17.08.2017

Als die Birken weinten

Als Valentina Schischlo sechs Jahre alt war, war ihre Kindheit schlagartig vorbei. Soldaten der Wehmacht steckten sie in das Lager Osaritschi in Weißrussland. Ein Lager mitten im Sumpf, ohne Nahrung, ohne Hütten – bei Temperaturen weit unter dem Gefrierpunkt.

Auf der Karte zeigt Valentina
Schischlo, wo das Lager Osaritschi
lag. | Fotos: Edmund Deppe

Duderstadt. Gemütlich sitzen sie im Aufenthaltsraum im Kolpingferienparadies in Duderstadt – sechs Frauen aus Weißrussland mit einem Durchschnittsalter von knapp 80 Jahren. Sie kommen aus verschiedenen Orten des Landes. Doch gemeinsam ist ihnen die Erinnerung an das Lager Osaritschi.

Als sich die Wehrmacht 1944 auf dem Rückzug vor der Roten Armee befand, hinterließ sie verbrannte Erde. Die Dörfer und Fel­der wurden systematisch zerstört, das Vieh erschossen oder vertrieben. Wer arbeitsfähig war wurde zum Schanzbau verschleppt. Wer nicht arbeitsfähig war, wurde auf Viehwaggons verladen. „Unser Ziel war Osaritschi“, erzählt Valentina Schischlo. Sie, ihre Schwester, die beiden Brüder, ihre Mutter, eine Tante und beide Omas gehörten zu den Arbeitsunfähigen, waren Ballast für die Wehrmacht.

Schnee und Moos waren die einzige Nahrung

Das Lager Osaritschi war kein Konzentrationslager im herkömmlichen Sinn mit Baracken und Verpflegung. „Hier gab es nichts. Kein Dach über dem Kopf, kein Essen, kein Wasser, kein Feuer – nur Angst und Horror, eisige Kälte und den Tod“, berichtet die 79-Jährige. „Als Kinder wussten wir nicht, warum wir hierher gebracht wurden. Das haben wir erst später erfahren. Wir wurden von den deutschen Soldaten als lebende Schilde benutzt. Als Schutzschilde vor der anrückenden Roten Armee.“

Das Lager lag mitten im Sumpf, als Korridor zwischen den Dörfern oder Ruinen. Außer Morast gab es nichts, nur den Stacheldraht rund um das Areal,  Wachtürme und Patrouillien mit Hunden und ein Minengürtel. „Wir durften nichts: nicht miteinander reden, kein Feuer machen, nicht herumgehen. Wer dagegen verstoßen hat, wurde sofort erschossen – auch kleine Kinder.“ Die Stimme droht Valentina zu brechen. Sie muss einen Schluck Wasser trinken. „Sauberes Wasser gab es auch nicht. Wir haben Moos gekaut, um das Wasser herauszusaugen. Oder wir haben das Sumpfwasser getrunken, aber der Sumpf war gleichzeitig auch unsere Toilette. Gegessen haben wir sauberen, weißen Schnee.“

Doch bei über 40 000 Menschen – Frauen, Kinder, Alte – blieb der Schnee nicht lange weiß. Kleine Kinder versuchten unter dem Zaun hindurch noch weißen Schnee zu erhaschen. „Viele lösten dabei Minen aus und wurden vor unseren Augen zerissen oder von den Wachen erschossen.“
 

Sie überlebten das Lager Osaritschi. Die Frauen aus
Weißrussland mit ihren Begleiterinnen Natalia Gerhard
(hinten rechts) und Helga Chrpa (vorne).

Man merkt es Valentina Schischlo an, dass ihr das Erzählen schwer fällt. „Sie haben uns die Kindheit geklaut“, sagt sie leise. „Wir hatten nur Angst und keine Hoffnung mehr.“

Dann, es war der 19. März, war es plötzlich ruhig. „Ich glaube, wir sind von der Stille aufgewacht. Kein Hundebellen, keine Soldaten, keine auf deutsch gebrüllten Befehle – es war einfach nur ruhig. Und am Waldrand tauchten drei weiße Gestalten auf, Rot­armisten in Schneehemden. Für mich waren das Engel.“ Sie räumten einen Weg durch die Minen, wollten verhindern, dass die Leute vor lauter Freude über die Befreiung durch den Minenstreifen rannten. „Aber sie rannten doch  und viele wurden dabei getötet. Es war schrecklich.“

Wie perfide die Tötungsmaschinerie der Nazis tatsächlich war, wurde erst später bekannt. Bewusst hatten sie Menschen in das Lager gesteckt, die an Typhus erkrankt waren und für eine Verbreitung der Krankheit unter  den Gefangenen sorgte. „Die Soldaten haben sie und uns als biologische Waffe eingesetzt, in der Hoffnung, dass auch viele Soldaten der Roten Armee, unsere Befreier, sich anstecken und sich die Krankheit wie eine Seuche verbreitet.“

Sie haben keinen Hass im Herzen

In der kurzen Zeit, die das Lager bestand, starben 9000 Menschen, Tausende noch später an den Folgen dieser Gefangenschaft. Unter den Toten waren auch die Omas , die Tante und die beiden Brüder von Valentina Schischlo.

Doch sie und die anderen Frauen tragen keinen Hass gegen die Deutschen in ihrem Herzen, auch wenn die Bilder von damals immer noch präsent sind. „Wir hassen Faschisten – überall auf Welt, aber nicht die Deutschen.“  Stattdessen sehen sie es als ihre Aufgabe an, besonders jungen Menschen zum Beispiel bei Besuchen in Schulen von ihren Erlebnissen in Osaritschi zu berichten. „Damit so etwas nicht wieder passiert – diese Greuel, die wir damals erlebt haben, dieses unsägliche Leid.“

Natalia Gerhard, die die Gruppe begleitet, stammt selbst aus Weißrussland. In kleinen Gedichten hat sie versucht, das zu verarbeiten, was ehemalige Gefangene aus Osaritschi ihr erzählt haben. In einem heißt es:

„Die Birken weinten.
Die Eichen schrien.
Die Sümpfe wurden
zu ewigen Gräbern.“

Edmund Deppe

 

 

 

Helfen – Begegnen – Erinnern

Das Maximilian-Kolbe-Hilfswerk unterstützt ehemalige Häftlinge aus Konzentrationslagern und Ghettos in Polen und anderen Ländern Mittel- und Osteuropas sowie deren Angehörige. Das Hauptanliegen sind Verständigung und Versöhnung zwischen den ehemals in KZs Eingesperrten und der deutschen Bevölkerung – im  ,,Kontakt von Mensch zu Mensch“.

So kommt jedes Jahr auf Einladung des Hilfswerks und des Diözesancaritasverbands Hildesheim eine kleine Gruppe ehemaliger KZ-Überlebender aus Polen oder Weißrussland ins Bistum nach Duderstadt in das Kolping Ferienparadies auf dem Pferdeberg. Die Teilnehmer machen Ausflüge, nutzen die Zeit zur Erholung und berichten unter anderem in Schulen über ihre zum Teil traumatischen Erlebnisse.

Charlotte Lex