24.01.2013

Konzilsdokumente (3): Konstitution „Lumen Gentium“

Anstoß für eine Volksbewegung

Manchen gilt sie als Kernstück des II. Vaticanums: Die Kirchenkonstitution „Lumen Gentium“ bietet einige kirchengeschichtliche Premieren. Die waren damals so neuartig, dass darüber mitunter vergessen wurde: Die Kirche ist nicht wegen der Kirche da …

Volk Gottes: Hunderte Pilger in San Salvador nehmen an einer Christus-Wallfahrt teil. Foto: kna-bild-reuters
Volk Gottes: Hunderte Pilger in San Salvador nehmen an
einer Christus-Wallfahrt teil. Foto: kna-bild-reuters

Als im 19. Jahrhundert in Europa die Zeit absolutistischer Herrscher zu Ende ging, definierte die katholische Kirche noch einmal die oberste Leitungs- und Lehrgewalt des Papstes. Dann marschierten im Oktober 1870 italienische Truppen in Rom ein und beendeten das Erste Vatikanische Konzil sowie den Kirchenstaat überhaupt. 92 Jahre später formulierte die Kirche noch einmal grundsätzlich, wie sie sich versteht. Sie tut das in gänzlich anderen Zeiten und sagt erstmals ganz offiziell etwas über Würde und Aufgabe der Laien oder die Leitungsgewalt der Bischöfe; gleichzeitig will sie ans I. Vaticanum anknüpfen.

Im ersten Kapitel erklärt die Kirche, wozu es sie überhaupt gibt: um die Menschen mit Gott und untereinander zu vereinen. Dazu will sie die Menschen zu Christus, dem „Licht der Völker“ (Lumen gentium), führen. Christus hat das Reich Gottes auf Erden gegründet; die Kirche ist „das im Mysterium schon gegenwärtige Reich Christi“. Sie ist Gottes Volk, von seinem Geist erfüllt und geleitet (Nr. 1–4).

Begonnen hat die Kirche, indem Jesus seine frohe Botschaft verkündete. Das führt die Kirche fort, in dem sie mit Liebe, Demut und Selbstverleugnung das Reich Gottes verkündet (Nr. 5). Das Wesen der Kirche erschließt sich in biblischen Bildern wie Schafstall, Pflanzung, Bauwerk, Tempel oder Braut (Nr. 6). Weil Gottes Geist sie eint, ist die Kirche so etwas wie der Leib Christi. Christus selber ist der Kopf; sein Geist wirkt je unterschiedlich in den einzelnen Gliedern, die durch die Taufe dazugehören (Nr. 7).

Die verschiedenen Aspekte der Kirche lassen sich nicht trennen: Sie ist hierarchisch geordnete Institution und geistiger Leib Christi, sichtbare Versammlung und geistliche Gemeinschaft, sie lebt auf Erden und schon im Himmel, also bei Gott. Diese Kirche ist gemeint, wenn im Credo von der „einen, heiligen, katholischen und apostolischen Kirche“ gesprochen wird (Nr. 8).

In unserer Welt ist diese Kirche verwirklicht in der katholischen Kirche, die vom Papst mit den Bischöfen geleitet wird. Allerdings gibt es auch in anderen christlichen Konfessionen Elemente, die wahre Kirche Christi ausmachen. Die Kirche muss sich organisieren und braucht für ihre Aufgabe materielle Mittel. Sie soll aber keine irdischen Schätze suchen, sondern sich vor allem um die Armen kümmern, denn in ihnen begegnet sie Christus (Nr. 8).

Das zweite Kapitel über das Volk Gottes wurde erst später eingefügt – bewusst vor dem Kapitel über die Hierarchie. Gott will die Menschen nicht einzeln, sondern als Volk mit sich vereinen: zunächst das Volk Israel, dann alle Menschen in dem neuen Bund, den Christus gestiftet hat. Nicht alle Menschen gehören zu diesem Volk, oft sind es scheinbar nur wenige; dennoch bilden sie eine Keimzelle der Hoffnung für die ganze Menschheit (Nr. 9).

Die Kirche ist zum Heil notwendig

Jeder, der getauft ist, gehört zum allgemeinen Priestertum Christi; alle wirken gemeinsam mit dem Priestertum der Amtsträger, die die Getauften leiten sollen (Nr. 10). Zudem können alle Getauften prophetisch wirken und die Kirche mit erneuern. Wenn das ganze Gottesvolk unter Leitung der Bischöfe etwas zum Glauben und der Moral sagt, kann es nicht irren (Nr. 12). Alle Menschen – zu allen Zeiten und an allen Orten – können und sollen Mitglieder des Gottesvolkes werden. Unabhängig von jeder Nationalität bilden sie eine geistliche Gemeinschaft. Wegen kultureller Unterschiede gibt es Teilkirchen (Nr. 13).

