19.02.2016

Hirtenwort von Bischof Norbert Trelle zur Österlichen Bußzeit 2016

„Barmherzig wie der Vater“

Das von Papst Franziskus ausgerufene Jahr der Barmherzigkeit unter dem Motto „Barmherzig wie der Vater“ greift Bischof Norbert Trelle in seinem diesjährigen Hirtenwort zur österlichen Bußzeit auf.

Liebe Schwestern und Brüder!

Papst Franziskus hat am 8. Dezember 2015, dem Fest der Empfängnis Marias, das Heilige Jahr der Barmherzigkeit eröffnet. Es dauert bis zum Christkönigsfest am 20. November und erinnert uns daran, dass Gott sich uns voller Barmherzigkeit zuwendet. Das Motto für dieses besondere Jubiläum entlehnt der Papst einem Wort Jesu in dessen berühmter Feldrede. Es lautet: „Barmherzig wie der Vater“ (Lk 6,36).

Das Heilige Jahr ruft uns die beinahe in Vergessenheit geratenen leiblichen und geistigen Werke der Barmherzigkeit in Erinnerung. Eines dieser Werke fordert uns in den letzten Wochen in besonderer Weise heraus: „den Fremden eine Heimat geben“. Es spricht ein Grundbedürfnis des Menschen an. Denn wir sehnen uns danach, eine Heimat zu haben und angenommen zu sein. Menschen in unserer Nähe zu haben, die es gut mit uns meinen, das ist für uns lebenswichtig:

  • Menschen, die für uns da sind und auch über unsere Fehler hinwegsehen;
  • Menschen, vor denen wir uns sehen lassen können, selbst wenn wir meinen, uns vor aller Welt verstecken zu müssen;
  • Menschen, die uns aufrichten, wenn wir in Traurigkeit und Verzweiflung fallen.

All diese Sehnsüchte klingen an, wenn wir an „Heimat“ denken. Es gibt Menschen, die das gut können: anderen eine Heimat geben. Das gilt für persönliche Beziehungen ebenso wie für das weitere soziale Umfeld.

Bei meinen Besuchen in Flüchtlingseinrichtungen begegne ich immer wieder Menschen, die für andere da sind, die großzügig sind und die Geborgenheit geben. In vielen Kirchengemeinden haben Gruppen das Engagement für Flüchtlinge als ihre Aufgabe entdeckt. Sie wenden sich Menschen zu und geben ihnen Heimat. Vielleicht erfahren wir in der Kirche gegenwärtig die „Rückkehr in die Diakonie“(*1), wie sie der katholische Jesuitenpater Alfred Delp vor seiner Hinrichtung durch die Nationalsozialisten erhofft hat. Oder das, was der evangelische Theologe und Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer so formuliert hat: „Unser Christsein wird heute nur in zweierlei bestehen: im Beten und im Tun des Gerechten!“(*2)

Im Einsatz für Menschen in Not zeigt sich das in uns tief verwurzelte Bedürfnis, anderen zu helfen. An diesem Wesenszug wird für mich besonders anschaulich, was es heißt, dass wir als Gottes Ebenbild geschaffen sind. Wir glauben an einen Gott, der Mitleid mit den Menschen hat und dessen Stärke sich vor allem im Vergeben und im Verschonen (*3) zeigt. Schon Papst Johannes XXIII. hat deshalb die Barmherzigkeit die schönste aller göttlichen Eigenschaften genannt. Und Kardinal Kasper bringt es in einem kurzen Satz so auf den Punkt: „Gottes Gottsein  zeigt sich in seiner Barmherzigkeit.“ (*4) Der Glaube an diesen barmherzigen Gott löst unsere Selbstbezogenheit und Ichfixierung und ruft uns auf zu Achtsamkeit, Großzügigkeit, Solidarität – „barmherzig wie der Vater“ (vgl. Lk 6,36).

