Neue Einblicke – von oben, in der Wirklichkeit und hinaus

Tag 9

Schon mal einer Stadt entgegengestürzt? Zumindest vom Gefühl her? Dieser Eindruck liegt nahe, wenn das neueste Nahverkehrsmittel von La Paz benutzt wird – die Seilbahn.

Eine Seilbahn ist das neueste Verkehrsmittel in der bolivianischen Metropole La Paz. Foto: Wala

Hört sich zunächst etwas schräg an: Etwas, dass für Berge ausgelegt ist, wird mitten durch eine Stadt mit 800.000 Einwohner gepflanzt. Mit jetzt drei und später sogar mit bis zu neun Linien.

Erzbischof Edmundo Abastoflor hat die Delegation um Bischof Norbert Trelle zu einer Fahrt mit der
"Teleférico", der Seilbahn eingeladen. Das schafft neue Einblicke. Zum einen über die Stadt. Von oben ist deutlich sichtbar, wie sich die Stadt in ein Tal unterhalb des Altiplano förmlich hineingefressen hat. Die Stadtteile von La Paz liegen auf einer Höhe von 3200 bis 4100 Metern Höhe. Eine Differenz von 1100 Metern – Brockenniveau. Schon dadurch wird klar, wie sinnvoll eine Seilbahn für La Paz ist. Und das nicht nur für den Tourismus. Die Delegation kommt mit einer Pendlerin ins Gespräch. Sie fährt täglich vom benachbarten, über La Paz liegenden El Alto zum Arbeiten in die Stadt. Ihre Zeitersparnis? Eine Stunde. Ihre Stressersparnis, angesichts ewig verstopfter Straßen in La Paz? Nicht in Gold aufzuwiegen.

Erzbischof Edmundo Abastoflor hat die Delegation um Bischof Norbert Trelle auf eine Fahrt mit der Seilbahn eingeladen, die zu Stoßzeiten sehr umlagert ist. Fotos: Wala

"Die Fahrt ist erschwinglich", betont Abastoflor. Sie kostet nur zwei bis drei Bolivianos, umgerechnet zwischen 25 und 38 Eurocent. Allein eine der drei Linien befördert bis zu 75.000 Menschen täglich. Zum Zeitpunkt, als die Delegation unterwegs ist, gibt es genug Platz in den Kabinen. Doch zu Stoßzeiten drängeln sich lange Schlangen vor den Haltestellen und Mitarbieter des Verkehrsunternehmens sorgen dafür, dass immer zehn Passagiere in eine der Godeln gehen. Etwas sardinenmäßig. Aber für La Paz ein Segen. 

Neue Einblicke Teil zwei: Die Delegation trifft sich mit dem Team der Fundación Jubileo. Die mittlerweile 18 Mitarbeiter starke und international renommierte Stiftung ist ein echtes Kind der Partnerschaft.

Treffen mit dem Team der Fundación Jubileo, die ein echtes Kind der Partnerschaft ist. Foto: Wala

Daher ein Rückblick auf den September 2003: In Hildesheim unterschreibt Bischof Josef Homeyer die Urkunde für die Stiftung „Justitia et Participatio“ (Gerechtigkeit und Teilhabe). Sie gründet auf ein Vermächtnis des Hildesheimer Diözesanpries­ters Achim Muth und ist für die „Armen und Ausgegrenzten in Bolivien“  bestimmt. In der Folge wird die „Stiftung Jubileo“ gegründet. Ihr Auftrag: Politische Bildungsarbeit – um den Armen und Ausgegrenzten eine Stimme zu geben. So nimmt die Stiftung die Ursachen der Ungerechtigkeit im Land in den Blick – und befasst sich dabei mit vielen Zahlen. Zum Beispiel mit dem bolivianischen Staatshaushalt: Woher kommt das Geld? Wofür wird es ausgegeben?  Wird durch Bildung Benachteiligung abgebaut? Oder lagert es auf Konten?

Schnell gewinnt die Stiftung eine Erkenntnis: Der Großteil der Einnahmen in Bolivien stammt aus dem Verkauf von Erdgas, Erdöl und Mineralien – und damit aus dem Raubbau an der Natur.“ Diese Form von Extraktivismus, der Ausbeutung von Rohstoffen zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte des Landes: Erst waren es Silber, Kupfer, Zinn, die unter unmenschlichen Bedingungen aus den Minen herausgeholt wurden, jetzt ist es Erdgas. Von dem Reichtum an Mineralien ist nichts geblieben. Das soll sich bei Erdgas, Erdöl und möglicherweise bei dem unter dem Salar de Uyuni liegenden Lithium, das als Rohstoff der Zukunft gilt, ändern.

