. Der 69-jährige Vargas ist seit August 1997 Bischof von Coroico, zuvor war er Weihbischof.

In der Kirche des Klarissenordens wird Gottesdienst gefeiert. Foto: Wala

Nach einer Messe in der Kirche des Klarissenordens, führt der erste Weg zur diözesanen Caritas. Zahlreiche Projekte hat das Team um Direktorin Dolly Aliaga angestoßen. Zum Beispiel werden in und um Coroico regelmäßig Sehtest für Kinder angeboten. Mindestens zehn Prozent von ihnen haben eine angeborene Sehschwäche, die sonst nicht erkannt werden würde.

Auch um die Rechte von behinderten Menschen kümmert sich die Caritas. Sie informiert und schult dabei auch Lehrer und medizinisches Personal, damit die Bedürfnisse von behinderten Menschen nicht zu kurz kommen. Wichtig ist dabei, Menschen mit einem Handicap umfassend in die Gesellschaft zu integrieren, ihnen die größtmögliche Teilhabe am Leben in der Gemeinschaft zu ermöglichen.

Dritter Schwerpunkt der Arbeit: alte Menschen. Auch hier geht es der Caritas darum, dass sie zu ihrem Recht kommen. Beispiel Rente: Zwar gibt es eine vergleichsweise schmale Zuwendung für Senioren von 250 Bolivianos (etwa 40 Euro) pro Monat durch die Regierung. Doch muss die Rente an Ausgabestellen abgeholt werden. Das schaffen viele kranke Ältere nicht mehr. Die Caritas organisiert, dass die Rente tatsächlich abgeholt wird. Eine von vielen kleinen Hilfen, die auch über eine kleine Radiostation verbreitet werden.

Die Bewahrung der Schöpfung ist eine Querschnittsaufgabe für die Caritas in Coroico. Foto: Wala

Für die Caritas ist zudem die Bewahrung der Schöpfung eine Querschnittsaufgabe, stellt Dolly Aliaga heraus. So werden Familien bei Bau und Unterhalt von Bienenstöcken unterstützt. Wertvoll für den Fortbestand der reichen Natur um Coroico und eine zusätzliche Einnahmequelle für Familien. Gleichzeitig berät die Caritas einzelne politische Gemeinden beim Erstellen und Umsetzen von Umweltplänen. Aber sie sorgt nicht nur dafür, dass dieser Plan sorgfältig methodisch aufgestellt wird, was auch andere Beratungsunternehmen tun würden. Die Caritas sorgt vor allem dafür, dass dieser Plan immer wieder mit den in den Gemeinden lebenden Menschen rückgekoppelt und möglicherweise stetig verändert wird. Politische Beteiligung wird dabei groß geschrieben.

Ein weiteres Projekt der Caritas ist der Kaffeeanbau. Dass der Kaffee schmeckt, davon überzeugt sich die Delegation um Bischof Norbert Trelle gleich an Ort und Stelle. Kein Wunder: Nach Expertenmeinung gedeiht der beste Kaffee in Höhenlagen zwischen 1000 und 2000 Metern. Ideale Voraussetzungen für die "Kaffeekirschen", die Frauen in den Dörfern der Yungas, den subtropischen Mittelgebirgslagen Boliviens, ernten können.

Der Umgang mit den "Kaffeekirschen" will gelernt sein. Foto: Wala

Doch man muss auch mit Kaffee umgehen können. Unmittelbar nach der Ernte müssen die Kirschen geschält werden, um die eigentliche Kaffeebohne herauszuholen. Wird zu lange damit gewartet, verliert der Kaffee an Aroma. Dann muss er mehrere Tage unter einer Plane trocknen, bis er weiterverarbeitet werden kann.

Auch wenn die Bedingungen für den Kaffeeanbau ideal sind: die Zahl der Kaffeebauern ist in den letzen zehn Jahren rasant zurückgegangen – von gut 1000 auf 100 in der Provinz Nor Yungas. Der Grund: Statt aufwändig Kaffee anzubauen, werden Coca-Sträucher gepflanzt. Das verspricht einen höheren Ertrag und mehr Geld. Doch der Preis dafür ist hoch. Für Coca werden Flächen gerodet, zudem laugt die Pflanze schnell den Boden aus.

40 Prozent der Coca-Produktion wird in Bolivien verbraucht: Die Blätter werden traditionell gekaut oder als Tee verarbeitet. Was die übrigen 60 Prozent betrifft: Sie verschwinden einfach. Mutmaßlich in den Drogenhandel. Auch das ist ein Grund, warum die Caritas intensiv für Alternativen zum Coca-Anbau wirbt.

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