Ortswechsel. Aufbruch.

Tag 4 Ortswechsel. Aufbruch. Von Sucre geht es nach Potosí. Eine Fahrt von gut 160 Kilometern. Aber auch eine Tour, die noch einmal gut 1200 Meter höher führt.

Sucre liegt auf 2800 Metern Höhe – das ist fast Zugspitze-Niveau. Potosí ist eine der am höchsten gelegenen Großstädte der Welt. 4000 Meter Höhe. Zum Vergleich: Der Montblanc in der Schweiz ist gerade mal 800 Meter höher.

Zeichen der langen Dürre: Die Flüsse sind fast ausgestrocknet. Foto: Wala

Die Fahrt auf der gut ausgebauten "Route 5" führt durch immer karger werdende Berglandschaften. Überall sind die Zeichen der langen Dürre in Bolivien zu sehen. Der Erde ist verkrustet, die in der Region Sucre gegen die Erosion gepflanzten Eukalyptusbäume lassen die vertrockneten Blätter hängen. Selbst große Flüsse, die normalerweise viel Wasser führen, sind zu Rinnsalen verkommen.

Die Straße führt steil hinauf. Eine Kurve noch, einmal noch zwischen zwei Felsformationen durch – dann ist es erreicht: das Altiplano, die Hochebene der Anden in Bolivien. Auf 170.000 Qudratmeter zieht sich eine Landschaft, die fast so flach ist wie die norddeutsche Tiefebene. Nur 4000 Meter höher. Karg ist die Landschaft. Ein stetiger Wind weht. Das Klima ist trocken und kalt. dem Boden lässt sich nur schwer Essbares abringen.

Das Altiplano ist das am höchst gelegene, von Menschen bevölkerte Gebiet der Welt. Foto: Wala

Und doch ist das Altiplano eines der am höchsten gelegenen, von Menschen bevölkerten Gebiete der Welt. Seit mindestens 10.000 Jahren. Soweit reichen die Spuren andiener Hochkulturen auf dem Altiplano zurück. Potosí ist erreicht.

Über die Stadt sagt man: "Sie hat der Welt so viel gegeben und so wenig dafür bekommen." Der Grund dafür ist deutlich sichtbar: Potosí liegt im Schatten des Cerro Rico, des reichen Berges. Schon die Inkas hatten dort Silber abbauen lassen, von einer einzigartigen Güte. Mit der blutigen Eroberung durch die Spanier wird Potosí 1545 als Bergbausiedlung gegründet. Das Silber lässt die Siedlung schnell groß und reich werden. Sie wird bereits 1553 zur Villa Imperial, zur Reichsstadt im spanischen Königreich, ernannt. Münzen werden geprägt und noch andere Edelmetalle aus dem Berg herausgeholt. Potosí wird ein Synonym von Reichtum. Aber erkauft mit dem Tod zahlloser indigenen Bergarbeiter und großer Umweltkatastrophen, die ebenfalls Menschenleben kosten.

Der Cerro Rico. Foto: Wala

Um 1800 geht die Silberproduktion zurück, es wird überwiegend nach Zinn geschürft. Ein wirtschaftlicher Niedergang setzt sein, die Stadt wird mehr und bedeutungslos: "Viel gegeben, wenig bekommen." Noch heute wird nach Metallen im Cerro Rico geschürft. Unter Bedingungen, für die die Bezeichnung "lebensgefährlich" oftmals eine Untertreibung ist. Auch die Umwelt wird durch den Bergbau weiter vergiftet.

Der Bergbau wird ein Thema beim Besuch von Bischof Norbert Trelle sein. Doch zunächst hat die Delegation ein Treffen mit dem Bischof von Potosí, Monsignore Ricardo Centellas. Es ist ein schnelles Wiedersehen. Bereits vor zwei Tagen hatten Trelle und Centellas über die Situation der Kirche in Bolivien und die Weiterarbeit in der Partnerschaft gesprochen. Allerdings in Sucre: Jetzt freut sich Centellas seinen Mitbruder auch in seinem Heimatbistum begrüßen zu können.

Die Delegation um Bischof Norbert Trelle zu Gast bei den Karmelitinnen in Potosi. Foto: Wala

Centellas und sein Caritasdirektor Padre Marco Abascal führen die Delegation in ein benachbartes Kloster der unbeschuhten Karmelitinnen: Santa Teresa, erbaut von 1685 bis 1691. Seit dieser Zeit beten die Karmelitinnen in diesem Kloster für die Stadt, das Bistum und die Weltkirche. In seiner Hochzeit zählte der Konvent über 40 Karmelitinnen. Heute sind es fünf Ordensfrauen und eine Postulantin, die das immerwährende Gebet im Kloster weitertragen.

Im Speisesaal empfängt die Delegation ein Bild der heiligen Teresia Benedicta a Cruce (die "vom Kreuz gesegnete"). Das schlägt eine Brücke ins Bistum Hildesheim. Unter ihrem Geburtsnamen Edith Stein hat die Jüdin und Konvertitin in Göttingen Philosophie studiert. Ein weiterer wissenschaftlicher Weg blieb ihr jedoch versagt. Ihre Habilitationsschriften wurden von gleich vier Universitäten – darunter Göttingen – abgelehnt: Nur, weil sie eine Frau war. Nach ihrer Konversion zum katholischen Glauben war sie als Lehrerin und Dozentin tätig. 1933 trat sie in den Karmel Maria vom Frieden in Köln ein, nahm ihren Ordensnamen an. 1942 wurde sie als gebürtige Jüdin von den Nazis verhaftet und gemeinsam mit ihrer Schwester Rosa in Auschwitz ermordet. Papst Johannes Paul II. sprach sie 1998 heilig. Im Bistum Hildesheim ist unter anderem eine Schule nach Edith Stein benannt.

Verbindung zwischen Hildesheim und Potosi: Ein Bild der hl. Teresia Bendicta a Cruce, die unter ihrem Geburtsnamen Edith Stein in Göttingen studiert hat. Foto: Wala

Das Kloster der Karmeltinnen in Potosí zeugt heute noch vom Reichtum, den die Stadt einst hatte. Vergoldete Altäre, eine große Anzahl von Skulpturen und Bildern von Heiligen, reich ausgestattet mit Vasa Sacra (liturgisches Gerät). In der Sakristei findet sich ein Prunkbogen aus massivem Silber, mit dem früher eine Statue der Jungfrau durch die Straßen getragen wurde. Heute ist das nicht mehr möglich, erzählt Centellas. Der Bogen ist zu hoch für niedrig hängende Stromleitungen.

Empfang in einer Schule der Diözese Potosí. Foto: Wala

Mit Trommeln, Trompeten und Schellenbäumen wird die Delegation beim zweiten Treffen des Tages empfangen – im Colegio de Copacabana, einer Schule der Diözese Potosí. Ausschließlich Mädchen werden hier unterrichtetet: 1600 Schülerinnen vom Kindergarten bis zum Abitur. Und mit einer "Marching Band", einer Marschkapelle. Mit den Instrumenten, die so so einer Kapelle dazugehören. Einschließlich dreier Majoretten, die mit ihren Batons den Takt vorgeben und diese langen Stäben dabei noch kunstvoll herumwirbeln. Organisiert hatte das Treffen die Partnerschaftsgruppe von Potosí.

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