Kinderarbeit und Bergbau – und die Weiterfahrt nach Uyuni

Tag 6: Kinderarbeit und Bergbau – gerade in Potosí treten die sozialen Probleme in Bolivien deutlich zu Tage.

Kinderarbeit ist in Bolivien ganz offen zu sehen. Foto: Wala

Miriam ist zehn Jahre alt. Sie geht zur Schule, wie es jedes Kind in ihrem Alter tun sollte. Damit ihre Familie aber über die Runden kommt, muss sie arbeiten. In einem Hotel. Sie räumt das Geschirr ab und spült.

Oder Marcelino, 14 Jahre. Er arbeitet als Gehilfe auf dem Bau. "Ich kann 50 Bolivianos am Tag verdienen", sagt er. Umgerechnet sind das knapp über sechs Euro. Für schwere Arbeit.

Oder Cristián, 14 Jahre. Er gehört zu den "Friedhofskindern" in Potosí: "Wir machen die Grabplatten sauber, besorgen Blumen oder singen bei Beerdigungen", erzählt er. Sein Verdienst richtet sich mittlerweile nach einem halbwegs geregelten Tarifsystem – vereinbart mit der Stadtverwaltung.

Die 19-jährige Lourdes Sánchez engagiert sich in der Gewerkschaft der Kinderarbeiter. Foto: Wala

Eine Stadt, die Kinderarbeit unterstützt? Das klingt fremd in europäischen Ohren. Und auch für die Hildesheimer Delegation um Bischof Norbert Trelle. Sie trifft sich an diesem Morgen mit Kinderarbeitern. Mit dabei: Luz Rivera Daza. Sie leitet das Casa Nat's der Diözese Potosí. Dort können sich arbeitende Kinder treffen. Für Nachhilfe, für soziale Unterstützung, aber auch zum Spielen und Reden. Mit dabei ist auch Lourdes Sánchez. Die 19-Jährige engagiert sich in der Gewerkschaft der Kinderarbeiter. Sie gehörte zu den Friedhofskindern, studiert heute soziale Arbeit und betreibt eine kleine Schneiderwerkstatt. "Ich weiß, dass ihr in Europa anders denkt", sagt sie. Aber Kinderarbeit in Bolivien einfach zu verbieten, sei keine Lösung. Nach der Verfassung von 2008 ist sie das sogar. "Aber das hilft den Kindern nicht, weil sie arbeiten müssen, damit sie genug zum Leben haben", meint auch Luz Rivera Daza.

Von den Kindern selbst, von ihrer Gewerkschaft ging der Anstoß zum Gesetz über Kinderarbeit in Bolivien aus. Kinder ab zehn Jahren dürfen arbeiten, allein über 14 Jahren muss der Mindestlohn gezahlt werden. Verboten wird, Kinder für Arbeiten einzusetzen, die ihre Würde, ihre Gesundheit oder ihr Recht auf Bildung verletzen. Der Ausbeutung von Kindern sollte ein Riegel vorgeschoben werden.

Bischof Norbert Trelle umringt von den Kindern, die für ihren Lebensunterhalt arbeiten müssen. Foto: Wala

2014 hat die bolivianische Regierung das Gesetz verabschiedet – und einen Sturm der Empörung geerntet, vor allem von der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO). "Das hilft uns und den 8000 arbeitenden Kindern in Potosí aber nicht weiter", sagt Generalvikar und Caritasdirektor Padre Marco Abascal. Denn durch das internationale Gezerre werde das Gesetz nur zögerlich umgesetzt: "Es müssten noch viel mehr Mittel des Staates in soziale Projekte für Kinderarbeiter fließen."

Mit Padre Marco fährt die Delegation zu dem Ort, in dessen Schatten, Potosí seit der Gründung im 16. Jahrhundert steht – dem Cerro Rico, dem reichen Berg. Noch heute werden dort Mineralien aus dem Berg gesprengt: Silber, Blei, Zink und Zinn. Der Cerro Rico sieht merkwürdig flach aus. Kein Wunder: Die Spitze des Berges ist durch die zahllosen Stollen bereits eingestürzt. Die Mengen an Silber, die aus ihm herausgeholt wurden, sind atemberaubend. Mit dem Silber allein könnte eine Brücke bis nach Spanien gebaut werden, heißt es. Und noch eine zweite Brücke daneben: mit den Knochen der Indios, die dafür ihr Leben gelassen haben. Die zwei Seiten des Bergbaus.

