18.10.2017

IPP stellte Bericht über den sexuellen Missbrauch im Bistum Hildesheim vor

„Wir haben falsch gehandelt“

Schwere Versäumnisse bescheinigen unabhängige Gutachter dem Bistum Hildesheim im Umgang mit dem Missbrauchsfall des Priesters Peter R. Die Gutachter äußern sich auch zu den Anschuldigungen gegen den verstorbenen Bischof Heinrich Maria Janssen. Ihr Fazit: Der Fall lässt sich nicht mehr klären.

Gutachter und Bistumsleitung standen den Journalisten
Rede und Antwort. | Fotos: Chriss Gossmann

Die Mitarbeiter des Münchener Instituts für Praxisforschung und Projektberatung (IPP) kommen zu dem Schluss, dass sowohl das Bistum Hildesheim als auch der Jesuitenorden über lange Zeit wissentlich in Kauf genommen haben, dass Minderjährige durch Peter R. gefährdet wurden. „Der damalige Umgang des Bistums Hildesheim mit diesen Fällen ist von einem Muster der Naivität, Verantwortungslosigkeit und unklaren Kommunikation geprägt”, stellen die Wissenschaftler fest.

Die Gutachter konnten elf Fälle sexualisierter Gewalt nachweisen, die sich Peter R. während seiner Zeit in Hildesheim zuschulden kommen ließ. „Ich bitte die Opfer im Namen unseres Bistums um Vergebung. Uns ist sehr bewusst, dass ihnen großes Leid widerfahren ist“, sagte Weihbischof Dr. Nikolaus Schwerdtfeger. Er steht derzeit als Diözesanadministrator an der Spitze des Bistums.

Weihbischof Heinz-Günter Bongartz, der als damaliger Personalchef der Geistlichen in den Fall Peter R. involviert war, hat aufgrund des Gutachtens seinen Rücktritt angeboten, der jedoch von Schwerdtfeger nicht angenommen wurde. „Ich kenne Weihbischof Bongartz als durch und durch integer. Ich vertraue ihm“, sagte der Diözesanadministrator bei der Vorstellung des Gutachtens. Die Fehler, die Weihbischof Bongartz nach Einschätzung der Gutachter zuzuschreiben sind, erklärten sich auch dadurch, dass er zu wenig Unterstützung ge­habt habe. „Ich muss eingestehen, dass wir als Institution falsch gehandelt haben, nicht er allein“, sagte Schwerdtfeger.

Domkapitular Martin Wilk, heute Personalchef für die Pries­ter und pastoralen Mitarbeiter im Bistum, kündigte an, verschiedene Empfehlungen des IPP hinsichtlich des Umgangs mit sexuellem Missbrauch rasch umzusetzen.

In Bezug auf den Missbrauchsvorwurf gegen den verstorbenen Bischof Heinrich Maria Janssen stellen die IPP-Wissenschaftler fest, dass dieser weder bewiesen noch entkräftet werden kann. Das Institut benennt Schwächen in der bisherigen Vorgehensweise und gibt Empfehlungen, wie sich die Kirche im Umgang mit Verdachtsfällen sexualisierter Gewalt besser aufstellen sollte.

 

„Verantwortungslos“

Die Vertreter des IPP stellten die Ergebnisse ihrer
Untersuchung im Rahmen der Pressekonferenz vor.

Mit deutlichen Worten fasste das IPP bei der Vorstellung des Berichts über den sexuellen Missbrauch im Bistum Hildesheim seine Ergebnisse zusammen, listete Versagen, Fehler und Versäumnisse auf. Hier die leicht gekürzte Erklärung:

„Die Analyse des Falles Peter R., der in den Jahren 1982 – 2003 im Bistum Hildesheim wirkte, bringt gravierende Versäumnisse sowohl der Verantwortlichen des Bistums als auch des Jesuitenordens zutage.

Der damalige Umgang des Bistums Hildesheim mit diesen Fällen ist von einem Muster der Naivität, Verantwortungslosigkeit und unklaren Kommunikation geprägt. Es entsteht der Eindruck, dass Jesuiten und Bistumsverantwortliche eine mögliche Verantwortung für den sexuell übergriffigen Priester einander zuschieben wollten. Als ihm der Austritt aus dem Jesuitenorden nahegelegt wurde, nahm das Bistum Hildesheim Peter R. bereitwillig auf. Man sorgte sich um den „schwierigen“ Priester, man sorgte sich aber erkennbar nicht um seine Opfer und um die Minderjährigen, mit denen er bekanntermaßen zu tun hatte.

