28.10.2016

Projektchor St. Joseph in Hannover bietet Sängern zeitlich begrenztes Engagement

„Das sind echte Chorfans“

Jede Woche Chorprobe? Für viele Musikliebhaber ist das zu viel an Verpflichtung. Auf diesen Trend hat die Kirchenmusik im Bistum Hildesheim reagiert: Projektchöre können ihnen eine vorübergehende musikalische Heimat geben.

Engagiert proben die Sängerinnen und Sänger wie Christine Mosler (2. von links) bei den monatlichen Treffen des Projektchores St. Joseph. Foto: Kleine

Es ist kalt an diesem Samstagmorgen in der Kirche St. Joseph in Hannover. Engelhaft schwingen sich die Sopranstimmen des Projektchors St. Joseph in die Höhe der neugotischen Kirche. „Uuuu“ und „Mmmmm“ erklingt es, höher, immer höher. Rund 30 Frauen in Funktionsjacken und Wintermänteln lassen die Kirche an dem tristen und verregneten Tag in stimmlichem Klang erleuchten. „Ja, so akzeptiere ich das. Das klingt schön. Keiner grätscht mehr raus“, sagt Silvia Bleimund vorne am Klavier nach zehn Minuten Stimmübungen.

Dann geht es an die schwierigen Passagen in den Stücken Te Deum und Jubilate von Georg Friedrich Händel im englischen Original. Christine Mosler, 56 Jahre alt, zückt in der letzten Chorreihe ihr Notenheft. In ihrer Kirchenbank greift ihre zwei Jahre jüngere Schwester Carola ebenfalls zum Heft. Die beiden sind zusammen von Bennigsen bei Springe in die Landeshauptstadt gefahren. „In unserer Gemeinde wurde der Chor aus Nachwuchsmangel leider aufgelöst“, erklärt Christine Mosler. Für die Musikliebhaberin ein herber Rückschlag, denn sie wollte unbedingt weiter musikalisch in der Kirche aktiv sein: „Schon als Kind hat uns meine Mutter mit der Gitarre vorgesungen. Ich bin mit Kirchenmusik groß geworden. Musik bedeutet für mich Seelenbalsam und mentalen Ausgleich.“

Projektchor erfordert Hausaufgaben

Kurz nachdem die wöchentliche Chorprobe und die Auftritte in der Heimatgemeinde wegfielen, gründete sich der Projektchor St. Joseph unter Leitung von Werner Nienhaus. Den kannte Mosler noch aus Bennigsen und fand die Idee gleich klasse: Ein musikalisches Projekt pro Jahr, jeden Monat eine Probe an Freitagabenden oder Samstagen. Dazwischen Hausaufgaben und intensives Selbststudium der musikalischen Stücke zum Hause, privat in kleinen Gruppen und per Video auf der Online-Plattform YouTube. Keine Verpflichtung, auch beim nächsten Projekt dabei zu sein.

Die vollberufstätige Stationsleiterin und Kinderkrankenschwester stieg nicht nur als Mitglied im Chor ein, sondern übernahm auch gleich das Management des Chors. „Selbst wenn es beruflich eng wird, schaffe ich das noch“, sagt Mosler und lächelt. Sie schreibt Mails, telefoniert, checkt Listen. Und besorgt die Noten für alle 90 Mitglieder des Chors. Der Stolz,  bei den Auftritten ein tolles Werk in hoher Qualität abzuliefern,  und die Freude beim Singen sei ihr das wert.

Mittlerweile ist es fast schon Mittag. Im Forum St. Joseph übt Chorleiter Werner Nienhaus mit den mehr als fünfzig anderen Sängern des Chores. Alt, Tenor und Bass, alles will unter einen Hut gebracht werden. „Hmmm, der Einstieg hier mit dem Alt und Tenor, das ist schon heikel“, macht Nienhaus seine Schützlinge auf eine schwierige Stelle aufmerksam. „Aber begabt, wie wir sind, kriegen wir das gleich hin“, sagt er augenzwinkernd.
Kurz vor der 15-minütigen Pause, die die Gruppe bei jeder vierstündigen Probe zwischendurch einlegt, kommt der Chor in Gänze zusammen. Immer wieder proben sie ein kurzes Stück aus Händels Te Deum. „Das klingt mir zu gestresst. Da müssen wir noch einmal ran, mit pathos grave“, fordert Nienhaus. Ernst und ergriffen erklingt dann wie gewünscht die Zeile „Now it is open the kingdom of heaven“.

Knapp die Hälfte machen immer wieder mit

50 Euro bezahlt jedes Chormitglied pro Projekt. Chorleiter, Solistin, Orchester und Noten werden durch den Beitrag und die Einnahmen bei den Konzerten finanziert. Manchmal hilft ihnen auch die Gemeinde aus. „Vierzig Prozent des Chors sind feste Mitglieder, die immer wieder mitmachen. Die haben dann auch oft nicht nur einen Chor, in dem sie singen. Das sind richtige Chorfans“, sagt Nienhaus. Aber die übrigen sechzig Prozent der Mitglieder seien Hobby-Musiker, die keine Zeit haben, um eine wöchentliche Verpflichtung einzugehen. „Gerade wenn wir dann bestimmte Stücke anbieten, ist das Interesse da.“ Voraussetzung bei so viel Fluktuation und Selbststudium ist eine musikalische Vorbildung.

Die ist bei Christine Mosler zweifelsohne gegeben. In der Pause organisiert sie schon mal den Kartenvorverkauf für das nächste Konzert des Chors. Die übrigen Chormitglieder quatschen miteinander und essen schnell etwas. „Hier sind schon richtige Freundschaften entstanden“, sagt Mosler. Es gebe auch viele Fahrgemeinschaften, die sich zusammen als Gruppe zum Projektchor anmelden und von weiter weg kommen.

Regelmäßige Teilnahme an den Proben ist absolute Teilnahmevoraussetzung beim Projektchor. „Bisher hat das auch immer gut geklappt. Aber ich sehe schon, dass auch unser Chor im Durchschnitt deutlich über 40 Jahre alt ist“, überlegt Mosler. Sicherlich sei der Projektchor eine gute Alternative für alle, die es wöchentlich nicht zu Proben schafften. Allein mit klassischen Stücken ist die Zukunft von Chören wohl nicht zu schaffen, glaubt Mosler: „Ich habe den Eindruck, dass viele jüngere Musikliebhaber lieber Jazz- und Popmusik singen möchten.“ Nach ihrer Beobachtung lernen zudem diejenigen, die sich für klassische Musik und Kirchenmusik interessieren, lieber ein Instrument statt zu singen: „Aber das ist ja auch eine gute Sache.“

Der Projektchor St. Joseph wird am Sonntag, 20. November, um 17 Uhr in der Kirche St. Joseph (Isernhagener Str. 64, Hannover) auftreten. Der Eintritt kostet 15 Euro (ermäßigt 7 Euro) Karten können im Pfarrbüro (Tel. 05 11 / 66 32 82) gekauft werden.

Marie Kleine