Ein Tag im Orden – Franziskaner-Minoriten

„Hier ist viel Leben drin“

„Als wir in Uelzen ankamen haben uns die Menschen gefragt: Ein Orden in unserer Stadt – was soll das werden? Wollt ihr uns missionieren?“, erinnert sich Pater Czeslaw. Um Mission geht es den polnischen Franziskanern nicht. Sie wollen mit den Menschen leben, mit ihnen Gottesdienst feiern und gemeinsam in der Pfarrei Kirche gestalten.

Kleine Pause bei der Gartenarbeit: Die Franziskaner freuen sich über den Einsatz von Hausmeister und Küster Janusz Dziura, der das Beet rund um die Muttergottesstatue vor dem Kloster vom Unkraut befreit. Foto: Christian Schlichter

Dass das funktioniert hat, erfahren die Patres bis heute: „Sie sind irgendwann alle zu uns gekommen“, erinnert sich Pater Czeslaw heute, 21 Jahre später, und lacht. Die Menschen kamen aus Neugierde, was denn die Polen da machen, oder aus Freude darüber, dass Leben in das Pfarrhaus kam.
Dass viele auch wieder gegangen sind, die Gemeinde geschrumpft ist, das hat der Franziskaner gerade in diesen Tagen wieder erlebt: Als Vertretung ist der 66-Jährige, der 1991 erster Pfarrer der Kommunität der Franziskaner in Uelzen war, wieder zurück in der Gemeinde „Zum Göttlichen Erlöser“. Mit dem heutigen Pfarrer, seinem Ordensbruder Pater Piotr Stepniak, freut er sich aber darüber, dass es so viele Trauungen und Taufen gibt. Katholisches Gemeindeleben in den vier Kirchorten in Uelzen, Bad Bodenteich, in Bad Bevensen und Ebstorf: da ist durchaus noch Leben drin.

Ohne Kaffee geht morgens gar nichts

Morgens geht erst einmal gar nichts. Daran hat auch die neue Verantwortung als Pfarrer nichts verändert. Ohne Tasse Kaffee kommt Pater Piotr nicht in Schwung. Morgens, das ist für die drei Franziskaner in Uelzen um Viertel nach sieben, wenn sie sich zur Laudes und zu ihren Klostergebeten in der Kapelle treffen. Vor dem kleinen Sakristeitisch im Flur zwischen den Bildern des heiligen Franziskus und der heiligen Klara können sie sich kurz sammeln. In der Kapelle selbst werden sie empfangen von den drei wichtigen Figuren ihres Ordensleben: Von Jesus am Kreuz (einer Nachbildung der Ikone aus der italie­nischen Pfarrei San Damiano), der Statue der Muttergottes und dem Bild des Heiligen Pater Maximilian Kolbe. 22 Stühle stehen in der Kapelle, Platz genug, um dreimal in der Woche statt in der großen Kirche in dem erst 1991 neu errichteten kleinen Klosteranbau Gottesdienst zu feiern mit der Gemeinde.

Für Pater Piotr ist in diesen Tagen vieles ganz anders. Sein Tagesablauf, den er seit drei Jahren in Uelzen gewohnt war, ist gehörig durcheinandergekommen. Denn bislang war der großgewachsene schlanke Franziskaner Kaplan in der Pfarrei Uelzen mit ihren vier Kirchorten für die rund 6300 Katholiken. Doch seitdem im Juni Pfarrer Jan Stefaniuk verabschiedet wurde, um im polnischen Niepokalanow für den Orden als Verlagsdirektor zu arbeiten, ist Pater Piotr der neue Chef in Uelzen. Guardian heißt das bei den Franziskanern. Er ist zuständig für das Wohl und Wehe der Gemeinschaft.
Doch auch da ist gerade alles durcheinander. Der zweite im Bunde, Pater Dariusz (Darek) Burdalski (39) ist gerade zur Vertretung in Ottbergen bei Hildesheim, das demnächst von einer weiteren Komunität polnischer Franziskaner übernommen wird. Der dritte Pater ist noch gar nicht da: auf Przemyslaw (Przemek) Przygodzki wartet Pater Piotr noch. Er ist noch Diakon und wird im September im Orden zum Priester geweiht.