Das Gebot der Barmherzigkeit zu befolgen, bedeutet aber nicht, eine unkritische Perspektive einzunehmen. Die Fähigkeit, sich vom Leid des anderen anrühren zu lassen, ist ein hohes Gut. Diese Fürsorge darf jedoch den anderen nicht entmündigen und damit sein berechtigtes Verlangen nach Teilhabe übergehen. „Den Fremden eine Heimat geben“ heißt, sie als Subjekte ernst zu nehmen und sie nicht zu Objekten unserer Hilfsbereitschaft zu machen; heißt, sie einzubinden in unsere Gesellschaft und sie in Mitverantwortung zu nehmen für unser Gemeinwohl; heißt aber auch, mit ihnen Wege zu suchen, wie sie in ihre angestammte Heimat zurückkehren können, wenn Frieden und Sicherheit dort wiederhergestellt sind.

Barmherzigkeit darf nicht unkritisch und kurzsichtig sein, sondern muss den größeren Zusammenhang in den Blick nehmen. Franz Kamphaus, der frühere Bischof von Limburg, erinnert daran in einer Betrachtung zum Gleichnis vom barmherzigen Samariter und mahnt mit eindringlichen Worten:

„Es genügt doch nicht, den unter die Räuber Gefallenen zu verbinden. Auf dem Rückweg von Jericho nach Jerusalem passiert ihm genau dasselbe wieder. Wir müssen die Übel an der Wurzel angehen. Wir müssen die Strukturen der Räuberei freilegen und zu ändern versuchen. Christliche Nächstenliebe hat sich heute im gesellschaftspolitischen Engagement zu bewähren.“(*5)

Sehr klar ist hier benannt, wie unzureichend eine unkritische und unpolitische Hinwendung zu den Hilfsbedürftigen wäre. Das Leid und die Veränderung leidbringender Situationen würden so in den privaten Bereich verschoben, und die Unrechtsstrukturen in unserer Gesellschaft würden verdeckt oder gar stabilisiert. Der Aufruf zur Barmherzigkeit darf daher die Verpflichtung zur Gerechtigkeit nicht ersetzen. Das Zweite Vatikanische Konzil hat dies in seinem Dekret über das Apostolat der Laien klar beschrieben:

„Zuerst muss man den Forderungen der Gerechtigkeit Genüge tun, und man darf nicht als Liebesgabe anbieten, was schon aus Gerechtigkeit geschuldet ist.“(*6)

Es gibt aber eine Barmherzigkeit, die größer ist als alle Gerechtigkeit. Auch das gerechteste Gemeinwesen bliebe ein kühles Räderwerk ohne die Liebe. Damit der einzelne Mensch gut leben kann, braucht er liebevolle Zuwendung. Papst Benedikt XVI. hält dies in seiner viel beachteten Enzyklika Deus caritas est eindrücklich fest:

„Liebe – caritas – wird immer nötig sein, auch in der gerechtesten Gesellschaft.  Es gibt keine gerechte Staatsordnung, die den Dienst der Liebe überflüssig machen könnte. (...) Immer wird es Leid geben, das  Tröstung und Hilfe braucht. Immer wird es Einsamkeit geben. Immer wird es auch Situationen materieller Not geben, in denen Hilfe im Sinne gelebter Nächstenliebe nötig ist.“(*7)

Das lateinische Wort für Barmherzigkeit – misericordia – bringt dies zum Ausdruck. Zwei Wörter sind darin verbunden: das Herz und die Armen. Man könnte misericordia also übersetzen mit dem Satz: „sein Herz bei den Armen haben“.

Was eine solche Haltung bedeutet, zeigt Papst Franziskus sehr eindrucksvoll. So besucht er bei seiner ersten Reise Flüchtlinge auf der Insel Lampedusa. Und sein erster Gründonnerstags-Gottesdienst findet in einem  Jugendgefängnis statt. Und wann immer er auf Reisen geht, besucht er die Viertel der Armen und Kleinen. Barmherzigkeit ist für diesen Papst so etwas wie eine Ortsangabe. „Wo ist die Kirche?“ fragt er immer wieder und führt in seinem Schreiben Evangelii gaudium aus:

„Mir ist eine ‚verbeulte‘ Kirche, die verletzt und beschmutzt ist, weil sie auf die Straßen hinausgegangen ist, lieber, als eine Kirche, die aufgrund ihrer Verschlossenheit und ihrer Bequemlichkeit, sich an die eigenen Sicherheiten zu klammern, krank ist.“(*8)

Auch diesen Satz können wir im Sinne des Papstes als Ortsangabe verstehen. Die Kirche hat ihren Platz an der Seite der Armen und Kleinen. Die Flüchtlinge in unseren Notunterkünften und Aufnahmeeinrichtungen sind zu  unseren Nachbarn geworden. Die Barmherzigkeit drängt uns, für sie da zu sein und ihnen Heimat zu geben.

