Leben am See ohne Wasser

Im Tiefland hat es im Departamento Beni heftige Überschwemmungen gegeben, erfahren wir im Gottesdienst. Die Kollekte ist für die davon betroffenen Menschen bestimmt. Eine andere Situation erleben wir selbst in den Anden: Mitte März ist gerade erst das Ende der Regenzeit erreicht, aber das Flußbett des Rio Desaguadero, der vom Titicacasee in den Lago Poopó fließt, ist ziemlich ausgetrocknet.

Das Dorf der Uru am ausgetrockneten Lago Poopó wird gerade neu gebaut.
Fotos: Schartz

Mit Eliseo von der Caritas Oruro besuchen wir ein Uru-Dorf am Rande des Lago Poopó. Die Uru sind ein alter Volksstamm, älter als die Aymará und Quetschua, die mehrheitliche in dieser Gegend die Hochebene des Altiplano bewohnen. Die Uru sind die Menschen vom See, leben traditionell vom Fisch- und Vogelfang. Das Dorf, das wir besuchen, wird gerade mit Unterstützung der Regierung neu gebaut. In einiger Entfernung vom Ufer des Lago Poopó. Denn vom Fisch- und Vogelfang können die Uru sowieso nicht mehr leben. Im Jahr 1994 war der See bereits völlig ausgetrocknet. Der Lago Poopó ist vor 10 000 Jahren aus dem etwa 43 000 Qudtratkilometer großen Tauca-See entstanden, einem Glazialgewässer, aus dem auch der Coipasa-Salzsee und der von einer dicken Salzdecke bedeckte Salar de Uyuni hervorgingen.

Immer wieder mussten die Uru Katastrophenhilfe erhalten. Aber auch im neuen Dorf mangelt es an Verdienstmöglichkeiten. Die Dorfbewohner haben weder Weiderechte, noch ausreichend Land. Von den jungen Leuten sind schon viele abgewandert, erzählen uns die Bewohner. Ob die neue Schule überhaupt gebraucht wird? Sie bauen eine eigene, weil ihre Kinder im Nachbarort immer wieder gehänselt werden als „Fisch- und Vogelfresser“.

Die Einfahrt zur notdürftigen Schürfstelle einer Minenkooperative.

Den Nachbarort hatten wir am Vormittag besucht. Dort gibt es neben einer gut ausgestatteten Minengesellschaft (Sinchi Wayra SA) auch eine Minero-Kooperative mit etwa 400 Mitgliedern. Jeweils 10 bis 15 Männer arbeiten an einer nur notdürftig ausgestatteten Schürfstätte. Während unseres Besuches fiel der Strom aus und da es kein Notstromaggregat gibt, mussten die sechs Männer, die unter Tage eine Sprengung vorbereiteten, im Dunkeln verharren. Neben dem Licht fehlte natürlich auch der Strom für die elektrische Seilwinde, die Material und Männer ans Tageslicht befördert. Auch an weiteren Sicherheitsmaßnahmen fehlt es in der Kooperative: Es gibt keine Wetterschächte für die Belüftung der Schürftstellen. So sind in den letzten Jahren denn auch drei Männer am Grubengas gestorben. Nelson, ein 22 jähriger Minero, der seit drei Jahren in der Kooperative arbeitet, ist von den älteren Kollegen angelernt worden und weiß, dass er auf Schwindelgefühl als erstes Zeichen einer Grubengasvergiftung achten muss. Eine richtige Ausbildung haben in der Kooperative nur die Verwalter und einige Ingenieure, die für das Auffinden neuer Schürfstellen zuständig sind.

Die Kooperative durchlöchert zwar den Berg, belastet aber darüber hinaus die Umwelt nicht erkennbar. Sie liefert das Schürfgut zur Verhüttung nach Oruro oder Potosi. Erst die Verhüttung verbraucht zum einen viel frisches Wasser und belastet durch den Einsatz von Chemikalien zur Extraktion der Mineralien das Abwasser. Die benachbarte Minengesellschaft verhüttet hier vor Ort. Wir sehen die Verdunstungsbecken mit kontaminiertem Wasser und fragen uns, ob sie wirklich dicht sind oder wieviel der Chemikalien, die bei der Verhüttung benötigt werden, hier den Boden und den Rio Desaguadero belasten.

Barbara Schartz

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