Dass sie zu dritt in Uelzen sein müssen, das ist den Franziskanern klar. Allein ihr Messprogramm mitsamt der Katechese in dem großen Landkreis erfordert diesen Einsatz. Spätestens, seit in den vergangenen Wochen auch Gemeindereferent Michael Hanke nach 23 Jahren die Stelle gewechselt hat, haben sie noch mehr zu tun.

„Wir wollen auch die Menschen versöhnen“

Damit ein polnischer Franziskaner nach Deutschland kommt, spricht der Chef der Warschauer Provinz der Franziskaner Minoriten ihn ganz persönlich an. Pater Czeslaw kann sich noch daran erinnern, wie das war, als er am 1. Juli 1991 nach Uelzen kam. „Da musste ich vorher erst Deutsch lernen und dann die deutsche Pastoral kennenlernen“, erinnert er sich. „Nach der Heiligsprechung Maximilian Kolbes 1982 wollten wir in seinem Sinne Versöhnungsarbeit leisten zwischen Polen und Deutschen“, hatte das damalige Ordenskapitel beschlossen. Zugleich, und darüber freuten sich deutsche Bischöfe, kamen die Minoriten in die Zeit des beginnenden Priestermangels. „Bischof Josef war damals ein Fuchs“, weiß Czeslaw noch. „Erst hatte er uns zwei Gemeinden gezeigt, die gar nicht passten und dann Uelzen präsentiert. Dabei wollte er uns wohl von Anfang an hier haben“, lernte der polnische Franziskaner den damaligen Hildesheimer Bischof schnell als warmherzigen Hirten kennen, bei dem er sich gut aufgehoben fühlte. Dabei hatte er sich in Uelzen zunächst gar nicht wohl gefühlt. Die Kirche war nicht renoviert, das Pfarrhaus für den Konvent aus drei Patres und zwei Laienbrüdern zu klein. Also musste erst gebaut und angestrichen werden, 1994 wurde der heutige Klosteranbau an das Pfarrhaus gesetzt.

Kochkünste der Mitbrüder überzeugten nicht immer

Der war nötig, leben die Patres in Uelzen doch wie in einer ganz besonderen Wohngemeinschaft zusammen. Gegessen wird meist in der großen Wohnküche, dort agiert Teilzeit-Haushälterin Irena Springer. Das sei gut so, freut sich Pater Czeslaw bei seiner Urlaubsvertretung. Als er noch Pfarrer in Uelzen war, kochten die Franziskaner selbst. Seine Erinnerungen an das Essen der Brüder damals sind durchaus gemischt. Neben dem offiziellen Refektorium als Essraum für besondere Gelegenheiten und offiziellem Versammlungsraum gibt es auch das Spiel- und Fernsehzimmer, das der Erholung und Sammlung dient. Diese gemeinsame Zeit am Abend ist für Pater Piotr sehr wichtig. Denn seine Berufung, die er nach seinem Theologiestudium in Warschau verspürte und die ihn in den Orden geführt hat, sei nicht zu allererst die des Priesters. „Zuerst bin ich Franziskaner in der Gemeinschaft Christi“, sagt er. Gemeinschaft, das findet er auch in der Pfarrei. „Die Menschen sind vielleicht weniger geworden, aber sie sind stärker miteinander verbunden“, hat er festgestellt.

Mitten unter ihnen zu sein, das ist dem neuen Pfarrer wichtig. Und so sehr er sich auch freut, im Urlaub zu seiner Mutter zu fahren, die ganz in der Nähe der von Maximilian Kolbe gegründeten Klosterstadt Niepokalanow wohnt, vermisst er sein Klosterleben schnell. Ob in Uelzen oder in Polen, er fühlt sich bei seinen Mitbrüdern.

Macht es Freude, bei den Franziskanen zu sein? Pater Czeslaw mit seinem offenen Humor und auch Pater Piotr, der so gern verschmitzt lächelt, kann man es glatt ansehen.

Christian Schlichter