02.08.2017

Konfessionelle Spannungen

„Schmerzhaft und holprig war das“

Trotz gegenseitiger Hilfe in der unmittelbaren Not nach dem Krieg achten evangelische und katholische Kirchen nach dem Krieg sehr darauf, die Gläubigen voneinander getrennt zu halten. Für gemischtkonfessionelle Paare ist es eine Leidenszeit. Ökumenische Bemühungen beginnen erst parallel zum II. Vatikanischen Konzil.

Leo Beigel und Ursula Sczakiel zeigen im Innenhof
von St. Nikolaus ein Modell der Kirche, in der die
Protestanten nach dem Krieg Gottesdienst feiern
konnten. | Foto: Nestmann

„Nein, die Ökumene war kein Selbstläufer“, sagen Leo Beigel (79) und Ursula Sczakiel (87) von der Gemeinde St. Nikolaus in Burgdorf. Die Kirche St. Nikolaus, erbaut mit Mitteln des Bonifatiuswerkes und im Jahr 1935 eingeweiht, gab nach dem Krieg den evangelischen Gläubigen der halb zerstörten St.-Pankratius-Kirche Obdach für ihre Gottesdienste. Grundlage ist Übereinkunft der katholischen und evangelischen Bischöfe aus dem Krieg, einander mit Kirchen auszuhelfen. Denn die seelsorgerische Not ist groß. Viele Kirchen wurden durch Bomben zerstört. Flucht und Vertreibung haben Konfessionen, die früher regional jahrhundertelang getrennt waren, durcheinander gewirbelt.


„Evangelische haben wir in unserer Kirche nie gesehen“

Der katholische, damals achtjährige Leo Beigel aus dem oberschlesischen Leobschütz ist einer von ihnen. Schon vor dem Krieg in Burgdorf geboren ist Ursula Sczakiel, Tochter eines katholischen Spargelmädchens aus dem oberschlesischen Hindenburg und eines Katholiken aus dem Harz.

„Evangelische haben wir in unserer Kirche St. Nikolaus aber nie gesehen“, sagen die Einheimischen und der Zugereiste übereinstimmend. Wichtige Gottesdienste, zum Beispiel Konfirmationen, feiern die Evangelischen ohnehin in ihrer Kirche, auch wenn deren Fenster mit Brettern vernagelt sind. Die Gottesdienste beider Konfessionen liegen zeitlich weit auseinander, sodass man einander nicht über den Weg laufen kann. Im täglichen Leben ist das in Burgdorf anders. Einheimische und Zugezogene lernen einander kennen, schätzen und manchmal auch lieben. Ökumenische Trauungen gibt es aber noch nicht, und die Geistlichen suchen Mischehen möglichst zu verhindern.


„Mischehe führt zum völligen Verlust des Glaubens“

Leo Beigel, früher Messdiener, Kolpingbruder und Kirchenvorstand, sagt: „Es gab damals die gängige These, dass eine Mischehe zum völligen Verlust des Glaubens an Gott führe. Spätestens die Enkel glaubten dann an garnichts mehr. Ich kenne gemischtkonfessionelle Paare, bei denen die Pfarrer in Burgdorf eine Trauung verweigert haben. Ich erinnere mich an einen Kolpingbruder der sich von uns in einer Sitzung weinend verabschiedete. Davor hatte er gesagt: „Sie ist von hier. Sie ist evangelisch und hat einen Bauernhof. Ich soll evangelisch werden. Dann können wir heiraten. Ich kann nicht anders. Denn wir lieben uns so sehr.“

Eine Burgdorfer Witwe, die ihren Namen nicht veröffentlicht haben will, sagt der KirchenZeitung: „Ich bin eine geborene evangelische Burgdorferin. Mein Mann war katholischer Oberschlesier. Ich sah mich außerstande, unsere Kinder in einer anderen Konfession zu erziehen. Deshalb haben wir im Jahr 1948 evangelisch geheiratet. Wir bekamen zwei Töchter. Dann, im Jahr 1961, wurde mein Mann sehr krank. Es war möglich, dass er sterben könnte, und er fürchtete, wegen seiner evangelischen Heirat in die Hölle zu kommen. Mein evangelischer Pastor sagte mir, wenn mein katholischer Ehemann so leide, müsse ich das Opfer bringen. So haben mein Mann und ich uns im Jahr 1961 noch einmal kirchlich trauen lassen — dieses Mal katholisch, durch Pfarrer Breitenbach. Mein Mann ist dann wieder gesund geworden. Wir haben danach noch zwei Söhne bekommen. Die wurden katholisch getauft. Die beiden Töchter konnten evangelisch bleiben.“