Als besonders gravierend heben die Gutachter heraus,

– dass keinerlei Hilfen für die Opfer von Peter R. angeboten wurden,

– dass keine Gemeinde, in die Peter R. versetzt wurde, über die tatsächlichen Gründe der Versetzung informiert wurde,

– dass dem Priester der Umgang mit Kindern und Jugendlichen nicht verboten wurde und seine Arbeit keiner Kontrolle unterlag,

– dass niemals mit externen Instanzen zusammengearbeitet wurde, um nach adäquaten Lösungen zu suchen,

– dass keine Strafanzeige gestellt und erst 1997 erstmals eine kirchenrechtliche Einordnung vorgenommen wurde,

– dass eine im Jahr 1995 ausgesprochene Entpflichtung von den Aufgaben im „Guten Hirten“ stillschweigend wieder zurückgenommen wurde.

2015 wurde nach Fernsehberichten der Fall einer jungen Frau, Karin B. aus Hildesheim (Name geändert), bekannt, die Peter R. beschuldigte, ihr gegenüber als 14-Jährige sexuell übergriffig geworden zu sein. Zwar zeige sich hier das Bemühen des Bistums, Betroffenen gerecht zu werden, aber, so listet das Institut unter anderem auf:

– dem Bistum Hildesheim waren in dieser Zeit bereits alle Fälle präsent, derer sich Peter R.  schuldig gemacht hatte. Dies wurde aber bei der Einschätzung des Falles nicht berücksichtigt;

– das Bistum Hildesheim leitete erst mit Verzögerung – auf Initiative der Jesuiten und der Glaubenskongregation – eine kirchenrechtliche Voruntersuchung ein;

– Peter R. wurde vom Bistum über die geplante Strafanzeige informiert, ihm wurde u.a. die handschriftliche Notiz, in der Karin B. den sexuellen Übergriff schildert, zur Verfügung gestellt;

– die Mitteilung an die Staatsanwaltschaft enthielt nur rudimentäre Informationen über eine mögliche Täterschaft von Peter R.

Vorwurf des sexuellen Missbrauchs durch Bischof Heinrich Maria Janssen kann weder bewiesen noch entkräftet werden.

Die Vorwürfe gegen den verstorbenen Bischof wegen unzähliger schwerer sexueller Missbrauchsfälle an einem Ministranten in der Zeit von 1958–1963  wurden Ende 2015 bekannt. Durch die Veröffentlichung des Falles geriet das Bistum Hildesheim in ein massives Kommunikationsdilemma, das die Gutachter auf folgenden Widerspruch zurückführen:

Einerseits wurde das Leid des früheren Ministranten offiziell anerkannt, andererseits musste klargestellt werden, dass damit kein Schuldspruch für den verstorbenen Bischof verbunden ist.

Kirchennahe Kreise innerhalb des Bistums reagierten mit Entsetzen und Empörung auf die Behauptung, dass der hoch angesehene Bischof ein Missbrauchs­täter gewesen sein soll. Daraus entstand die nachvollziehbare Forderung, diesen Vorwurf aufzuklären.

Die Gutachter stellen klar, dass dies nach so langer Zeit weder mit justizförmigen noch mit psychologischen Verfahren möglich ist. Sie ermittelten zwar drei weitere Personen, die entsprechende Vorwürfe gegen den Bischof erhoben – nach Einschätzung der Gutachter seien deren Schilderungen aber nicht geeignet, den Bericht des früheren Ministranten zu validieren. Aufrufe an frühere Schüler, Ministranten und andere Gemeindemitglieder führten zu keinen weiteren Ergebnissen.

Zur Frage, inwieweit die Bistumsverantwortlichen bei der Bearbeitung des Falles gemäß den Leitlinien der Deutschen Bischofskonferenz gearbeitet haben, wird festgestellt, dass sich Abweichungen von den Leitlinien – unter dem Druck der Forderungen des ehemaligen Ministranten – vor allem im Bereich unklarer Zuständigkeiten und Kompetenzen zeigen. Die Gutachter kommen zu der Einschätzung, dass durch den Fall allgemeine Probleme in dem Verfahren zur Anerkennung des Leids und in der Position der Ansprechpartner offengelegt werden.“

 

„Schuld lastet auf uns“

Das war deutlich: Weihbischof Dr. Nikolaus Schwerdtfeger machte als interimistischer Leiter des Bistums klar, wie sehr er die Versäumnisse der Vergangenheit in Sachen sexueller Missbrauch bedauert – und er versprach einen Kulturwandel. Sein Statement dokumentieren wir in wesentlichen Auszügen.