Bergarbeiter Hernan erklärt der Delegation im Bischof Norbert Trelle die Situation im Bergbau Boliviens. Foto: Wala

Padre Marco führt die Delegation zu einer kleinen Mine, die von einer der insgesamt 27 Kooperativen am Cerro Rico betreiben wird. Der Eingang: Ein kleines Loch. Ein Tunnel, der bereits im 16. Jahrhundert in den Berg getrieben wurde. Hackenschlag für Hackenschlag. Schmal ist der Tunnel, so niedrig, dass es nur gehockt weitergeht. Alte Balken ragen in den Weg. "Alle 100 Jahre werden sie erneuert", sagt Hernan, der die Gruppe führt. Nach wenigen Metern erhellt nur noch der Schein der Helmlampen den Stollen. Und doch zählt die Mine dieser Kooperative noch zu den sichersten am Cerro Rico. Andere Stollen sind schlicht lebensgefährlich.

Die Stollen sind nicht hoch genug, um aufrecht durchgehen zu können, teilweise sind sie sogar noch niedriger. Foto: Wala

Viele Mineros sterben früh. Durch Unfälle oder durch Vergiftung mit Grubengas. In einigen Minen arbeiten auch Kinder – auch wenn das seit 2014 offiziell verboten ist. "Sie werden als Läufer eingesetzt", erzählt Hernan. Zum Beispiel, wenn die Arbeiter etwas vergessen haben. Im Berg heißen die Kinder "cabra", "Ziege". Weil sie noch so schnell über das Geröll springen können.

Hernan und der "Tio", einer Teufelsfigur. Foto: Wala

Die Gruppe kommt zu einer besonderen Wegmarkierung, dem "Tio", der Figur eines Teufels. "Die Mineros sind sehr gläubige Menschen", erläutert Hernan. Alles, was über der Erde wächst, gehört der Pachamama, der Mutter Erde. Alles darunter, die Mineralien, dem Tio. Mit Kokablättern und anderen Gaben bitten die Mineros um einen reichen Ertrag.

Doch der Ertrag muss dem Berg hart abgerungen werden. Mit Dynamit werden Mineralien aus den Adern im Berg herausgesprengt. MIt Schubkarren werden Mineralien und Abraum zu Sammelstellen gebracht, dann mit einer Lore abgefahren. Es folgt der entscheidende Moment: Der Ertrag wird bewertet.

Die Gruppe um Bischof Norbert Trelle ist froh, wieder aus dem Stollen heraus zu sein. Foto: Wala

Die Mineros in der Kooperative arbeiten auf eigene Rechnung. Kein garantierter Lohn wie bei der staatlichen Bergbaugesellschaft. Entsprechend schwankend ist ihr Verdienst. Menge, Güte – all das beeinflusst das, was sie zum Leben haben und wofür sie ihre Gesundheit auf's Spiel setzen. Wie hart dieses Leben ist, hat der Gruppe um Bischof Norbert Trelle schon die gute Stunde im Berg gezeigt. Aufatmen, als das Tageslicht durch den Stolleneingang scheint.

Doch die Besuchsreise geht weiter:  Vor der Abfahrt in Richtung Uyuni noch ein Halt wieder bei den Schwestern vom Kinde Jesu in Azángaro: eine Einladung zum (späten) Mittagessen. Schließlich gibt es dort nicht nur den besten Kaffee in der ganzen Diözese Potosí, sondern auch die leckersten Nudeln. Wieder wurde nicht zuviel versprochen. Der Abschied ist herzlich.

Der Weg nach Uyuni führt durch karge Landschaft. Foto: Wala

Mit Vollgas geht es die gut 15 Kilometer zurück nach Potosí, zum Busbahnhof. Mit dem Fernbus geht es auf die fast 200 Kilometer bis Uyuni. Die Fahrt führt durch eine immer karger werdende Landschaft. Mehr und mehr geht das für den Altiplano typische Ichugras zurück, mehr und mehr tritt Sand hervor. Eine Wüste auf 4000 Metern. Nur dort, wo Wasser ist, finden sich vereinzelte Baumgruppen. Nach vier Stunden Fahrt ist Uyuni erreicht. Die Sonne ist längst untergegangen.

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