Schatten und Licht im Paradies

„Bienvenidos a Coroico – Welcome to Paradise“: Das Schild am Ortseingang von Coroico ist vielversprechend, fast verheißungsvoll. Und in der Tat: Es grünt und blüht. Überall. Üppig. Doch im Grün verbergen sich viele Probleme. Und viele Chancen. 

 
Üppiges Grün - soweit das Auge blickt. In den Yungas wächst alles.
Doch 
überwiegend wird Coca angebaut. Damit lässt sich am
meisten Geld verdienen

Wir fahren vom Regierungssitz La Paz in die Yungas, wie diese Region heißt. Vor allem fahren wir bergab. Die langgestreckten Täler, die parallel zum Ostrand der Cordillera Real verlaufen bilden den Übergang zwischen dem Hochland der Anden und dem tropischen Tiefland mit dem Amazonas-Regenwald. Oder in Höhenmetern ausgedrückt: Von 4000 auf 500. Gerade in Höhenlagen zwischen 1000 und 2000 Meter wächst alles: Bananen, Zitronen, Orangen und viele verschiedene Früchte. Und Kaffee - zum Beispiel für den Café Bolivia, den Partnerschaftskaffee des Bistums Hildesheim.
Noch etwas anderes grünt, mit gut 90 Prozent der Anbaufläche besonders üppig:  Coca. Traditionell sind die Yungas das Anbaugebiet für Coca – als traditionelle Medizin, zum Kauen oder zur Zubereitung von Mate-Tee, der unter anderem gut zur Vorbeugung gegen die Höhenkrankheit wirkt .„Meine Großmutter hat früher auch Coca angebaut“, erzählt der heutige Generalvikar Pater Freddy aus Coroico. 
Seit dem Regierungsantritt von Präsident Evo Morales im Dezember 2005, hat sich die Anbaufläche vervielfacht. Die wenigsten der hellgrünen Flächen in der Umgebung werden mit Gemüse oder Obstbäumen bepflanzt. Der Grund ist einfach: Mit dem Verkauf von Coca kann man einfach mehr Geld verdienen.
Diese Monokultur hat aber ihre Schattenseiten.  Nicht nur, dass die meisten Lebensmittel aus La Paz und damit aus den Nachbarländern Chile, Brasilien und Peru eingekauft werden müssen, die Cocasträucher laugen sehr schnell den Boden aus. Die Felder können nur etwa fünf  Jahre lang Ertrag bringen. Der Einsatz von chemischen Düngemittel und Pestiziden tut das Seine zu dieser negativen Entwicklung dazu.

Cocaanbau anders: Mario Villac verzichtet auf Chemie und kombiniert sein Feld mit
Obstbäumen. Monokulturen wird vorgebeugt, der Boden verbessert und eine
zweite Einnahmequelle geschaffen. Fotos: Martin Spatz

Dennoch gibt es einige Lichtblicke und Strategien. Der Cocabauer Mario Villac ist so ein Lichtblick. Er lebt in einem Dorf, etwa zweieinhalb Stunden Autofahrt von Coroico entfernt. Mario bewirtschaftet sein Cocafeld seit einigen Jahren biologisch und in der traditionellen Art, wie es seine Vorfahren auch bereits gemacht haben. Sein Feld unterscheidet sich von den Nachbarparzellen auf den ersten Blick dadurch, dass hier schattenspendende Bäume wachen.
Diese Fruchtbäume verbessern langfristig die Fruchtbarkeit des Bodens, stabilisieren den Untergrund, fördern den Wasserhaushalt auf den Feldern, beleben die Artenvielfalt und dienen zur Nahrungssicherheit. Die Früchte sollen demnächst aber auch neben der Coca eine weitere Einnahmequelle werden.
Die Umstellung auf eine biologische Bewirtschaftung hat er mit Hilfe der Caritas und dem Beratungsunternehmen ECOTOP durchgeführt. In einer einjährigen Ausbildung bei ECOTOP wurden ihm die Grundlagen und die Philosophie zur nachhaltigen Landwirtschaft vermittelt.
Heute ist er von  der alternativen Bewirtschaftung so überzeugt, dass er immer weniger Zeit auf seinem Feld verbringen kann. Mario ist ständig auf Achse,  weil er seine Erfahrungen in Kursen zum ökologischen Anbau an die Cocabauern in der Umgebung weitergibt.
Seiner Ansicht nach ist Agrarökologie ein Leben in Harmonie und Einklang mit der Natur:  „Es ist die Rettung des Erbes unsere Ahnen, von denen viele sagen, dass sie sogar mit den Pflanzen, mit Mutter Erde, mit dem Wind, mit dem Vater Sonne, mit Tieren gesprochen haben.“ Mario nennt das die „andiene Weltanschauung“ (cosmovision andina).
Trotz der Weltanschauung: Mario muss von seinem Feld leben leben. Die Erträge sind durch den ökologischen Anbau sogar höher als früher. Und nicht nur das: die Blatter sind intensiver.  Seine Cocablätter sind in La Paz mittlerweile so beliebt, dass die Ernte bereits verkauft ist, bevor seine Frau in dort angekommen ist.