„Ich danke den Gutachtern für ihre akribische, unabhängige und differenzierte Arbeit, auch wenn die Ergebnisse zu einem großen Teil sehr schmerzhaft sind: Im Blick auf das Leid der Opfer wie auch auf die offensichtlichen Fehler in unserer Reaktion auf ihr Leid.
Die eigene Schuld und das eigene Versagen lasten auf uns. Ich bitte die Opfer und ihre Angehörigen im Namen unseres Bistums um Vergebung. Uns ist sehr bewusst, dass ihnen großes Leid widerfahren ist. Das macht mich zerknirscht und bekümmert, und es beschämt mich tief.

Wir nehmen die Ergebnisse des Gutachtens selbstkritisch und in Demut an. Sie geben ein starkes Signal für einen Kulturwandel und für eine stete Verbesserung der Interventions- und Präventionsmaßnahmen in unserem Bistum und darüber hinaus …

In dem Bericht geht es um schwere menschliche Schicksale. Kinder sind um ihre Kindheit beraubt, Jugendliche bis ins Mark getroffen worden, und die zugefügten Wunden heilen nicht; und wenn sie einmal heilen, bleibt doch immer eine Narbe zurück, die an das zugefügte Unrecht erinnert. Es ist bedrückend, dass Menschen gerade in unserer Kirche zu Opfern sexualisierter Gewalt wurden und wir darauf viel zu lange nicht adäquat reagiert haben.

Das Münchener Institut hat sich detailliert mit dem Missbrauchsvorwurf gegen unseren ehemaligen Bischof Heinrich Maria Janssen beschäftigt. Es benennt Schwächen in unseren Abläufen und gibt klare Empfehlungen, wie wir uns als Kirche im Umgang mit Missbrauchsopfern besser aufstellen sollten. Viel davon hat mit einer veränderten Kultur zu tun, zu der Kommunikation nach innen und außen und Sensibilisierung gehören – in der Kirche wie in der Gesellschaft. Guter Wille und eine Herangehensweise aus seelsorgerischer Perspektive allein reichen im Umgang mit Betroffenen nicht aus.
 

Tief betroffen: die Weihbischöfe Heinz-Günter
Bongartz und Nikolaus Schwerdtfeger.

Hier stößt die Kirche an ihre Grenzen. Es bedarf auch einer professionellen externen Begleitung, um auf diesem schwierigen und komplexen Feld das Richtige zu tun.

Der Bericht lässt keinen Zweifel daran, dass die Hinweise auf offensichtliche und wiederholte Vergehen des Pries­ters Peter R. während seines mehr als 20-jährigen Wirkens in unserer Diözese missachtet worden sind. Daran gibt es nichts zu beschönigen …

Die Fehler, die Weihbischof Bongartz nach Einschätzung der Gutachter zuzuschreiben sind, erklären sich auch dadurch, dass er zu wenig Unterstützung hatte. Ich habe deshalb nicht zugestimmt, als er uns spontan seinen Rücktritt angeboten hat. Ich muss vielmehr eingestehen, dass wir als Institution falsch gehandelt haben, nicht er allein, und dass wir seinerzeit keine entsprechenden strukturellen und personellen Änderungen vorgenommen haben.

Weihbischof Bongartz hat in der Aufarbeitung von Missbrauchsfällen in unserem Bistum viel geleistet und vor allem zu einer veränderten Haltung im Umgang damit beigetragen. Er hat damals, vor sieben Jahren, nicht erkannt, was wir heute sehen. Nun die eigenen Fehler einzugestehen, trägt mit dazu bei, eine adäquate Handlungsweise zu entwickeln. Ich habe ihn gebeten, sich nicht zurückzuziehen, sondern in der Verantwortung als mein Ständiger Vertreter zu bleiben.