Die Kirche ist zum Heil der Menschen notwendig, da es dieses Heil nur durch Christus gibt. Wer von der Kirche weiß, ihr aber nicht beitreten will, „könnte nicht gerettet werden“, ebenso jene, die nur formal dazugehören (Nr. 14). Mit den Mitgliedern anderer Kirchen weiß sich die katholische Kirche verbunden (Nr. 15). Gott ist auch jenen verbunden, die nicht an Christus glauben, besonders den Juden, aber auch Muslimen und anderen Gläubigen, sowie jenen, die Gott von Herzen suchen (Nr. 16).

Im dritten Kapitel über die Hierarchie erläutert das Konzil vor allem das Bischofsamt im Ausgleich zum I. Vaticanum, das auf den Papst fixiert war. Um das Gottesvolk zu leiten, hat Christus verschiedene Dienste eingesetzt. Aus den Aposteln Jesu ging das Amt der Bischöfe als das wichtigste hervor. Um sie zu einigen, steht an ihrer Spitze der Nachfolger des Petrus. Die Bischöfe wirken als oberste Seelsorger, Leiter des Gottesdienstes, Lehrer und Leiter der Ortskirche (Nr. 18–20).

Den Bischöfen ist das komplette Weihesakrament übertragen. Allerdings können sie ihre Lehr- und Leitungsvollmacht nur gemeinsam und unter dem Papst ausüben (Nr. 21–22). In einem eigenen Zusatz zur Kirchenkonstitution ließ Paul VI. bekräftigen, dass Bischöfe und Konzilien nie unabhängig vom Papst entscheiden können.

Die Bischöfe sind verantwortlich für ihr Bistum, das durchaus eigene Traditionen haben kann; sie sollen aber das Wohl der Gesamtkirche im Auge behalten. Jeder Bischof kann sein Amt nur mit Erlaubnis des Papstes ausüben. Der Lehre der Bischöfe und des Papstes ist Folge zu leisten. Sie können aber keine neue Offenbarung verkünden (Nr. 23–25).

Die Kirche Christi ist in allen einzelnen Gemeinden gegenwärtig. In den Teilkirchen leiten letztlich die Bischöfe Gottesdienst, Seelsorge und Sakramentenspendung; das sollen sie tun wie Diener (Nr. 26–27).

Um all diese Aufgaben erfüllen zu können, gibt es Priester. Sie vertreten den Bischof in den Pfarreien (Nr. 28). Verschiedene Aufgaben übernehmen sollen auch die Diakone. Dazu wird das Amt des Diakons eigens wieder hergestellt (Nr. 29).

Das vierte Kapitel behandelt die Laien, jene im Gottesvolk, die nicht geweiht sind oder im Ordensstand leben. Sie sollen das Evangelium dort leben, wo sie alltäglich wirken: in Beruf, Politik, Familie, Freizeit. Sie haben die gleiche Würde wie die Geweihten. Die Amtsträger sollen den Laien dienen und ihre Kompetenz schätzen; die Laien sollen mit den Hirten zusammenarbeiten. Auch sollen die Laien sich um religiös-theologische Bildung bemühen (Nr. 30–35). Die Laien haben ein Recht auf das Wort Gottes und die Sakramente. Umgekehrt muss jeder Laie vor der übrigen Welt ein Zeuge für Christus sein (Nr. 36–38).

Das fünfte Kapitel erläutert, wie alle Gläubigen berufen sind, ein christliches Leben vollkommener Liebe zu führen und so die Gesellschaft insgesamt menschlicher zu machen. Diese Heiligkeit wird unterschiedlich gelebt, eindeutiges Kennzeichen aber ist die Liebe zu Gott und zu den Menschen.

Das sechste Kapitel behandelt die Ordensleute. Ihre besondere Lebensform ermöglicht es ihnen, reichere Frucht bringen zu können. In der Kirche wie auch in der Gesellschaft sollen sie Christus besonders verkünden. Ordensangehörige sind kein Stand zwischen Klerus und Laien, noch sind sie weltfremd oder gesellschaftlich nutzlos.

Heiligenverehrung soll nicht übertrieben werden

Das siebte Kapitel erklärt das Ziel der Kirche und die Bedeutung der Heiligen. Vollkommen ist die Kirche erst, wenn alle Gläubigen ganz bei Gott sind. Bis es so weit ist, trägt sie irdische und veränderbare Züge (Nr. 48). Die Kirche besteht aus drei Gruppen: den Menschen, die noch auf Erden leben, den Verstorbenen, die „gereinigt werden“, und jenen, die schon bei Gott sind. Deswegen wissen die Lebenden sich mit den Verstorbenen eng verbunden und bitten füreinander. Heiligenverehrung soll nicht übertrieben werden; angebetet wird nur Gott.

