21.12.2011

Altenheime in Wolfsburg - Update: Caritas Pflegedienste stellen Insolvenzantrag

Angst um Arbeitsplätze

Ausgerechnet in den Tagen vor Weihnachten gibt es in den katholischen Altenheimen in Wolfsburg Tränen, Entsetzen und Fassungslosigkeit. Die Mitarbeiter haben Angst um ihre Arbeitsplätze.

Mit Entsetzen und  Fassungslosigkeit reagierten die Mitarbeiter der katholischen Altenheime auf den Rückzug der Stiftung Altenhilfe als Gesellschafter der „Caritas Pflegedienste“. Foto: Wala
Mit Entsetzen und  Fassungslosigkeit reagierten die Mitarbeiter der katholischen Altenheime auf den Rückzug der Stiftung Altenhilfe als Gesellschafter der „Caritas Pflegedienste“. Foto: Wala

Wolfsburg (wal). „Und nun?“: Die Frage verhallt unbeantwortet im fünften Stock des Altenpflegeheims St. Elisabeth. Gerade hatten Norbert Ellert und Angelika Kleideiter den Mitarbeitern den Ausstieg der Stiftung Katholische Altenhilfe aus den „Caritas Pflegediensten Wolfsburg“ erklärt. Beide legen zudem die Geschäftsführung nieder. Die Stiftung Katholische Altenhilfe wird vom Bistum und dem Diözesancaritasverband getragen. Im schlimmsten Fall droht jetzt St. Elisabeth, dem benachbarten Altenheim Johannes Paul II. und der Sozialstation die Pleite.

Zur Vorgeschichte: Die Caritas Pflegedienste waren seit ihrer Gründung 2005 immer wieder in  wirtschaftlichen Schwierigkeiten. 2007 stieg die Stiftung in die Gesellschaft ein und übernahm 60 Prozent der Anteile. In den vergangenen Jahren unterstützten Stiftung und Bistum die Gesellschaft mit rund 500.000 Euro. Doch nach wie vor bestand finanzieller Sanierungsbedarf. Aus drei Gründen, wie Norbert Ellert gegenüber der KiZ erläutert: die niedrigen Pflegesätze in Niedersachsen, die vergleichsweise hohe Vergütung der Beschäftigten und einen „Wolfsburger Umstand“. Nach Darstellung von Ellert zahlt die Gesellschaft mehr Pacht an Kirchengemeinde und Ortscaritas, als zur Begleichung der Gebäudedarlehen an die Bank zu zahlen ist.

Verzicht auf Teile des Weihnachtsgeldes

Das sollte sich ändern. Im Sommer dieses Jahres wurde ein umfassendes Sanierungskonzept entwickelt. Kernpunkte: Die Mitarbeiter verzichten vier Jahre lang auf gut die Hälfte ihres Weihnachtsgeldes – pro Jahr 152 000 Euro, insgesamt also 608 000 Euro. Gleichzeitig sollte die Pacht auf den Betrag der Gebäudedarlehen reduziert werden – um insgesamt 150 000 Euro pro Jahr. Kirchengemeinde und Ortscaritasverband sollten ihre Anteile auf die Stiftung übertragen. Im Gegenzug wollte die Stiftung den Bestand der Gesellschaft und damit der Altenheime bis zum Jahr 2014 sichern. „Das hätte uns die Möglichkeit zu weiteren Maßnahmen gegeben“, sagt Ellert.

Diese Einigung ist nun hinfällig. Kirchengemeinde und Ortscaritas haben ihre Unterschrift unter den Vertrag zurückgezogen. „Damit kann das Konzept nicht mehr umgesetzt werden. Daher müssen wir aussteigen“, betont Ellert.

Widerspruch von Prälat Heinrich Günther, Dechant in Wolfsburg: „Die Stiftung selbst ist in wesentlichen Punkten von den Vereinbarungen abgewichen.“ So sollten Gemeinde und Ortscaritas nicht nur die Pacht reduzieren, sondern auch die Gebäude abtreten. „Das stand nicht im Vertrag und das konnten wir nicht verantworten“, erläutert Günther.

Kirchenpolitische Machtspiele?“

Wie geht es nun weiter? Der Dechant: „Mit Hilfe eines Wirtschaftsprüfers werden wir uns einen Überblick über die wirtschaftliche Situation verschaffen.“ Dann könne Weiteres zur Zukunft der Einrichtungen gesagt werden – allerdings erst nach Redaktionsschluss der KiZ.  Vorerst brauchen sich Mitarbeiter und Bewohner keine Sorgen zu machen, beteuert Günther:  „Wir suchen jetzt einen neuen  Geschäftsführer.“ Tatsache aber auch: „Durch den Ausstieg der Stiftung stehen wir vor einem Scherbenhaufen.“

Zumindest dieser Einschätzung können die Mitarbeitervertretungen (MAV) in den Einrichtungen folgen. Unmittelbar nach Bekanntwerden des Ausstiegs der Stiftung hatte Günther mit ihnen gesprochen. „Das ist ein kirchenpolitisches Strategiespiel zu Lasten der Bewohner und der Beschäftigten“, heißt es in einer Erklärung. Sie verweisen auf den großen Verzicht, zu dem die Beschäftigten in der Einrichtung immer wieder bereit waren: „Jetzt müssen wir die Insolvenz befürchten.“ Und Bischof Norbert Trelle müsse „in dieser für uns existenziellen Frage Farbe bekennen.“

Update:

Mittlerweile haben die Gemeinde St. Christophorus und der Ortscaritasverband Antrag auf Prüfung  des Insolvenzverfahrens über das Vermögen der Caritas Pflegedienste gestellt. Ein beauftragter Wirtschaftsprüfer hat für die Gesellschaft Überschuldung festgestellt.

 „Wir stehen damit gesetzlich in der Pflicht einen Insolventantrag zu stellen, das war unumgänglich“, erklärt Prälat Heinrich Günther. Klarstellen will er, dass die Gesellschaft nach Einschätzung der Gemeinde und der Ortscaritas zahlungsfähig bleibt: „Gehälter und Rechnungen der Lieferanten können bezahlt werden; alle stationären und ambulanten Pflegedienstleistungen sind sichergestellt. Da muss sich niemand Sorgen machen."

Mit gerichtlicher Hilfe solle nun die Sanierung des Unternehmens erreicht werden. Ein vorläufiger Verwalter wurde auf Anregung der Gemeinde und der Ortscaritas vom Insolvenzgericht bestellt.

 

Zur Sache: Caritas Pflegedienste Wolfsburg

Die gemeinnützige Gesellschaft trägt die Altenpflegeheime St. Elisabeth und Johannes Paul II. sowie die Caritas-Sozialstation Wolfsburg-Süd. Zusammen beschäftigt sie rund 250 Mitarbeiter, von denen
80 zu einer „Servicegesellschaft“ gehören. Betreut werden insgesamt 258 Bewohner in beiden Heimen und 156 Patienten über die Sozialstation. Der Umsatz beträgt pro Jahr etwa 10 Millionen Euro. Bisher hielt die Stiftung Altenhilfe 60 Prozent der Anteile, die  Pfarrgemeinde St. Christophorus und der Caritasverband Wolfsburg jeweils 20 Prozent. Gemeinde und Ortscaritas gehören die Gebäude.