Von Geburtstagsständchen, neuen Chancen und der Freude am Leben

Tag 3

Geburtstagsständchen für Erzbischof Jesús Juárez. Fotos: Wala

Der Tag beginnt mit einem Ständchen – für Jesús Juárez, den Erzbischof von Sucre. Er feiert seinen 73. Geburtstag.Die Mitarbeiter im Arzoispado, dem Ordinariat, laden zum Frühstück: eine große Torte mit Kerzen und eine Mariachigruppe inklusive. So wird das Ständchen der kleinen fünfköpfigen Hildesheimer Delegation, "Viel Glück und viel Segen", immerhin zum zweistimmingen Kanon, begleitet von Trompeten, Akkordeon, Gitarre und Guitarraón, einer Bassgitarre. Erzbischof Juárez bedankt sich unter anderem mit dem Tisch Gebet. Er spricht es auf Deutsch: "Komm, Herr Jesus, sei unser Gast ..." Der zu den Salesianern Don Bosco gehörende Ordensmann hat unter anderem im Würzburg studiert: "Dieses Gebet ist mir im Gedächtnis geblieben."

Es gibt später noch ein Ständchen für ihn. Diesmal singen es gut 30 Jugendliche für ihn im "Centro de Reintegracion social Solidaridad", einer staatlichen Einrichtung für straffällige Jugendliche. Juárez kümmert sich um sie. Ganz im Sinne seines Ordens, der sich insbesondere der Jugendpastoral widmet.

Die Solidaridad ist die einzige Einrichtung im gesamten Bundesstaat Chuquisaca, die sich um die schweren Fälle von Jugendlichen kümmert.

Viktor ist einer von ihnen. Was der 17-Jährige verbrochen hat, wird nicht genannt. Datenschutz. Klar ist aber: Es ist mehr als einmal Schokolade klauen im Mercado, Im Supermarkt. Die Jugendlichen in der Solidaridad haben sich schwere Verbrechen zu Schulde kommen lassen: Raub, Erpressung, Vergewaltigung, Körperverletzung, sogar Totschlag.

Hier in der Solidaridad fühlt sich Viktor sicher. Ein Schritt zu seiner Wiedereingliederung in die Gesellschaft. Draußen, auf sich allein gestellt hätte er das nicht geschafft. Die Schule hat er abgeschlossen, jetzt möchte er einen Beruf erlernen. Zurzeit arbeitet er im landwirtschaftlichen Bereich der Solidaridad. Ein Team von Sozialpädagogen, einer Anwältin, einem Psychologen und einer Ärztin kümmert sich um die Jugendlichen, die zwischen 14 und 18 Jahren alt sind. "Die Kriminalität in Sucre steigt", erläutert Jorge Lucuy, der Psychologe der Einrichtung. Familien verlassen ihre Dörfer und strömen in die Stadt, der besseren Zukunftsaussichten. "Doch die jungen Leute sind auf das Leben in der Stadt nicht vorbereitet", sagt Lucuy. Es lockt das schnelle Geld durch Drogen, es lockt vermeintliche Anerkennung durch kriminelle Banden, die die Jugendlichen ausnutzen.

Die Solidaridad ist die einzige Einrichtung im gesamten Bundesstaat Chuquisaca, die sich um die schweren Fälle von Jugendlichen kümmert. Sie werden zum Aufenthalt durch ein Jugendgericht verurteilt – mit zum Teil unterschiedlichen Auflagen. Manche bekommen Ausgang, andere nicht. Manche besuchen tagsüber eine öffentliche Schule, andere lernen in der Solidaridad. Wichtig ist, dass der Kontakt zur Familie nicht verlorengeht oder wieder aufgebaut wird. Es gibt zwei Besuchstage und Jugendliche mit guter Perspektive können auch ihre Familie am Wochenende besuchen.

Weiterer Schwerpunkt der Solidaridad: die Berufsausbildung.Neben der Landwirtschaft mit Gemüseanbau in einem Gewächshaus gibt es eine Bäckerei und eine Werkstatt für Mechanik. Eine Schreinerei, um die Jugendlichen auch mit Holz vertraut zu machen, ist ein Wunsch des Teams. Doch dafür fehlt zurzeit das Geld. Das Erzbistum unterstützt die Solidaridad, wo sie es kann.

Nach zwei Ständchen schließt der Tag für die Delegation um Bischof Norbert Trelle wieder mit Musik – und vor allem mit traditionellen bolivianischen Tänzen. Ein Treffen mit der Partnerschaftsgruppe von Sucre steht an. Es führt in das Kulturzentrum Origenes und das Programm einmal quer durch die Folklore des Landes. Oft sind die Tänze mit mystischen, aber auch christlichen Motiven durchwebt.

So ist der "Pujllay" ein Tanz zur Ehre der "Pachamama", der Mutter Erde. Der "Diablada" aus der Bergbauregion Oruro schildert den Kampf zwischen Gut und Böse, um die sieben Todsünden zu bannen. Angeführt wird dieser Kampf vom Erzengel Michael. Auch geschichtliche Motive finden sich in Tänzen – wie beim "Tinku", der Kämpfe zwischen indigenen Stämmen nachzeichnet. Auch traditionelle Bräche spiegeln sich in Tänzen. So wird der "Suri Sikuri" bei Hochzeiten oder beim Bau eines Hauses getanzt. Es geht dabei um den Schutz und ein gute Zukunft. Bei anderen Tänzen, wie dem "Zapateo", der "Estampa Chaqueña" oder den "Carporales" geht es um ein zutiefst menschliches Thema – um die Liebe zwischen Mann und Frau. Oder es geht um die Freude am Leben. Das zeigt insbesondere der "Estampa Tarijena", ein Tanz aus der Region Tarija – der Region, von der es heißt, dass dort der Geburtsort des Lächelns liegt.


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