13.07.2017

Alle sind fassungslos

Beschlossen, verkündet – und jetzt auch umgesetzt: Den letzten Mitarbeitern des Caritas Seniorenstiftes St. Paulus in Göttingen wird gekündigt. Der Sozialplan ist unterschrieben. Verhandlungen über das Gebäude laufen.

Caritas Seniorenstift St. Paulus in Göttingen: Die
Bewohner sind ausgezogen, den verbliebenen
Mitarbeitern wird jetzt gekündigt. | Foto: Wala

„Manche meiner Kolleginnen können es immer noch nicht fassen“, sagt Frank Löffler. Der Altenpfleger ist Vorsitzender der Mitarbeitervertretung des Seniorenstiftes St. Paulus in Göttingen. Was im März durch den Träger der Einrichtung, die Stiftung Katholische Altenhilfe im Bistum Hildesheim, angekündigt wurde,  ist jetzt schwarz auf weiß umgesetzt. Kündigung. Am 31. Dezember endet die Geschichte des Altenheimes – nach 49 Jahren.

Zur Erinnerung: Die Auslastung von St. Paulus war unterdurchschnittlich, das Gebäude in einem schlechten Zustand und das Minus in der Bilanz tiefrot – obwohl die Mitarbeiter jahrelang auf Teile ihres Einkommens verzichtet haben. „Wir mussten die Notbremse ziehen, so schwer uns das auch gefallen ist“, sagt Stiftungsgeschäftsführer Norbert Ellert.

Alle bisherigen 43 Bewohner sind recht zügig ausgezogen (siehe unten). „Für viele ein schwerer Schritt“, meint Mitarbeitervertreter Löffler. Caritas stehe für Kirche: „Und von der Kirche hätten sie es sich erhofft, bis zu ihrem Ende hier leben zu können.“

Auch die Mitarbeiter haben darauf gesetzt, dass ihr Arbeitsplatz bei der Caritas sicher ist – und haben sich entsprechend mit dem Haus identifiziert, betont Löffler. Auch deshalb sitzt der Schock immer noch tief. Zwar hat schon eine Mehrheit der Altenpflegerinnen eine neue Arbeit gefunden. Fachkräfte werden gesucht – auch wenn die Bezahlung in anderen Einrichtungen unter dem Niveau der Caritas liegt.

Sozialplan und „Sprinterzulage“

Aber 18 Mitarbeiterinnen hat die Einrichtung noch: Vier in der Küche, der Hausmeister, die anderen sind Fachkräfte und Pflegehelferinnen: „Es sind die, die besonders lange bei uns sind, bis zu 32 Jahren“, erläutert Löffler.

Er hat nun mit Geschäftsführer Ellert über einen Sozialplan für die letzten Mitarbeiter verhandelt. Das Ergebnis: Pro Beschäftigungsjahr erhalten sie 0,25 Gehälter als Abfindung. Macht bei 20 Jahren in St. Paulus also fünf Monatsgehälter. Im Durchschnitt erhält eine ausgebildete Altenpflegerin bei einer solchen Betriebszugehörigkeit in Vollzeit etwa 3200 Euro im Monat. Teilzeit schmälert natürlich das Entgelt wie ein fehlendes Examen bei den Pflegehelferinnen. „Wir sind bis an die Grenze dessen gegangen, was für uns als Stiftung möglich war“, betont Ellert. Wenn nun eine Mitarbeiterin von sich aus früher als zum 31. Dezember St. Paulus verlässt, erhält sie noch eine „Sprinterzulage“.

Löffler ist weniger zufrieden: „Klar habe ich mir mehr für die Kolleginnen erhofft – gerade, weil sie so viele Jahre in St. Paulus gearbeitet haben.“ Generell müsse sich das Bistum entscheiden, „welche Bedeutung es den Altenheimen beimisst“.

Nach dem Sozialplan beginnen die Verhandlungen um die Zukunft des Gebäudes. 1969 hatte die Gemeinde St. Paulus das Altenheim errichtet und es 1970 an den Diözesancaritasverband übertragen, der es wiederum an die Stiftung verpachtet hat.

Ein Interessent und viele Begehrlichkeiten

Nun verhandeln Caritas und Gemeinde um einen Verkauf. Die gute Nachricht: Mit dem Studierendenwerk Göttingen gibt es einen Interessenten. Wohnraum für „Studis“ ist in der Universitätsstadt immer knapp. Ein Haus mit kleinen Zimmern mit Bad eine sinnvolle Alternative.

Doch natürlich gibt es auch Begehrlichkeiten. Der Diözesancaritasverband will aus dem Erlös noch die letzten Raten eines Kredites tilgen, der für die letzte Sanierung des Gebäudes aufgenommen wurde. Dem Vernehmen nach sind das 500 000 Euro. Auch die Stiftung erhofft sich aus dem Verkauf Mittel, die sie für den Schlussstrich unter St. Paulus noch benötigt. Sie muss noch die Ansprüche der Mitarbeiter an die Kirchliche Zusatzversorgungskasse abgelten. Dieser Betrag für die „Betriebsrente“ liegt bei 690 000 Euro. Insofern: So ganz ist die Geschichte von St. Paulus doch nicht zu Ende.

Rüdiger Wala