09.08.2017

Teilen ist das neue Haben

Alles nur geliehen ...

Der eigene Bus ist vielen Gemeinden heilig. In St. Paulus in Göttingen nicht
mehr. Die Pfarrei setzt auf Car-Sharing. Denn Teilen ist das neue Haben.

Car-Sharing: Klaus Brüggemann zeigt, wie es geht. Mit einer Karte und einem Code wird ein kleiner
Tresor geöffnet, um Papiere und den Schlüssel für das Fahrzeug zu entnehmen. | Foto: Wala

Der Bus für die Pfarrei und der Kleinwagen für den Küster, beide aus „niedersächsischer“ Produktion, sind in die Jahre gekommen. Beide stammen noch aus dem letzten Jahrtausend. Eigentlich müssten die  fahrbaren Untersätze in der Pfarrei St. Paulus in Göttingen erneuert werden. Denn eine Gemeinde ohne eigenen Pfarrbus scheint undenkbar. Doch der Kirchenvorstand von St. Paulus hat sich eine eher seltene Frage gestellt: Brauchen wir  wirklich eigene Fahrzeuge?

Eine erste Erkenntnis: „Überwiegend stehen unsere Fahrzeuge, ihre Laufleistung beträgt weniger als 3000 Kilometer im Jahr“, sagt  der Vorsitzende des Kirchenvorstands von St. Paulus, Klaus Brüggemann. Überraschend, weil zu St. Paulus mit St. Vinzenz und vor allem St. Franziskus in Bovenden zwei Kirchorte gehören, „die etwas weiter draußen liegen“, wie Brüggemann es beschreibt.

Eine Arbeitsgruppe wurde eingesetzt, viele Fragen erwogen: Nutzung und Vergabe der Fahrzeuge, Pflege und Wartung, Kos­ten für Neuanschaffung und Unterhalt, die Zusammenarbeit mit anderen Gemeinden. „Unterm Strich hat aber nur eine Lösung unseren Anforderungen Stand gehalten: Wir leihen zukünftig unsere Fahrzeuge bei einem lokalen Car-Sharing-Anbieter.“ Insofern das Undenkbare: eine Gemeinde ohne eigenen Pfarrbus.

Für Brüggemann liegen die Vorteile auf der Hand: „Bei unserer doch geringen Laufleistung ist Leihen finanziell wesentlich günstiger.“ Schließlich werden nur die Kilometer und die Mietzeit abgerechnet. Alle Nebentätigkeiten und Kosten rund um den Unterhalt von Autos – vom Tanken angefangen über Reifenwechsel, Reinigung und Wartung bis zum TÜV – fallen weg. Zudem: „Für den verkehrssicheren Zustand des Fahrzeugs trägt der Car-Sharing-Anbieter Verantwortung, auch das entlastet uns.“ Um den Wertverlust des Fahrzeugs braucht sich der Kirchenvorstand ebenfalls keine Gedanken mehr machen.

Aber ist es nicht praktischer, jederzeit auf ein eigenes Fahrzeug zugreifen zu können? Brüggemann gibt eine klare Antwort: „In unserem Fall nicht.“ Zum einen, weil die Pfarrei gleich aus mehreren Fahrzeugtypen auswählen kann: Bus, Transporter oder doch nur ein PKW, auch mit Anhängerkupplung – alles entleihbar: „Das gibt uns eine größere Flexibilität.“ Auch mehrere Fahrzeuge können gleichzeitig entliehen werden.

Zum anderen: Der Weg zum nächsten Parkplatz ist von St. Paulus und St. Vinzenz aus mit wenigen Fußminuten nicht weit.  Drittens wird eine Lästigkeit des eigenen Pfarrbusses gleich miterledigt: Wie kommt man an Schlüssel und Papiere? „Das wird nun deutlich einfacher“, sagt Brüggemann. Regelmäßige Fahrer erhalten eine eigene Karte, mit der sie jederzeit ein Fahrzeug an einem Standort des Anbieters entleihen können. Die Registrierung, wer wann wie viele Kilometer gefahren ist, erfolgt automatisch. Gelegentliche Fahrer können sich eine Karte im Pfarrbüro abholen.

Was ist mit längeren Ausflügen? „Natürlich ist das möglich“, betont Brüggemann. Nur müssen in diesem Fall der Pfarrer und/oder der Kirchenvorstand dem schriftlich zustimmen.

Und wenn was passiert? Kommt es zu einem Unfall, ist die Regelung klar: „Die Autos sind durch den Anbieter versichert und die Gemeinde kommt für die Selbstbeteiligung auf.“

Von Rüdiger Wala