Wir wollen aus den Resultaten des Gutachtens lernen. Das bedeutet: Wir müssen zuallererst die Opfer im Blick haben, uns den Verfehlungen der Vergangenheit konsequent stellen und alles dafür tun, sie in Zukunft zu vermeiden.“

 

„Ich bitte um Entschuldigung“

Weihbischof Heinz-Günter Bongartz war als Personalchef für die Geistlichen in die Vorgänge um den Priester Peter R. eingebunden. Er räumte Fehler ein und will künftig die Perspektive der Opfer in den Blick nehmen. Hier seine leicht gekürzten Ausführungen auf der Pressekonferenz.

„Ich bin tief betroffen über die Ergebnisse des Gutachtens. Sie haben mich schockiert, weil sie mir eindeutig meine falschen Einschätzungen vor Augen gehalten haben. Ich bin den Gutachtern dankbar, auch wenn manche Hinweise für mich schmerzvoll sind.

Ich bin zwischen 2007 und 2014 in unserem Bistum direkt mit Missbrauchsfällen befasst gewesen. Ich habe in dieser Zeit Dutzende Gespräche mit Menschen geführt, die von Geistlichen missbraucht und dadurch für ihr weiteres Leben schwer gezeichnet worden sind.
Ich habe versucht, für diese Menschen, so gut es geht, da zu sein und ihnen zu helfen. Mein Antrieb war stets, es gut zu machen. Es ist sehr schmerzlich für mich, dass mir das vor sieben Jahren in Bezug auf Karin B., wie sie im Gutachten genannt wird, nicht gelungen ist. Ich habe auch als Seelsorger nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt und dabei dennoch Fehler gemacht.

Ich habe nicht erkannt, dass ich – angesichts von rund 70 Meldungen zu 37 Missbrauchsfällen nach unserem Aufruf im Jahr 2010 – in eine Situation der persönlichen Überforderung hineingeraten bin. Die unglaubliche Zahl von Meldungen hat mich überrollt.
Ich nehme die Kritik der Gutachter sehr ernst. Besonders die konstruktiven und wichtigen Hinweise zur Beachtung des Kindeswohls habe ich wahrgenommen und werde in Zukunft noch mehr die Perspektive der Opfer in den Blick nehmen.

Ich habe in dem Erstgespräch mit Karin B. eine falsche Einschätzung vorgenommen, und ich bereue das sehr. Ich kann leider nicht ungeschehen machen, was der heute jungen Frau und ihrer Mutter durch die Vergehen von Peter R. widerfahren ist.

Was Peter R. getan hat, beschämt mich sehr und ich verurteile es aufs Schärfste. Ich bitte von ganzem Herzen um Entschuldigung, dass ich damals nicht die Täterstrategien wahrgenommen und die daraus notwendigen Schlüsse für das Kindeswohl abgeleitet habe. Es wäre 2010 wichtig gewesen, dass wir noch einmal, auch mit externer fachlicher Beratungshilfe, den Kontakt zu dem damaligen Mädchen Karin B. gesucht hätten …

Unsere Kirche hat seit 2010 einen Kulturwandel vollzogen. Das Thema Missbrauch darf nie im Verborgenen gehalten werden. Im Vordergrund stehen die Menschen, denen Unrecht widerfahren ist, und unser absolutes Bestreben, Unrecht in Zukunft zu verhindern. Dieses Thema darf für uns nicht abgeschlossen sein. Dem fühle ich mich persönlich verpflichtet. Für diese Aufgabe möchte ich mich, auch aufgrund meiner Erfahrungen von Fehlern und Scheitern, mit größter Kraft einsetzen.“

 


Das Münchener Institut für Praxisforschung und Projektberatung (IPP) wurde im vergangenen Jahr durch das Bistum Hildesheim beauftragt, die Missbrauchsvorwürfe gegen den früheren Hildesheimer Bischof Heinrich Maria Janssen und den pensionierten Priester Peter R. aufzuarbeiten. Es sollte auch klären, ob das Bistum beim Umgang mit den Missbrauchsvorwürfen korrekt vorgegangen war. Bereits 2013 hatte das IPP den sexuellen Missbrauch in der Benediktiner­abtei Ettal untersucht.

Der rund 250 Seiten umfassende Abschlussbericht des IPP sowie die kompletten Statements von Weihbischof Dr. Nikolaus Schwerdtfeger und Weihbischof Heinz-Günter Bongartz können geladen werden unter www.bistum-hildesheim.de

Die komplette Pressekonferenz vom Montag ist auf dem youtube-Kanal des Bistums zu sehen: www.youtube.com/bistumhildesheim