Ich übersehe dabei nicht, dass auch die Neuankommenden ihren Beitrag dazu leisten müssen, Teil unserer Gesellschaft zu werden. Die Integration von Menschen anderer kultureller und religiöser Prägungen ist zweifelsohne mit Schwierigkeiten verbunden. Sowohl die Aufnahmegesellschaft als auch die Flüchtlinge und Migranten selbst stehen vor großen Herausforderungen. Doch haben wir guten Grund, zuversichtlich zu sein: Die Hilfsbereitschaft in Kirche und Gesellschaft ist ungebrochen. In unseren Kirchengemeinden setzen sich Tag für Tag zahlreiche Ehrenamtliche dafür ein, dass sich die Flüchtlinge bei uns willkommen fühlen und in einer  fremden Umgebung zurechtfinden können. Viele Mitchristen nehmen ihre Verantwortung wahr und engagieren sich in ehrenamtlichen Initiativen und öffentlichen Einrichtungen. Sie lassen den Geist der Barmherzigkeit mit Rat und Tat erfahrbar werden. Geld- und Sachspenden sind ein Beweis dafür. Auch das klare Eintreten für rechtsstaatliche Prinzipien und gegen Fremdenhass ist ein notwendiger Dienst der Barmherzigkeit. Gerade die schwierigen aktuellen Diskussionen brauchen diese Sachlichkeit.

Auf der Landkarte unseres Bistums entstehen in diesen Wochen und Monaten immer neue Orte der Barmherzigkeit. Herzlich bitte ich Sie: Dort, wo Sie schon dabei sind, Fremden eine Heimat zu geben – tun Sie diesen großherzigen Dienst weiterhin. Dort, wo Sie merken, dass Fremde Ihre Unterstützung benötigen – gehen Sie zu Ihnen. Dort, wo die Barmherzigkeit in Frage gestellt wird – legen Sie selbstbewusst Zeugnis ab. Wir sind mitten drin im Jahr der Barmherzigkeit!

Für all Ihren Einsatz, anderen Menschen eine Heimat zu geben, danke ich Ihnen sehr. Und ich wünsche Ihnen von Herzen, dass Sie selbst die Erfahrung machen, eine Heimat zu haben und bedingungslos angenommen zu sein – von den Menschen in Ihrer Umgebung und von Gott selbst. Dazu erbitte ich Ihnen allen den Segen des Barmherzigen Gottes.

Hildesheim, am Aschermittwoch, dem 10. Februar 2016

Norbert Trelle
Bischof von Hildesheim

 

Das Hirtenwort (pdf)

 

Quellen:

  1. Delp, Alfred: Gesammelte Schriften – Das Schicksal der Kirchen. Band 4. Frankfurt 1984. S. 320.
  2. Bonhoeffer, Dietrich: Widerstand und Ergebung. 9. Auflage. München 1979. S. 152.
  3. Vgl. Tagesgebet vom 26. Sonntag im Jahreskreis.
  4. Kasper, Walter: Barmherzigkeit. Grundbegriff des Evangeliums – Schlüssel des menschlichen Lebens.Freiburg 2012. S. 58.
  5. Kamphaus, Franz: Mach‘s wie Gott, werde Mensch. Freiburg 2013. S. 251.
  6. Dekret Apostolicam actuasitatem über das Laienapostolat. Nr. 8.
  7. Benedikt XVI.: Deus caritas est. Nr. 28b.
  8. Papst Franziskus: Apostolisches Schreiben Evangelii gaudium. Nr. 49.