05.07.2017

„Ich möchte in keiner anderen Zeit Christ und Priester sein“

Das Bistum Hildesheim beschreitet in der Personalplanung im Bereich Seelsorge neue Wege. Im 1.  Teil des großen Sommerinterviews hat Domkapitular Martin Wilk, Leiter der Hauptabteilung Personal/Seelsorge im Bischöflichen Generalvikariat, grundsätzliche Überlegungen vorgestellt. Im 2. Teil des Interviews geht es nun um Konkretes: den überpfarrlichen Personaleinsatz, die Rolle der Lokalen Kirchenentwicklung sowie Aus- und Fortbildung der in der Seelsorge Tätigen.

äDomkapitular Martin Wilk leitet im Bischöflichen
Generalvikariat die Hauptabteilung Personal/Seel-
sorge. | Foto: Edmund Deppe

Was steckt konkret hinter dem Begriff: „überpfarrlicher Personaleinsatz“?

Der Begriff „überpfarrlicher Personaleinsatz“ sagt zunächst nichts aus über die Zusammenarbeit von Pfarreien, sondern beschreibt lediglich die Form des Einsatzes des Personals. Konkret bedeutet das, dass ein Team – bestehend aus Priestern, Diakonen, Gemeindereferentinnen und -referenten, unter der Leitung  eines leitenden Pfarrers – für mehrere selbstständige Pfarrgemeinden zuständig sein wird. Wie groß ein solches Team ist und wie es zusammengesetzt wird, hängt natürlich von mehreren Faktoren ab. Die Größe der Pfarreien, die Zahl von Einrichtungen, die Entfernungen und die kirchlichen Aktivitäten spielen dabei eine Rollt. Dazu wurde ein Schlüssel erarbeitet, mit dem die Größe der Teams festgelegt wurde. Insgesamt wurde die Umsetzung des Stellenplans 2025 in einem langen Prozess in verschiedenen Gremien entwickelt und beraten. Eine besondere Rolle spielten dabei die Dekanatspastoralräte.

Und im Rückkehrschluss: Was ist „überpfarrlicher Personaleinsatz“ nicht?

Der „überpfarrliche Personaleinsatz“ bedeutet nicht, dass die gleiche Arbeit, die vorher in einem kleineren Rahmen geschehen ist, jetzt genauso, nur in einer größeren Fläche, fortgeführt wird. Das wäre im Blick auf die Priester, Diakone und Pastoral- und Gemeindereferenten nicht zu verantworten. Die Rollen der in der Pastoral Tätigen werden sich verändern und weiterentwickeln. Sie werden selbstverständlich weiterhin Seelsorger und Seelsorgerinnen sein, aber nicht „die Macher“, sondern in einem größeren Ausmaß als bisher werden sie Begleiter und Befähiger jener Personen, die das kirchliche Leben vor Ort aktiv gestalten und tragen.

Neue Gemeindefusionen soll es nicht geben. Können Sie sich die Zusammenarbeit von selbstständigen Pfarrgemeinden vorstellen?

Ob Pfarreien näher zusammenrücken, das wird sich im Laufe der kommenden Jahre zeigen. Sicherlich wäre es erstrebenswert, wenn man Synergieeffekte nutzen würde, wie zum Beispiel eine gemeinsame Ausbildung von Katechetinnen und Katecheten oder Beerdigungsleiterinnen und -leitern. Aber das liegt im Ermessen der Verantwortlichen vor Ort und wird sich vielleicht von selbst ergeben.

Wie sieht das mit nichtpastoralen Mitarbeitern aus?

Die sind selbstverständlich auf das Team, auf den leitenden Pfarrer hingeordnet. Gerade im Blick auf die neuen Verwaltungsbeauftragten sind eine gute und verlässliche Zusammenarbeit und eine inhaltliche Abstimmung notwendig. Sie schaffen nicht zuletzt mehr Raum für die ursprünglichen Aufgaben in der Seelsorge.

Welche Rolle spielt in diesem Zusammenhang zum Beispiel die „Lokale Kirchenentwicklung“?