Daher wirbt die Stiftung nicht nur für konsequente Programme zur Armutsbekämpfung und neuerdings auch zur Ernährungssicherheit, sondern auch dafür, die Wirtschaft des Landes zu diversifizieren: Im Fall von Bolivien nicht nur die Rohstoffe zu exportieren, sondern sie auch selbst zu verarbeiten. Bei allem – und auch das ist entscheidend für die Arbeit der katholischen Stiftung – muss ein konsequenter Weg der Bewährung der Schöpfung gegangen werden.

Um Partnerschaften zwischen katholischen Schulen und den Religionsunterricht geht es beim Gespräch mit Limbert Ayarde, dem Sekretär für Bildungsfragen der Bolivianischen Bischofskonferenz, und seinem Team.

Neue Einblicke Teil drei: Die Delegation trifft sich mit Limbert Ayarde, dem Sekretär für Bildungsfragen der Bolivianischen Bischofskonferenz, und seinen Mitarbeitern. 1600 katholischen Schulen gibt es im Land. 384 werden gewissermaßen privat, von überwiegend Ordensgemeinschaften und einzelnen Diözesen getragen. Die anderen Schulen beruhen auf einer Übereinkunft mit dem Stadt, den sogenannten Convenio. Die Regierung stellt und finanziert die Lehrer, die Diözesen und Orden sorgen für die Ausstattung der Schule, die Verwaltung und vor allem für das pädagogische Profil.

Auch Limbert Ayarde würde Partnerschaften mit Schulen des Bistums Hildesheim begrüßen – wie Bischof Norbert Trelle, der sich in den letzten Tagen wiederholt dafür stark gemacht hat. Die Zusammenarbeit könnte aber auch darüber hinausgehen. Ayarde zeigt sich besonders interessiert, wie nicht nur im Bistum Hildesheim Religion in einem sowohl multireligiöser wie gleichzeitig säkularer werdenden Umfeld unterrichtet werden kann. Eine Herausforderung, die sich langsam, aber sicher auch in Bolivien abzeichnet. Das führt unweigerlich zur Frage, was künftig Ziele und Inhalte christlicher Bildung sind. Ayarde denkt beispielsweise an den Austausch von jungen Lehrern, um dieser Frage im Dialog nachzugehen.

Der letzte neue Einblick folgt am Abend und schlägt direkt eine Brücke zwischen Bolivien und Hildesheim. Die Künstlerin Cecila Lampo präsentiert die Ergebnisse ihres Projektes, das vor einem Jahr in Hildesheim begonnen hat. Zum Bistumsjubiläum hatte die Bolivienpartnerschaft sie eingeladen, ein halbes Jahr im Bistum zu verbringen. Die Idee: einen etwas anderen Blick auf 1200 Jahre Bistum Hildesheim zu werfen. Cecilia Lampo lud dabei Flüchtlinge ein, sich mit ihrer neuen Situation in Deutschland auseinanderzusetzen – durch Fotos. Mit den Bilder sollten sie ihren eigenen, oftmals widersprüchlichen Gefühlen auf die Spur kommen.

Künsterin Cecila Lampos (rechts) berichtet im Gespräch mit Dr. Katharina Bosl von Papp, wie sie mit Kunst Selbstverständliches hinterfragt. Foto: Wala

Diese Vorgehensweise entspricht der Kunst Cecila Lampos. Bilder seien eine wesentliche Form der Kommunikation. Jedoch werde gesellschaftlich dem Wort eine größere Bedeutung gegeben, durch Sprache und Schrift. Damit fehle aber ein wichtiges Mittel, „um sich umfassend ausdrücken zu können.“ In Bildern zu denken bedeute, die Welt anders wahrzunehmen. Denn diese Bilder im Kopf müssen nicht unbedingt realistisch sein. Und Gefühle sind für Cecila Lampo immer wieder mit bestimmten Farben und Formen verbunden.

Das zeigt auch die Präsentation ihrer Arbeit. Aus den Fotos der Flüchtlinge und eigenen Aufnahmen sind zwei Animationen der mehrfach preisgekrönten Künstlerin entstanden. Sie zeigen Szenen aus Hildesheim und Garbsen, die mit Formen und Farben verfremdet sind. Selbstverständliches wird hinterfragt, der Blick wird auf Details gelenkt, die normalerweise beim schnellen betrachten ausgeblendet werden. Doch gerade hinter diese "unsichtbare Grenze", wie Cécilia Lampo ihre Präsentation betitelt hat, zu schauen, ist das, was die Wahrnehmung der Wirklichkeit erweitert. Eben neue Einblicke.

 

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