Das achte Kapitel erläutert die Bedeutung der Gottesmutter Maria für die Kirche. Zwar genießt sie einen einzigartigen Vorrang unter den Heiligen, ist aber erlösungsbedürftig wie alle Menschen. Allein Christus ist Mittler zu Gott und Erlöser. Allerdings ist Maria das ideale Vorbild für die Kirche. Auch sie wird nicht angebetet; Marienverehrung soll theologisch stimmig sein und vermeiden, was andere Christen beirrt.

von Roland Juchem
 

 

Wortlaut:

  • „Christus ist das Licht der Völker. … Die Kirche ist in Christus gleichsam das Sakrament, das heißt Zeichen und Werkzeug für die innigste Vereinigung mit Gott wie für die Einheit der ganzen Menschheit.“ (Nr. 1)
  • „Die einzige Kirche Christi, die wir im Glaubensbekenntnis als die eine, heilige, katholische und apostolische bekennen …, in dieser Welt als Gesellschaft verfasst und geordnet, ist verwirklicht in der katholischen Kirche, die vom Nachfolger Petri und von den Bischöfen in Gemeinschaft mit ihm geleitet wird. Das schließt nicht aus, dass außerhalb ihres Gefüges vielfältige Elemente der Heiligung und der Wahrheit zu finden sind, die als der Kirche Christi eigene Gaben auf die katholische Einheit hindrängen.“ (Nr. 8)
  • „(Wie Christus) umgibt die Kirche alle mit ihrer Liebe, die von menschlicher Schwachheit angefochten sind, ja in den Armen und Leidenden erkennt sie das Bild dessen, der sie gegründet hat und selbst ein Armer und Leiden-der war. Sie müht sich, deren Not zu erleichtern, und sucht Christus in ihnen zu dienen.“ (Nr. 8)
  • „Christus allein ist Mittler und Weg zum Heil, der in seinem Leib, der Kirche, uns gegenwärtig wird.“ (Nr. 14)
  • „Die geweihten Hirten wissen sehr gut, wie viel die Laien zum Wohl der ganzen Kirche beitragen.“ (Nr. 30)
  • „So waltet … unter allen eine wahre Gleichheit in der allen Gläubigen gemeinsamen Würde und Tätigkeit zum Aufbau des Leibes Christi.“ (Nr. 32)
  • „Jeder Laie muss vor der Welt Zeuge der Auferstehung und des Lebens Jesu, unseres Herrn, und ein Zeichen des lebendigen Gottes sein.“ (Nr. 38)

 

Kurz und knapp:

Das Dokument „Lumen Gentium“ korrigiert den früheren Eindruck, die Kirche sei eine Feudalgesellschaft, die sich für perfekt hält. Vielmehr ist sie Gottes Volk, in dem alle die gleiche Würde haben, weil sie vom Geist Christi beseelt sind. Zur Kirche gehören die Lebenden und die Verstorbenen; die Kirche muss sich stets erneuern und soll sich vor allem um die Armen kümmern.
Christus hat seiner Kirche verschiedene Dienste vermacht. Das wichtigste Amt haben die Bischöfe inne. Sie leiten die Kirche – stets gemeinsam mit dem Papst. Priester und Diakone helfen bei sozialen, kultischen, katechetischen Aufgaben. Alle Getauften sollen Christus bezeugen und das Evangelium leben; Ordensleute tun das in einer besonderen Lebensform.
Weil dieses Kirchenbild so neu formuliert wurde, richtete sich die Aufmerksamkeit oft nur noch auf die Kirche. Dabei vergaß man oft, wozu es die Kirche gibt: Sie soll die Menschen zu Christus führen, sie untereinander und mit Gott vereinen. (ju)

 

Chronik

  • Herbst 1962: Das Konzil diskutiert einen ersten Entwurf.
  • Frühjahr 1963: Eine zweite Fassung wird erarbeitet.
  • Herbst 1963: breite Diskussion und Testabstimmungen
  • Herbst 1964: Diskussion einer dritten Fassung
  • November 1964: Paul VI. erlässt zwei Erläuterungen zur theologischen Geltung und zum Verhältnis der Bischöfe zum Papst); die sollen mit dem Dokument veröffentlicht werden.
  • 21.11.1964: Schlussabstimmung: 2151 Ja und 5 Nein

 

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