Ländlich gelegen und ganz auf das ländliche Leben ausgerichtet: die Unidad
Académica Campesina von Carmen Pampa.

Eine weiterer Lichtblick ist die Universität UAC (Unidad Académica Campesina) von Carmen Pampa. Mitten im subtropischen Regenwald, etwa 15 Kilometer von Coroico entfernt studieren und leben 704 Studierende. Das Studium ist ganz auf das ländliche Leben ausgerichtet.
Angeboten werden die Fachbereiche Landwirtschaft, Pädagogik, Tiermedizin, Krankenpflege und  Ökotourismus.
P. Emilio, der Leiter der Hochschule, fasst es folgendermaßen zusammen: „Die Mission der Hochschule ist es jungen Menschen aus den ländlichen Gebieten eine universitäre Ausbildung zu ermöglichen, sie zu Fachleuten auszubilden, die sich, inspiriert von den christlichen Prinzipien in den Dienst des Nächsten stellen. Die Ausbildung hat sowohl einen sozialen als auch ökonomischen Ansatz, der sich an den Ärmsten der Gesellschaft und der Bewahrung der Umwelt orientiert.“
Ein Beispiel sind Projekte zur nachhaltigen Bebauung der Böden.
Maximus, ein Student, führt uns über den Bereich der Abfallentsorgung der Uni. Er forscht in seiner Abschlussarbeit über den besten Einsatz von Würmern, die aus den organischen Abfällen, die täglich von Mensch und Tier anfallen, am effektivsten den besten Humus produzieren. Zur Zeit werden noch genetisch veränderte Würmer aus den USA eingesetzt, diese sollen aber durch einheimische Würmer, die man in den umliegenden Wäldern gesammelt hat, ersetzt werden.
Ein zweites Projekt ist die hauseigene Biogasanlage. Diese produziert, ebenfalls aus den organischen Abfällen, die Energie zum Kochen des Mittagsessens. Als Abfallprodukt bleibt zudem ein hochkonzentrierter Flüssigdünger übrig.
Der durch die Würmer gebildete Boden und der aus der Biogasanlage entstandene Flüssigdünger kann zur Regenerierung der ausgelaugten Böden eingesetzt werden kann. Damit soll langfristig den Cocabauern geholfen werden, damit wieder auf ihren ausgelaugten Böden Früchte und Gemüse angebaut werden können.
Man schaut in Carmen Pampa aber nicht nur in die Zukunft. Die Studenten des Fachbereiches Landwirtschaft haben Ende 2014 einen botanischen Garten angelegt, der als Gedächtnis, bzw. Datenbank dient.
Sie bringen aus allen Regionen Boliviens Mutterpflanzen mit, die hier angepflanzt werden. Man möchte durch Kreuzung mit weiter gezüchteten Pflanzen eine größere natürliche Widerstandskraft beispielsweise gegen Schädlinge erreichen. 

Martin Spatz

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