07.06.2017

Alles unter einem Dach

Die Pfarrgemeinde St. Godehard in Hannover baut einen großen Glaskubus in ihre Kirche Christkönig. Und rettet so die Kirche vor der Profanierung. Eine Erfolgsgeschichte.

Ein großer Glaskubus bestimmt künftig das Bild
der Kirche Christkönig. | Foto: Marie Kleine

Hannover. Pilotprojekt. Gewagt. Zukunftsweisend. Egal, wen man fragt: Der Umbau der Kirche Christkönig in Hannover-Badenstedt bewegt die Menschen. 2008 stand die fusionierte Pfarrgemeinde St. Godehard vor einer schweren Entscheidung: Sie sollte entweder Christkönig oder die Kirche Maria Trost in Hannover-Ahlem aufgeben. Stattdessen kam die Idee auf: Warum nicht lieber Pfarrheime und -häuser langfristig vermieten und mit dem Geld alle Kirchen halten?

Im Pfarrhaus von Maria Trost wohnen jetzt behinderte Jugendliche (die KiZ berichtete). Pfarrhaus und -heim von Christkönig konnten 2016 für zehn Jahre an die Stadt Hannover vermietet werden. Beide Kirchen sind damit finanziell abgesichert. Doch als man frühzeitig am Standort Christkönig mit einem möglichen Verzicht auf beide Immobilien zu planen anfing, war schnell klar, dass Ortsteam, Gemeindecafé und alle anderen Gruppen der lebendigen Gemeinde Räume brauchen werden. Also wurde 2014 ein Architektur-Wettbewerb vom Bistum Hildesheim finanziert. Die Aufgabe: Gemeinderäume in der 60er-Jahre-Kirche Christkönig selbst realisieren.

Der Kubus ist von allen Seiten begehbar

Durchgesetzt hat sich der Entwurf von Diplom-Architekt Chris­tian Stock vom Architekturbüro k+a. Er setzte die Gemeinderäume zwischen Altar und Orgel in einen Kubus aus Glas und Holz. So ist der Kubus von allen Seiten begehbar. „Ich habe mich bei der Form des Kubus vom Engelmotiv der Orgel leiten lassen“, sagt Architekt Stock. „Das Dach ahmt die Flügelform der Orgel nach.“ Im hinteren Bereich des Kubus liegen versteckt eine separate Küche und Toiletten. Holzlamellen an den Seiten des Kubus und auf seinem Dach nehmen ihm die Strenge.

Pfarrer Wolfgang Semmet, konnte sich schnell für die ausgefallenen Pläne erwärmen: „Glauben und Leben gehören zusammen. Aber sie sind auch für sich abgeschlossene Bereiche“, sagt er. Darum sei es wichtig, dass der Kubus in sich geschlossen ist. Während des Umbaus stellte sich heraus, dass mit dem neuen Raumgefühl auch neue Ideen kamen. „Wir haben mit dem Umbau die Chance bekommen, die Kirche an sich noch einmal neu zu gestalten“, sagt Pfarrer Semmet. Sie soll jetzt in drei Bereiche geteilt werden: Altar- und Gottesdienstbereich bilden mit dem Wandbild vom Künstler Heiner Klug weiterhin den zentralen Raum. In ihm eingebettet liegen zwischen Altar und Orgel die Gemeinderäume. Und rechts vom Altar soll in einem Seitenschiff ein Kapellenbereich entstehen.

Ungefähr eine halbe Million Euro kostet der Umbau insgesamt. Den Großteil der Kosten hat die Gemeinde durch die Vermietung an die Stadt gedeckt. Ein Zuschuss von 11.000 Euro kommt vom Bonifatiuswerk. Den Rest finanziert die Gemeinde. Seit knapp einem Jahr baut sie ihre Kirche schon um. Die Gottesdienste für die rund 2600 Katholiken, die dem Kirchort zugeordnet sind, finden seitdem in der evangelischen Paul-Gerhardt-Gemeinde statt.

„Die Gemeinde nimmt großen Anteil am Umbau“, sagt Pfarrer Semmet. Bei einer Baustellenführung kamen 140 Besucher. „Meiner Meinung nach liegt das daran, dass wir als Gemeinde an jedem Schritt des Prozesses beteiligt worden sind“, sagt Gerd Weinreich. Er ist stellvertretender Kirchenvorstandsvorsitzender und erinnert sich an manche heiße Diskussion. Zum Beispiel, weil dem Kubus rund die Hälfte der Sitzplätze in der Kirche weichen mussten. Ein Projektteam koordiniert den Umbau. „Wir werden die Wand im Kubus selbst rot streichen, sodass man vom Altar aus auf die rote Wand schaut“, verrät Weinreich. Im September wird die Kirche Christkönig dann wieder geöffnet werden.

Marie Kleine

 

Norbert Kesseler, Leiter der
Bauabteilung.

Ein Umbau mit vielen Fragezeichen

Was in Christkönig möglich ist, lässt sich nicht so auch auf andere Kirchen übertragen. Norbert Kesseler, Leiter der Bauabteilung, erläutert die Gründe.

In Hannover-Badenstedt wird umgebaut und eine katholische Kirche mit integrierten Gemeinderäumen entsteht. Wird das Pilotprojekt Schule machen?
Tatsächlich beschäftigen wir uns zum ersten Mal im Bistum Hildesheim intensiv mit der Frage, wie sich Pfarrräume in eine Kirche integrieren lassen. Die Kirche Christkönig ist sehr groß und auch von der Gestaltung her eher schlicht. Daher ist hier so ein Umbau möglich. Das trifft natürlich nicht auf alle Kirchen im Bistum zu: Einige haben eine historische Innengestaltung. Andere sind zu klein und die technische Ausstattung passt nicht für einen solchen Umbau. Dann müsste man so stark in die Bausubstanz eingreifen, dass es sich wirtschaftlich nicht mehr lohnt.

Gab es auch Bedenken wegen des Umbaus? Ein katholischer Kirchraum gilt immerhin als sakral. Da ist eine profane Nutzung eher schwierig.
Wir haben das eingehend theologisch und liturgisch geprüft. Es gab schon einige Fragezeichen. Schließlich bringen wir mit den Gemeinderäumen, die auch eine Küche und Toiletten umfassen, einen profanen Bereich in die Kirche. Aber die klare Trennung beider Bereiche voneinander hat uns am Ende überzeugt.

Was raten Sie Pfarrgemeinden, die in Zukunft vielleicht Kirchen schließen müssen und über neue Nutzungen nachdenken?
Ich bin ein starker Verfechter davon, die Kirchen zu halten und eher auf Pfarrheime und -häuser zu verzichten. Der Versammlungsort der Gemeinde ist und bleibt die Kirche. Darum halte ich die Entwicklung in Christkönig für ein Zukunftsmodell.

Fragen: Marie Kleine