Gottesdienste – mal mit Jakobus, mal mit Fahnen

Tag 5: Sonntag. Der Tag, um Gott zu danken. Der Tag für einen Ausflug. Oder beides zusammen: Bischof Ricardo Centellas hat die Delegation um Bischof Norbert Trelle zu einer Fahrt nach Chaquí eingeladen. Ein Ort, wo der heilige Jakobus besonders verehrt wird, gut 36 Kilometer von Potosí entfernt. Und morgen ist der Gedenktag des Apostels.

Dicht gedrängt stehen die Menschen beim Gottesdienst in der Kirche St. Jakobus in Chaquí. Foto: Wala

In der St.-Jakobus-Kirche zu Chaquí sind alle Bänke rausgeräumt. Und trotzdem kann keine Nadel zu Boden fallen. Dicht an dicht stehen die Besucher der heiligen Messe. Oftmals tragen Sie kleine Kästchen bei sich – mit Bildnissen des Heiligen Jakobus. Oder Spielzeug, dass ihn darstellen soll. Immer noch drängen Menschen in die Kirche. Sardinen haben mehr Platz in ihrer Dose.

Der Segen des Bischofs ist gefragt. Foto: Wala

Höhepunkt des Gottesdienstes: eine kurze Prozession um den Kirchplatz mit einer Figur des zu Pferde sitzenden Heiligen. Hände greifen nach der Figur, Blütenblätter werden geworfen. Immer wieder werden die beiden Bischöfe während der Prozession um einen Segen gebeten. Und "gebeten" wird deutlich. Nicht nur einmal wird kräftig an seiner Soutane gezupft.

Der Kirchplatz, der mit der Prozession umrundet wird, ist nicht nur voll mit Menschen. Auch mit Ständen, an denen Fleisch gebraten, Bier, Eis und mancher Nippes verkauft wird. Gottesdienst trifft Fiesta. Nicht ungewöhnlich in Bolivien.

Ebenso nicht ungewöhnlich: Vor der Kirche bieten traditionelle Heiler ihre Dienste an. Mit Kräutern, Kohlen und Ritualen. Der Gottesdienst endet mit einem besonderen Segen. Vor der Kirche recken Menschen ihre Jakobus-Figuren, aber auch andere persönliche Heiligtümer in die Höhe. Aus großen Wassereimern spenden der Ortspfarrer, Padre Daniel, und ein Diakon den Segen. Eine Plastikblume übernimmt dabei die Funktion des Aspergill.

Statt Aspergil: Segen mit Plastikblumen. Foto:

Aber das sei es noch nicht gewesen, erzählt Padre Daniel. Morgen, am eigentlichen Festtag des Heiligen, kommen noch mehr Menschen in das eigentlich mit nicht ganz 1000 Bewohnern kleine Dorf. Da spiele es keine Rolle, dass das Fest auf einen Montag falle: "Normalerweise würde an diesen Tag in ganz Bolivien wieder die Schule nach den Winterferien beginnen – in Chaquí nicht", ist sich Padre Daniel sicher.

Auf dem Rückweg ein Zwischenstopp bei den Schwestern vom Kinde Jesu, einem aus Italien stammenden Frauenorden: "Hier gibt es den besten Kaffee in der ganzen Diözese Potosí", sagt Centellas. Das ist nicht zu viel versprochen. Die große Espressokanne dampft und zischt in der kleinen Küche. Der Kaffee muntert auch. Und er ist gut. Sehr gut.

Bischof Ricardo Centellas, Dr. Katharina Bosl von Papp und Bischof Norbert Trelle informieren sich in der Schneiderei der Schwestern vom Kinde Jesu. Foto: Wala

Obst und Kekse werden gereicht. Die Kekse sind am Vortag gebacken worden – von Frauen aus der Umgebung. Gerade den Frauen in den verstreuten Dörfern  des Altiplano eine Perspektive zu geben, ist die Aufgabe, die sich der Orden gegeben hat. So wurde eine Schneiderei eingerichtet: mit Näh- und Strickmaschinen sowie Webstühlen. Zwar müssen die Frauen ein paar Bolivianos für den Stoff zahlen, doch können sie die von ihnen gefertigten Sachen dann verkaufen. Das schafft zusätzliches Einkommen – und Selbstbewusstsein. Decken, Taschen, Kleidung, Teppiche, Hüllen für Mobiltelefone und Computer und kleine Helfer für Küche und Bad: die Auslage im Ordenshaus hat schon etwas von einem kleinen Geschäft.

Über 200 Frauen aus 20 Dörfern kommen zu den Ordensschwestern. Manche bleiben auch ein paar Tage. Deshalb gibt es auch Gästezimmer. Drei Betten pro Zimmer, ein Schrank. Einfach, aber gemütlich. Zweiter Schwerpunkt neben der Schneiderwerkstatt: die Gesundheitsvorsorge, für diesen strukturell abgehängten Teil Boliviens ebenso wichtig wie das zusätzliche Einkommen.

Zudem engagieren sich die Ordensfrauen in der Sakramentenvorbereitung. Hier gehen Sie einen für Bolivien typischen Weg. Sie bilden Katechetinnen aus, die dann zurück in ihr Dorf gehen, um Familien auf den Empfang der Taufe, Kinder auf die Erstkommunion und Jugendliche auf die Firmung vorzubereiten.

Der Tag endet wie er begonnen hat – mit einer heiligen Messe: Wieder ist es ein besonderer Gottesdienst in der Kathedrale von Potosí.

Ein Gottesdienst im Gedenken an die Proteste und den Zusammenhalt in Potosí für ein menschenwürdiges Leben. Foto: Wala

Vor einem Jahr haben Demonstrationen, Streiks und Blockaden Potosí 27 Tage lang von der Außenwelt nahezu abgeschnitten. Nahrungsmittel, Medikamente und Benzin wurden knapp, Krankenhäuser schickten Patienten nach Hause, die Banken hatten kein Geld mehr, die Stadt stand kurz vor dem Notstand.

Hintergrund des Protestes waren Forderungen des Bürgerkomitees an die Zentralregierung, mehr für die Stadt und die Region zu tun. Durch die Streiks und Blockaden, die auch in den Regierungssitz La Paz getragen wurden, sollte die Regierung um Präsident Evo Morales zu Verhandlungen gezwungen werden.
Die Kirche hat vor einem Jahr vielfältige Hilfen für die Bevölkerung zur Verfügung gestellt. Daran erinnert Centellas im Gottesdienst. In den Tages der Blockade sei die Einheit des Volkes von Potosí wichtig gewesen. Sie hätten ein Recht auf ein menschenwürdiges Leben.

Potosí ist seit langen Jahren von der Zentralregierung vernachlässigt worden – trotz anderslautender Versprechungen. Wichtige Investitionen, zum Beispiel in die Energieversorgung blieben aus. Die Enttäuschung darüber führte zum Protest, die tauben Ohren aus La Paz ließen den Konflikt eskalieren.
Am Ende des Gottesdienstes werden Fahnen von Potosí geschwenkt, vor der Kirche formiert sich ein Demonstrationszug. Eine der Forderungen in den Sprechchören: Mehr Föderalismus, mehr Gestaltungsmöglichkeiten für die Regierungen der Departementos Boliviens, die vergleichbar mit den deutschen Bundesländern sind.

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