21.07.2014

Dekanat Untereichsfeld

Alte Traditionen – ganz neu

Drei Wallfahrtsorte im Umkreis von zehn Kilometern. Welches andere Dekanat kann das schon von sich behaupten? Kein Wunder, dass Pilgern im Untereichsfeld eine große Bedeutung hat.

Ziel der Großen Wallfahrt in Germershausen: das Gnadenbild Maria in der Wiese.  Foto: Archiv

Zu Maria in der Wiese, zum heiligen Josef oder zu den 14 Nothelfern: Wallfahren hat eine lange Tradition im Eichsfeld. Die Wallfahrtskirche Mariä Verkündigung, das Gnadenbild des heiligen Josef in Renshausen, die Kapelle auf dem Höherberg sind seit Jahrhunderten Ziele von Pilgern: „Das sind Orte der Hoffnung und des Gebets“, weiß Propst Bernd Gallusche, Dechant des Dekanates Untereichsfeld.
Wallfahrten haftet etwas Verstaubtes, etwas Langweiliges an. Ein Bild, das heute längst nicht mehr stimmt, ist Galluschke überzeugt: „Alte Tradition – ganz neu gedacht und gestaltet.“ Wallfahrten sind nach einer Studien der Universität Göttingen aus dem Jahr 2012 vor allem eines – gemeinschaftsstiftend. 90 Prozent der Pilger kommen mit ihren Familien. Und sie sind im Durchschnitt auch jünger als vermutet.

Familienfreundlich wallfahren

Galluschke räumt ein, dass der Rückzug der Augustiner aus der Wallfahrtsseelsorge in Germershausen „schon ein herber Schlag war“. Umso mehr gelte es die große Wallfahrt weiterzuentwickeln: „Wir möchten sie familienfreundlicher gestalten“. Vielleicht mit Spielmöglichkeiten und „kindgerechtem Essen“. Eine Hüpfburg steht für Galluschke nicht im Gegensatz zu Pilgern und Beten.

Möglich werden solche Überlegungen durch zwei Umstände. Zum einen durch die enge Zusammenarbeit mit der Bildungsstätte St. Martin: „Das ist ja eine Einrichtung, die sich besonders den Familien verbunden fühlt“. Zum anderen gibt es eine Projektgruppe mit etwa 20 Mitgliedern, die sich Gedanken um die Fortentwicklung der Wallfahrten macht: „Das ist ein ziemlich kreativer Kreis, der eher ermutigt als  festhält.“ Erstmals wird deshalb in diesem Jahr eine Motorradwallfahrt durch das Eichsfeld führen. „Wir probieren das mal aus“, sagt Galluschke. Für ihn ist eine solche Experimentierfreude ein Beleg dafür, dass auch im Eichsfeld Kirche ein neues Gesicht bekommt.

Stichwort neues Gesicht. Das findet sich nach Einschätzung des Propstes zunächst im Zent­rum für Kirchenentwicklung in Duderstadt (ZfK, siehe unten). Zum anderen aber auch im Umgang mit einer Bewährungsprobe. Im November dieses Jahres werden die bisher bestehenden Seelsorgeeinheiten aufgelöst und zu sechs neuen Pfarreien zusammengeführt.

Für Pfarreien, die zum Teil mehrere Jahrhunderte bestehen, kein einfaches Unterfangen: „Der Ärger war groß“, berichtet Galluschke. Und nach der Empörung wuchs die Frage: Wir soll es denn vor Ort in den meist kleinen verstreuten Kirchorten weitergehen?

Die Lösung ist pragmatisch: „Vor Ort bilden sich jetzt Kirchengemeinderäte“, erläutert Galluschke. Wieder ein Experiment.  Und unorthodox: Manche Räte wurden gewählt, andere fanden sich nach Interesse zusammen, dritte durch gezielte Ansprache. Diese Räte haben nun bis Mitte Januar Zeit, sich zu finden. Das ZfK wird diesen Prozess mit Angeboten unterstützen – Sachinformationen zu Kirchenfinanzen und Organsiationsentwicklung  ebenso wie mit Besinnungstagen.   „Ziel ist, ein Team zu finden, das vor Ort den Kirchort leitet“, sagt Galluschke – in Abstimmung mit dem neuen Pfarrgemeinderat und Kirchenvorstand für die gesamte Gemeinde: „Wenn es klappt, ist es gut“. Ein Experiment für ein neues Gesicht der Kirche.

Stark im Eichsfeld: die katholischen Verbände

Traditionell stark sind im Eichsfeld die katholischen Verbände. Ob es nun das Kolpingwerk ist, der Katholische Deutsche Frauenbund (KDFB), die Katholische Frauengemeinschaft Deutschland (KFD), die Katholische Arbeitnehmer-Bewegung (KAB) oder die Deutsche Pfadfinderschaft St. Georg (DPSG): Sie alle sind aus dem Alltag der Pfarreien und des Dekanates nicht wegzudenken.

Allein das Kolpingwerk ist mit über 20 Kolpingsfamilien im Dekanat präsent. Ein starker Rückhalt – auch für das Kolping-Ferienparadies Pferdeberg nahe Duderstadt. Neben Urlaub und Freizeiten für Familien, Senioren und Schulklassen findet sich dort seit 25 Jahre auch namhafte Prominenz aus der Politik ein: wenn das Kolpingwerk zu den Duderstäder Gesprächen lädt und das anpackt, wofür der Begriff „heiße Eisen“ erfunden wurde – zentrale politische Fragen der sozialen  Gerechtigkeit in der Bundesrepub­lik. 