Konfessionelle Spannungen verstärken sich

Bischof Godehard Machens (rechts) dankt Hanns Lilje
dafür, dass die evangelische Kirche den Katholiken
ihre Kirchen zur Verfügung stellt.
| Foto: Bistumsarchiv Hildesheim

Die interkonfessionellen Spannungen werden auch durch die Ostpriesterhilfe des niederländischen Prämonstratenserpaters Werenfried van Straaten verstärkt. So sehr, dass sie im Jahr 1954 auch den niedersächsischen Landtag beschäftigen und zu einer Sonderkonferenz der katholischen und evangelischen Bischöfe in Nette bei Osnabrück führen. Van Straaten aus dem flämischen Kloster Tongerlo hat nicht nur Lebensmittelspenden, Kapellenwagen und fahrbare Untersätze für die Flüchtlingsgeistlichen besorgt. Mit Hilfe seines „Bauordens“ baut er von Nord nach Süd Klöster entlang der Zonengrenze. „Festungen Gottes“ nennt er sie. Und diese sind nicht nur gegen den Kommunismus gerichtet.

Ein Artikel in der niederländischen Zeitung „Maas- en Roerbode“, geschrieben von dem niederländischen Passionisten-Pater Theodorus, der auch von Celle aus Missionsarbeit in der Lüneburger Heide geleistet hat, verdeutlicht die Sicht der niederländischen Patres:


Vertreibung als Chance für die Katholiken in der Diaspora

„Was der Kommunismus mit der einen Hand einzureißen versucht, baut er, ohne es zu wollen, mit der anderen Hand wieder auf.“...„Durch seinen Terror trieb er Millionen von Katholiken aus Polen und Schlesien, aus Sudetendeutschland und Ostpreußen, aus Österreich und Ungarn über die Zonengrenze in den freien Teil Deutschlands ... Welch eine Chance bekommt unsere Kirche, sich von jetzt an auch in der Diaspora einen festen Platz zu erobern.“...Weiter heißt es: „Gott hat zweifellos seine Absichten gehabt, als ER mitten in den deutschen Protestantismus, in eine Gegend, die praktisch keine Katholiken kannte, Tausende und Tausende von Katholiken sandte ... Augenblicklich sind sie noch mehr oder weniger verlassen, aber wenn sie mehr und besser versorgt werden, werden sie sein wie der Sauerteig, der überall wirkt und der die Kirche zurückbringen wird in Gegenden, die seit Jahrhunderten der Kirche verschlossen waren.“


Bischöfe sind auf ein gutes Miteinander angewiesen

Der Artikel wird von einer niederländischen Protestantin gelesen, ausgeschnitten und mit dem Vermerk „Ostpriesterhilfe“ an einen deutschen Bekannten geschickt. Es ist der evangelische Pastor und niedersächsische Sozialminister Heinrich Albertz (SPD). Der Inhalt wird schnell verbreitet. In Celle verweigert der Rat der Stadt den Patres den Baugrund für ein geplantes Kloster. Auch die katholischen Bischöfe blockieren einen großen Teil der geplanten „Festungen Gottes“. Die katholischen Bischöfe sind auf ein gutes Miteinander mit ihren evangelischen Amtsbrüdern dringend angewiesen. Allein im Bereich des Bistums Hildesheim nutzt die katholische Kirche 1000 evangelische Gotteshäuser.

Das damalige Verhältnis der Gläubigen zu den Patres ist zwiespältig. Einerseits leisten diese selbstlose Hilfe für Menschen unter denen sie wenige Jahre zuvor im Krieg noch gelitten haben. Andererseits bemühen sie sich, Misch­ehen, die evangelisch geschlossen sind, wieder auseinanderzubringen. Sie raten zu Scheidungen und unterstützen diese finanziell.

Leo Beigel sagt: „Die Ökumene ging auf Gemeindeebene eigentlich erst parallel zum II. vatikanischen Konzil wieder los. Bei uns in St. Nikolaus war es so, dass Pfarrer Bernward Breitenbach im evangelischen Pfarramt St. Pankratius anrief und fragte, ob man nicht Lust habe, gemeinsam in den Forst zu fahren und Weihnachtsbäume für die Kirche zu schlagen. Das machte man und kehrte danach gemeinsam in einer Gaststätte ein. Jetzt ist es so, dass die evangelischen Geistlichen uns auch auf der Fronleichnamsprozession begleiten. Ja, es hat sich unglaublich viel gewandelt.“

Von Tillo Nestmann