06.02.2011

KiZ-Tipp: "Kohl- und Pinkel-Tour" an der Weser

Appetit kommt beim Laufen

Bis in den März hinein sind links und rechts der Weser seltsame Prozessionen unterwegs: mit Eierbechern behängte Frauen und Männer, die ein eigenartig geschmücktes Gefährt mit sich ziehen.

Der Bollerwagen darf auf einer echten „Kohl- und Pinkel-Tour“ nicht fehlen. Foto: otm

Der Bollerwagen ist gefüllt mit wärmenden Getränken, auch wenn diese vorzugsweise kalt und hochprozentig sind. Zwischendurch wird ein überdimensionaler Würfel geworfen. Die „Sechs“ läutet ein Trinkritual ein. Oder es wird gebosselt: zwei Kugeln in einer Art Freiluftkegeln über den Weg gerollt – macht Spaß, wirklich.

Und warum das Ganze? Weil ein unscheinbares Gemüse aus der Familie der Kreuzblütler Frost bekommen hat. Bittere Stärke wird zu Zucker – und Grünkohl, der in Bremen Braunkohl heißt, wird genießbar. Von November (traditioneller Starttag ist der Buß- und Bettag) bis März ist zwischen Braunschweiger Land und Ostfriesland Kohlsaison. Und die „middemang“ liegenden Bremer behaupten – nicht unwidersprochen – steif und fest, dass sie die Ersten waren, die die nicht ganz kalorienarme Speise erfunden haben. Samt Beiwerk: Bauchspeck, Kochwurst und Pinkel. Pinkel? Ist nichts Anrüchiges, sondern eine Wurst aus Speck, Zwiebeln und Hafergrütze, gestopft in den Mastdarm eines Rindes. Kassler – ursprünglich in Berlin vom Schlachter Cassel „erfunden“ – kam erst später dazu.

Ein deftiges Mahl: Da empfiehlt es sich, ordentlich „Kohldampf“ zu haben. Und den Magen im Vorfeld „anzuregen“. Genau dem dienen jene Prozessionen namens „Kohl-und-Pinkel-Tour“: Hungrig laufen. Wobei der Ursprung weniger mit Laufen zu tun hat. Da waren es im 19. Jahrhundert wohlhabende Geschäftsleute im Oldenburger und Bremer Raum, die mit Pferdegespannen von der Stadt in Landgasthäuser fuhren. Von den Gespannen ist heute noch der Bollerwagen übrig geblieben.

Rüdiger Wala

 

Wissenswert:

  • Informationen über Angebote gibt es in den jeweiligen Tourismus-Zentralen.
  • Tipps zum Durchführen einer Kohlfahrt gibt es auf (auch privaten) Seiten im Internet wie www.kohlfahrt.de, www.kohlfahrten.de oder www.kohltourhauptstadt.de.
  • Zum Lesen: „Das Kohl und Pinkel Buch“ von Helga Klöver, Edition Temmen, ISBN: 978-3861082996, 12,90 Euro.