16.10.2017

Unterschlagungs-Prozess im Vatikan

Akten sind zu, Fragen bleiben offen

Statt kranker Kinder profitierte ein rüstiger Kardinal: Der Unterschlagungsprozess um die Klinik Bambino Gesu endet mit einer Bewährungsstrafe.


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Im Prozess gegen den früheren Direktor der Kinderklinik Bambino Gesu fiel am vergangenen Wochenende das Urteil: Giuseppe Profiti kommt mit einem Jahr auf Bewährung, einer Geldstrafe und einer Sperre für öffentliche Ämter im Vatikan davon. Foto: kna


Ein blaues Auge - der Ex-Chef der vatikanischen Kinderklinik Bambino Gesu, Giuseppe Profiti, kommt mit einem Jahr auf Bewährung, 5.000 Euro Geldstrafe und fünf Jahren Sperre für öffentliche Ämter im Vatikan davon. Der Mitangeklagte frühere Schatzmeister der Klinikstiftung, Massimo Spina, erhielt vor dem Vatikangericht Freispruch. Es ging um immerhin 422.000 Euro, von denen, so die Anklage, statt kranken Kindern ein rüstiger Kardinal profitierte.

Bis zuletzt blieb die Geschichte verwickelt und rätselhaft. Tarcisio Bertone, ab 2006 Kardinalstaatssekretär, sollte 2013 seinen Alterssitz im Palazzo San Carlo im Vatikan beziehen und sah Renovierungsbedarf. Sein Anwalt sprach von einer "Bruchbude" von 150 Quadratmetern, nach anderer Darstellung soll es sich um eine geräumige Dachwohnung von 300 bis 425 Quadratmetern handeln, Gartenblick, feiner Marmor, eine 19.000-Euro-Stereoanlage.

Für die Arbeiten hatte Bertone einen alten Freund an der Hand, Gianantonio Bandera. Dieser taxierte die Kosten für seine Baufirma Castelli Re zunächst angeblich auf 616.000 Euro, gewährte dann aber großzügig Rabatt. Als verbrieft gilt, dass Bertone 300.000 Euro aus eigener Tasche zahlte und 422.000 Euro, die er nie angefordert haben will, aus der Kasse der Kinderklinik flossen. Im Gegenzug dafür sollte der Kardinal ab und zu großzügige Wohltäter in seinen Räumen bewirten.

Inzwischen ist Castelli Re bankrott, das Geld der Klinikstiftung mutmaßlich bei einem anderen Unternehmen Banderas in London gelandet. Als die neue Präsidentin des Bambino Gesu, Mariella Enoc, von Bertone die 422.000 Euro zurückforderte, ließ der Kardinal erklären, er schulde dem Krankenhaus nichts; als "Zeichen der Großzügigkeit" überwies er aber 150.000 Euro. Am Ende hakte Enoc laut italienischen Medien 328.000 Euro als Verlust ab.

Der Verteidiger des Nebenangeklagten Spina, Alfredo Ottaviani, stellte laut teilnehmenden Journalisten vor Gericht Bertone als eigentliches Opfer dar: Tatsächlich habe der bald 83-Jährige "fast 500.000 Euro" in die Vatikanwohnung investiert, und das, wo doch die durchschnittliche Lebenserwartung bei 83 Jahren und acht Monaten liege. Ein fast selbstloser Akt.

 

Beachtlicher Schritt, dass der Prozess überhaupt stattfand

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Giuseppe Profiti
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Dass im Vatikan überhaupt ein Verfahren wegen Unterschlagung stattfand, ist schon ein beachtlicher Schritt. Zwar geißelte Papst Franziskus die Pest der Korruption immer wieder mit scharfen Worten, aber im Hofstaat hinter den Vatikanmauern haben Transparenz, Instanzenwege und Kontrollmechanismen nicht immer einen festen Stand gegenüber persönlichen Weisungsverhältnissen.

Damit, dass die Justiz Verdachtshinweise aufnahm und den Fall zügig abarbeitete, unterstreicht die Kirchenleitung ihren Willen zu einem neuem Kurs; dazu gehörte auch die Zulassung von Berichterstattern beim Prozess.

Andererseits wurden weder Bertone noch der Bauunternehmer Bandera auch nur als Zeugen geladen, ebenso wenig Kardinal Giuseppe Bertello, Verwaltungschef des Vatikanstaats. Wäre Rücksicht auf Geheimhaltungspflichten, Alter oder persönlicher Verfassung geboten gewesen, hätten die Vernehmungen unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden können - stattdessen verzichteten die Richter auf jegliche Fragen. Abseits davon schien im Vatikan auch niemand offen diskutieren zu wollen, wie großzügig oder bescheiden eine Kardinalswohnung ausfallen darf, zumal unter einem Papst, der beständig eine arme Kirche für die Armen fordert.

Etwas Unklarheit gab es schließlich hinsichtlich der vatikanischen Finanzaufsicht. Das Gericht wollte dessen Direktor, Tommaso Di Ruzza, als Zeuge hören. Damit hätte die Finanzaufsicht aber ihre Rolle als Hinweisgeber mit der eines Belastungszeugen vertauscht und juristische Bewertungen vornehmen müssen, die der Staatsanwaltschaft obliegen. Die Trennung der Zuständigkeiten ist im vatikanischen Justizsystem offenbar noch nicht ganz eingespielt.

Insofern war das Verfahren nach den zwei Vatileaks-Prozessen auch so etwas wie ein Übungsseminar auf dem Weg zu mehr Rechtsstaatlichkeit im Vatikan. Es wird nicht der letzte Versuch gewesen sein.

kna