 

Geschichte und Größe

 

Warum gibt es vergleichsweise viele Katholiken im Dekanat Untereichsfeld? In Duderstadt sind fast sieben von zehn Bewohnern katholisch, im ganzen Dekanat immerhin knapp 40 Prozent. Die Antwort ist paradox: Weil das Eichsfeld viele Jahrhunderte gar nicht zum Bistum Hildesheim gehörte, sondern zum Kurfürstenbistum Mainz. Dadurch blieb es auch nach der Reformation fast ausschließlich katholisch. Mehr noch: Die „Insellage“ führte dazu, dass Glaube und Brauchtum Teil der Identität des Eichsfeldes blieben. Im Zuge der Säkulärisierung 1803 nahm der preußische König das Eichsfeld in Besitz, 1815 wurde es geteilt und das Untereichsfeld dem Königreich Hannover zugeschlagen. Dadurch wurde es ins Bistum Hildesheim eingegliedert.

Gemeinden

Insgesamt leben im 2004 gegründeten Dekanat Untereichsfeld 27 419 Katholikinnen und Katholiken. Zum 1. November werden die bestehen Seelsorgeeinheiten aufgelöst und zu sechs Pfarreien mit 26 Filialkirchen zusammengeführt:

  • Duderstadt, St. Cyriakus (mit Duderstadt, Liebfrauen, Breitenberg, Mariä Verkündigung, Gerblingerode, Mariä Geburt, Mingerode, St. Andreas, Tiftlingerode, St. Nikolaus, und Westerode, St. Nikolaus): 9571 Katholiken.
  • Nesselröden, St. Georg (mit Desingerode, St. Mauritius, Esplingerode, St. Georg, Immingerode,
  • St. Johannes Baptist und Werxhausen, St. Urban): 2905 Katholiken.
  • Gieboldehausen, St. Laurentius (mit Bodensee,
  • St. Matthäus, Höherberg, Wallfahrtskapelle Heilige 14 Nothelfer und Wollbrandshausen, St. Georg): 3356 Katholiken.
  • Rhumspringe, St. Sebastian (mit Brochthausen,
  • St. Georg, Fuhrbach, St. Pankratius, Hilkerode,
  • St. Johannes Baptist, Langenhagen, St. Laurentius und Rüdershausen, St. Andreas): 4391 Katholiken.
  • Seulingen, St. Johannes der Täufer (mit Obernfeld, St. Blasius, Rollshausen, St. Margareta, Rollshausen-Germershausen, Wallfahrtskirche Mariä Verkündigung, Seeburg, St. Martinus und Seeburg-Bernshausen, St. Peter und Paul): 3412 Katholiken.
  • Bilshausen, St. Kosmas und Damian (mit Katlenburg-Lindau, St. Peter und Paul, Krebeck, St. Alexander und Brüder und Krebeck-Renshausen, Mariä Geburt): 3784 Katholiken.                      (Stand Juni 2014)

 

Einrichtungen

Kindertagesstätten – insgesamt gibt 15 Kitas, die sich in der Trägerschaft der jeweiligen Pfarrgemeinde befinden. Mit St. Raphael in Duderstadt gibt es darüber hinaus eine Tagesstätte für Kinder und Jugendliche mit einer geistigen Behinderung.

Schulen – neben der (staatlichen) katholischen Grundschule St. Elisabeth hat das Bistum in Duderstadt mit St. Ursula die erste kirchliche Integrierte Gesamtschule gegründet (vorher Haupt- und Realschule). Die Vinzenz-von-Paul-Schule ist eine Fachschule für Sozialpädagogik.

St. Martini in Duderstadt vereinigt ein Krankenhaus mit 126 Betten und ein Alten- und Pflegeheim mit 66 Plätzen (Träger ist der Vinzenz-Verbund).

Der Caritasverband ist für den gesamten Landkreis Göttingen zuständig. In Duderstadt trägt er beispielsweise das Seniorenzentrum Lorenz-Werthmann-Haus.

Die Bildungsstätte St. Martin (mit 79 Zimmern) bietet Freizeiten für Familien und erfüllt die Aufgaben eines pastoralen Zentrums für die Südregion des Bistums.

Die Katholische Ehe-, Familien- und Lebensberatung ist im Haus St. Georg in Duderstadt zu finden - wie die Familienbildungsstätte und das Jugendzentrum EMMAUS.

 

Ordensniederlassungen

Im Stammkloster der Ursulinen in Duderstadt leben und wirken acht Schwestern (mit Tagungs- und Besinnungshaus sowie Kloster auf Zeit).

Mit dem Krankenhaus St. Martini (19 Schwestern) und im St.-Laurentius-Stift (vier Schwestern) haben die Vinzentinerinnen zwei Niederlassungen in Duderstadt.

In Germershausen besteht seit 1864 ein Konvent der Augustiner. Ihm gehören zurzeit drei Ordensmänner an.

Rüdiger Wala

Mehr Infos gibt es unter www.dekanat-untereichsfeld.de