05.11.2012

Fragebogenaktion sorgt für Schlagzeilen

„Das bewegt die Menschen“

Verheiratete Priester? Frauen am Altar? Damit haben wir kein Problem. Das ist das Ergebnis einer Gemeindeumfrage in St. Marien in Soltau. Sie hat weit über die Lüneburger Heide hinaus für Aufsehen gesorgt.

 

 

 

 

 

 

 

 

Christine Gevers
„Vor dem Dialog wollten wir wissen, was die Gemeinde denkt“, sagt Pfarrgemeinderatsvorsitzende Christine Gevers.

„Wenn wir den Dialogprozess ernst nehmen, der von den Bischöfen gewünscht wird, dürfen wir nicht ausklammern, was und wie die Menschen denken“, sagt Pfarrer Maik Barwisch. Seine Gemeinde, die fast 4000 Mitglieder umfasst, gehört nicht zur Speerspitze der Revolution. Gerade deshalb waren ihm und dem Pfarrgemeinderat deren Votum so wichtig. „Wir stehen vor herausragenden Veränderungen. In 15 Jahren sind für das gesamte Dekanat Celle noch zwei Priester vorgesehen. Was passiert, wenn einer von ihnen ausfällt?“, fragt Pfarrgemeinderatsvorsitzende Christine Gevers. Wer übernimmt dann überhaupt noch die Verkündigung? Wer hält den Kontakt zu den Gläubigen?

Mit 13 Fragen konfrontierte der Pfarrgemeinderat die Katholiken von Soltau. Die erste Hälfte beschäftigte sich mit der Situation vor Ort. Eines der Ergebnisse: Würde eine heilige Messe mangels Priesterpräsenz ausfallen, könnte sich die Mehrheit eine Wort-Gottes-Feier mit Austeilung der Kommunion sehr gut vorstellen (52 Prozent).

Nur Minderheit sieht im Zölibat einen Sinn

Der zweite Teil des Fragebogens hatte häufig diskutierte Fragen der katholischen Kirche zum Inhalt. Nur eine Minderheit (17,6 Prozent) hält es für sinnvoll, am Zölibat (Ehelosigkeit für Priester) festzuhalten. 72 Prozent sprechen sich für seine Abschaffung aus. Weit über die Hälfte kann sich vorstellen, dass auch Frauen zum Priesteramt zugelassen werden. Laien (keine Amtsträger) als Prediger am Gottesdienst kann sich jeder Zweite vorstellen. Und bei der Frage, ob geschiedene wiederverheiratete Katholiken zum Empfang der hl. Kommunion zugelassen sein sollen, antworten 90 Prozent mit Ja.

Pfarrer Maik Barwisch ist überzeugt: Die Antworten zu
Zölibat, Diakonat der Frau und Zulassung von wieder
verheirateten Geschiedenen wären in den meisten
Gemeinden des Bistums ähnlich ausgefallen.
Foto: Stefan Branahl

„Solche Antworten sind auch in den allermeisten anderen Gemeinden unseres Bistums rea­listisch“, ist Pfarrer Barwisch überzeugt. Und er ist sich sicher: „Wenn wir ernsthaft miteinander ins Gespräch kommen wollen, dürfen diese Themen nicht ausgeklammert werden.“

Bereits Anfang des Jahres war die Gemeinde St. Marien in die Schlagzeilen gekommen. Damals hatte sie den Kirchenreformer Helmut Schüller aus Österreich zu einer Podiumsdiskussion eingeladen. Dieser Auftritt wurde aufgrund einer dringenden Bitte des Bischofs wieder abgesagt. „Wir können über alle Themen reden. Aber wenn jemand zum Ungehorsam aufruft, ist das nicht zu akzeptieren“, war die Begründung von Generalvikar Dr. Werner Schreer. „Das war für uns einsichtig“, blickt Pfarrer Barwisch auf die Aufregung im Frühjahr zurück. Vermutungen, der Fragebogen mit den provokanten Themen sei quasi eine Retourkutsche Richtung Hildesheim, weist er entschieden zurück. „Wenn wir als Pfarrgemeinderat in den Dialogprozess eintreten, wollen wir wissen, wie unsere Gemeindemitglieder denken“, begründen Barwisch und Christine Gevers den Fragebogen. Die hätten nun eine klare Aussage gegeben. „Frauen am Altar oder verheiratete Priester sind keine Lösung für alle Probleme unserer Kirche. Aber wir hoffen, dass die Bistumsleitung dieses Votum zur Kenntnis nimmt und es in der Bischofskonferenz und auch gegenüber dem Vatikan vertritt“, fordert die Vorsitzende des Pfarrgemeinderats.

Natürlich wissen auch die Mitglieder der Pfarrgemeinde St. Marien, dass Themen wie Frauenpriestertum und Abschaffung des Zölibats nicht per Abstimmung irgendwo in der Lüneburger Heide geändert werden können. „Darum geht es uns gar nicht. Unsere Bischöfe sollen allerdings wissen, wie die Basis denkt, wo sie sich Sorgen macht um die Zukunft der Kirche und der Gemeinden“, sagt Christine Gevers. „Unser Pfarrgemeinderat besteht nicht aus Rebellen, die den Bischof in Zugzwang bringen wollen. Aber wir sprechen für unsere Katholiken vor Ort und wollen, dass deren Überzeugung im Dialogprozess berücksichtigt wird.“

„Unsere Gemeinde hat Mündigkeit bewiesen“

Eines zumindest hat die Pfarrgemeinde St. Marien mit ihrem Fragebogen erreicht: Überregionale Medien berichteten in den vergangenen Tagen über die Aktion. Da war durchaus nicht nur zwischen den Zeilen zu lesen, dass es sich in Soltau offenbar um besonders renitente Katholiken handeln müsse. „Das ist überhaupt nicht der Fall“, sind sich Pfarrer und Pfarrgemeinderatsvorsitzende einig. „Unsere Gemeinde hat eine große Mündigkeit bewiesen“, sagt Maik Barwisch. „In Interviews wurde sehr souverän und sachlich argumentiert – ohne jede Polemik.“

Allein die Sorge um die Zukunft der Gemeinde stehe im Vordergrund. Die Verantwortung nur in die Hände von bereitwilligen Ehrenamtlichen zu geben, sei nicht der Weisheit letzter Schluss: „Wir brauchen – auch nach Überzeugung unserer Gemeinde – Männer und Frauen vor Ort, die Leitungsfunktion übernehmen“, sagt Pfarrer Barwisch. Das sei eine echte Alternative zu der Perspektive, dass Pfarrer in immer größeren Gemeinden immer mehr Aufgaben übernehmen müssen: „Das Christentum lebt von Beziehungen und Begegnungen. Wir müssen miteinander reden, diskutieren und streiten. Wir müssen immer wieder die aktuellen Lebenssituationen in den Blick nehmen, immer wieder neu anfangen.“ Nur dann werde man dem Apostel Paulus gerecht, der fordert: „Prüft alles und behaltet das Beste“.

Stefan Branahl