Duderstädter Gespräche über Enzyklika „Laudato si“

„Unsere Wirtschaft tötet!“

Es ist eine einfache Frage: Wie kann die Menschheit angesichts von Klimakatastrophe und Rohstoffknappheit überleben? Bei den Duderstädter Gesprächen prallten viele Meinungen aufeinander – letztlich ging es um Vision und Machbarkeit.

Kolping-Diözesanvorsitzender Andreas Bulitta begrüßt die Gäste zu den Duderstädter Gesprächen.

Die Vision hat eine Leitfigur. Sie ist in diesem Fall kein jugendliches Leichtgewicht, macht einen eher durch und durch seriös-pragmatischen Eindruck, weiß genau, wovon sie redet, ist charismatisch, selbstsicher, überzeugend, mitreißend und heißt Franz Alt. Er kam ohne jeden Selbstzweifel daher und redete seine Mitstreiter allein von seinem Auftreten her in Grund und Boden – die politischen Abgeordneten und Interessenvertreter hatten gegen ihn keinen Stand. Paroli bot ihm lediglich  der aus Hildesheim stammende Moraltheologe Franz-Josef Bormann. Der haute nämlich rein – ganz theologisch natürlich – und kritisierte die von allen Seiten so hochgelobte Enzyklika „Laudato si“ von Papst Franziskus.

Widerspruch bleibt Nebenschauplatz

Dieser Widerspruch blieb zwar Nebenschauplatz bei all den gut meinenden Statements. Gleichwohl war der Konflikt zwischen Alt und Bormann der wesentliche Punkt, der die Duderstädter Gespräche, zu denen der Kolping-Diözesanverband seit Jahren auf den Duderstädter Pferdeberg einlädt, zu einem bemerkenswerten Ereignis gemacht hat.

Journalist Franz Alt

Charismatiker mit Krawatte

Franz Alt betrat die Bühne nach dem Vorprogramm. Etliche hatten bereits gesagt, was zu sagen ist: dass es so selbstverständlich nicht weitergehen kann mit der Umwelt, dass der Klimagipfel von Paris natürlich eine Chance ist, die es zu ergreifen gilt, dass die Welt unmittelbar vor dem Abgrund steht, dass aber jetzt den Worten Taten folgen müssen, kurz: dass es nicht mehr nur fünf vor zwölf ist, sondern eigentlich viel später…

Und dann Vorhang auf für einen, der Klartext redet: ein Vertreter der alten Riege, volles graues Haar, braunes Jackett, weißes Hemd, Krawatte, Brille. Da wird nicht lange geschwafelt. Franz Alt ist Journalist durch und durch (die meisten kennen ihn von früher als Moderator von Monitor in der ARD) und er kann mit jedem Wort die Dinge auf den Punkt bringen – so, wie er sie sieht.

Er sieht sie so: Die Menschen stehen vor ihrem Ende. Jeden Tag werden 150 Tier- und Pflanzenarten ausgerottet, jeden Tag verbrauchen wir Energie, die von der Natur im Laufe von einer Million Jahre aufgebaut wurde, jeden Tag produzieren wir 50 000 Hektar Wüste. „Und dann wundern wir uns, wenn die Flüchtlinge nach Europa kommen?“, greift Alt neben der Apokalypse noch gleich den aktuellen Stand der politischen Debatte auf.
Egal, welches Argument er bringt: Franz Alt hat ja so recht, wenn er vom „Homo Dummkopf“ redet. Wer will ihm denn widersprechen, wenn er Irrsinn benennt, was Irrsinn ist: dass China ernsthaft überlegt, Teile des Himalayas mit Hilfe von Atombomben zu sprengen, um ganze Flüsse umzuleiten, damit die eigene Trinkwasserversorgung gewährleistet ist, wenn er aus solchen Gründen furchtbare Kriege voraussagt? Wenn er – um es auf den Punkt zu bringen – sagt: „Diese Art von Wirtschaft mit ihren zerstörenden Folgen tötet!“? Eine Aussage übrigens, die der Papst in seiner Enzyklika eben mit diesen Worten benennt.

Moraltheologe Franz-Josef Bormann

„Der Mensch ist handelndes Subjekt“

Das genau ist der Punkt, der den Moraltheologen Bormann auf den Plan ruft. „Das ist undifferenzierter Unfug“, sagt er, nachdem er zuvor die Enzyklika in Zusammenhang mit der katholischer Soziallehre erläutert hat. Die Forderung des Papstes nach einer Umverteilung des Besitzes sei völlig unrealistisch. Und im Übrigen fehle ein Zeitrahmen für all die Forderungen der Enzyklika. Zu guter Letzt fehle ihr ein entscheidendes Argument, das in der katholischen Kirche allgegenwärtig sei: Der Mensch sei ein handelndes Subjekt mit verantworteter Freiheit. Da lasse sich wirtschaftliches Verhalten – und sei es noch so gut gemeint – nicht einfach überstülpen.

Auf ein paar Sätze lassen sich die Duderstädter Gespräche nicht zusammenfassen. Gesagt wurde viel: von Politikern und Interessenvertetern jeder Richtung. Der grundsätzliche Konflikt, den auch eine Enzyklika mit sich bringt, blieb eher ein Nebenschauplatz: Kann die Welt nur gerettet werden, wenn jeder Mensch verzichtet? Auf was? Und vor allem: warum?

Stefan Branahl