05.07.2014

Kommentar

Alles noch völlig offen

Von Susanne Haverkamp

Das „Arbeitspapier“ für die bevorstehende Familiensynode, das jetzt in Rom vorgestellt wurde, hat eine bemerkenswerte Eigenschaft: Es ist sehr offen. Offen werden die wunden Punkte benannt, die die weltweite „Umfrage“ zur Familie ergeben hat. Offen wird aber auch die katholische Lehre danebengestellt und deutlich gemacht, dass diese Lehre nicht falsch sein muss, nur weil die Mehrheit dagegen ist. Damit bietet der Text eine Fülle von Diskussionsstoff – und genau dafür ist er gedacht.

Die Offenheit ist aber auch das Risiko: Niemand kann heute auch nur annähernd einschätzen, welchen Verlauf die Diskussionen nehmen werden. Das gilt zum einen thematisch. Die Synode werde keine „westliche Brille“ tragen, sagt etwa der Generalrelator der Synode, der Budapester Kardinal Peter Erdö. Es könne bei der weltweiten Bischofsversammlung nicht darum gehen, vorwiegend über typisch westliche Phänomene wie Scheidung, Abtreibung, Homosexualität oder Paare ohne Trauschein zu diskutieren, die in Afrika oder Asien eine viel geringere Rolle spielten, so der Kardinal. Gerade in diesen Ländern drängen andere Fragen wie die Bedrohung der traditionellen Familie durch Armut, Krieg oder Arbeitsmigration eines Elternteils. Wo schließlich die Akzente gesetzt werden, ist noch nicht abzusehen. Es wäre grundfalsch, den bekannten „Eurozentrismus“, den Papst Franziskus gerade bekämpfen will, hier vorauszusetzen.

Noch entscheidender aber: Auch die – nennen wir sie kirchenpolitische – Richtung, die die Diskussionen nehmen werden, wird auf dieser oder jener Seite zu massiven Enttäuschungen führen. Denn reformorientierte Vorschläge wie der Weg zu einer „zweiten oder dritten Ehe mit Bußcharakter“ nach dem Vorbild der orthodoxen Kirchen stehen gleichwertig neben dem Einimpfen traditioneller Positionen, nach denen etwa das Verhütungsverbot der Enzyklika „Humanae Vitae“ unumstößlich gilt und die Aufgabe lediglich darin bestehe, den Gläubigen den Sinn einsichtig zu machen.

Auch die Bischöfe – weltweit und hier in Deutschland – die zu den verschiedenen Richtungen tendieren, scheinen sich zunehmend frontal gegenüberzustehen. Wiederfinden können sich in dem Arbeitspapier alle – was die Sache nicht leichter macht. 

Wer also allzu große Hoffnungen in die Familiensynode setzt, sollte um diese völlige Offenheit wissen. Sie kann zu großen Enttäuschungen führen und ist für die große Euphorie um das Pontifikat von Papst Franziskus die erste große Belastungsprobe.