Die Lokale Kirchenentwicklung ist Grundlage und Richtschnur für unsere Personalplanung. Kirche lebt davon, dass sich Christen in ihren Pfarreien vor Ort engagieren und so der Kirche ein Gesicht geben. Es wird zu den Aufgaben der pastoralen Teams vor Ort gehören, in den Pfarrgemeinden neue Formen und Wege der Verkündigung und des geistlichen Lebens anzuregen und caritative Initiativen zu entwickeln. Der Blick richtet sich dabei immer auf die Gesamtheit der an dem Ort lebenden Menschen und nicht nur auf einen kleinen internen Kreis einer Gottesdienstgemeinde.

Was bedeutet diese Umstrukturierung, diese Neuorientierung im Bistum für die Ausbildung beziehungsweise Fortbildung der pastoralen Berufsgruppen?

In einem breit angelegten Partizipationsverfahren haben wir die Geistlichen und pastoral Mitarbeitende befragt, welche Unterstützung sie in den kommenden Zeiten der Veränderung benötigen. Dabei sind konstruktive Vorschläge entstanden. Wir sind nun dabei entsprechende Fortbildungsprogramme aufzulegen. Hierzu stehen wir in einer engen Kooperation mit der Hauptabteilung Pastoral und der AFB. Gemeinsam installieren wir bereits passgenaue Formate für die Herausforderungen in der Pastoral und die Bedarfe der Mitarbeiterinnen und der Mitarbeiter. Gleichzeitig legen wir einen Focus auf Begleitung, Supervision und Coaching.

Ich bin der Auffassung, dass die Veränderungsprozesse in unserem Bistum von den Geistlichen und den pastoralen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern erfolgreich gestaltet werden können, wenn sie dabei durch Begleitung und Fortbildung unterstützt werden.

Wo wird der Platz der Pastoralreferentinnen und -referenten im überpfarrlichen Personaleinsatz sein?

Während die Gemeindereferentinnen und –referenten ganz klar in den pastoralen Teams vor Ort arbeiten, liegt der Schwerpunkt der Aufgabe der Pastoralreferentinnen und -referenten eher in der theologischen und pastoralen Ausbildung und Begleitung – gerade auch überregional – von den Engagierten, die in ihren Gemeinden und Pfarreien pastorale Aufgaben und liturgische Dienste übernehmen oder als Katechetinnen und Katecheten arbeiten. Um diese Aufgabe auch entsprechend gestalten zu können, gilt es die pastoralen Überlegungen und konkreten Notwendigkeiten der Pfarrgemeinden zu kennen. Daher werden die Pastoralreferentinnen und -referenten im Dekanat in einem engen Austausch mit den pastoralen Teams – vorzugsweise mit dem leitenden Pfarrer – stehen. Zu erwähnen ist auch, dass viele Pastoralreferentinnen und Pastoralreferenten in der Kategorialseelsorge eingesetzt ist. Im Kontext der Lokalen Kirchenentwicklung muss natürlich überlegt werden, wie die verschiedenen Orte von Kirche (Pfarrei, Gemeinde, Kategorie) stärker miteinander vernetzt werden und in Beziehung treten und nicht isoliert nebeneinander stehen. Ich glaube, dass die Pastoralreferentinnen und -referenten bei diesen Überlegungen und Entwicklungen einen wichtigen Beitrag leisten können.

Kurz zusammengefasst: Wohin geht das Bistum Hildesheim?

Wir leben in einer spannenden Umbruchzeit. Für mich kann ich sagen: Ich möchte in keiner anderen Zeit Christ und Priester sein als jetzt. Bei aller Herausforderung erlebe ich, dass es unwahrscheinlich viel Raum für Gestaltung gibt und Menschen, die bereit sind, sich zu engagieren. Ich glaube daran, dass wir als Bistum in eine gute Zukunft gehen, auch wenn vieles anders sein wird als das, was wir aus der Vergangenheit kennen.

Interview: Edmund Deppe

Interview mit Martin Wilk Teil 1