12.02.2015

Leserreise der KirchenZeitung nach Israel und Palästina

Auf den Spuren Jesu im Heiligen Land

Pilger aus dem Bistum Hildesheim waren unterwegs auf den Spuren Jesu in Israel und Palästina. Begleitet wurden sie von Dominikanerpater Martin Rosner und KiZ-Redakteur Rüdiger Wala. Er berichtet von der Reise. 

 

Tag 1: Zwischen den Wegen

Die Zeit ist vor allem eines: unchristlich. Und das zum Auftakt einer Pilgerfahrt, die im Heiligen Land auf den Spuren Jesu wandern will. 4.30 Uhr morgens als Treffpunkt im Flughafen Hannover ist eine Herausforderung für gefühlt zentnerschwere Augenlider, gepaart mit Aufregung und Vorfreude. Doch wie so vieles im Leben erweist sich ein vermeintliches Unbill als kleiner Segen.

Die Abflughalle ist menschenleer. Die Gruppe mit Pilgerinnen und Pilgern aus dem ganzen Bistum und weit darüber hinaus – zum Beispiel aus dem kreuzkatholischen Bayern – findet sich schnell. Und hat sofort auch ein Gesprächsthema: "Sind Sie auch so müde wie ich?" Die gemeinsame Herausforderung an die eigene Konstitution wirkt auch zwischen Menschen, die sich in diesem Moment zum ersten Mal sehen, eisbrechend. Geteiltes "Leid" ist halb ist halbes Leid. Oder eine erste Erkenntnis abseits der Spuren Jesu: Gottes Wege sind unergründlich.

Aber nicht nur "Seine" Wege sind es. Unergründlich. Auch die Wegführung auf dem Frankfurter Flughafen, unseres Zwischenstopps, sind es. Vor allem, wenn man DIE besonderen Örtlichkeiten sucht. Die charakteristischen Hinweisschilder dafür – einmal Weiblein, einmal Männchen in klassischen Piktogrammen sind schnell gefunden. Sie versprechen Nähe. Es bleibt aber beim Versprechen. Treppe rauf, Treppe runter, dann wieder links und mal rechts. Die Wahrnehmung verengt sich zu einem Tunnel, bis endlich Türen gefunden werden, die zu den Piktogrammschildern passen.

Der nächste Weg ist gefühlt ähnlich lang. Zum Abflugsteig, zum Gate. Fast schon sinnigerweise mit C13 bezeichnet, weil Analogien zur überlieferten Unglückszahl naheliegen könnten. Denn dieser Gate ist ausschließlich für Reisende "reserviert", die nach Tel Aviv fliegen wollen. Und dieser Flugsteig liegt abseits von allen anderen, auch von der "Duty-Free-Zone". Die Personenkontrollen sind, sagen wir, intensiv. Zweimal Scannen, Abtasten, Haare kontrollieren, Schuhe ausziehen. Technische Geräte werden auf Sprengstoff untersucht, Kabel unter die Lupe genommen. Ein Vorgeschmack auf die politisch-brisante Situation des Landes.

Aber noch einen Vorgeschmack bringt das Warten auf dem Abflug im getrennten Bereich des Flughafens: auf die öffentlich gelebt Religiösität in Israel. Orthodoxe Rabbiner legen mitten unter den Fluggästen ihren Hut und ihre Anzugsjacke ab, gürten den Arm mit einem Lederriemen, schnallen sich ein kleines Thora-Kästchen um, wickeln sich in ein Tuch – und beten. Es wirkt schnell gesprochen, fast schon gehetzt. Flucht und Vertreibung sind Urerfahrungen des Judentums.

Wir erreichen Tel Aviv. Ein Blick in den Pass. Keine weiteren Kontrollen mehr. Nichts zu verzollen. Wir erleben während der gut zweistündigen Busfahrt zunächst ein Metropole, die sich wenig von anderen Städten der Welt unterscheidet – einschließlich der unvermeidbaren Fast-Food-Ketten amerikanischer Konzerne. Wären da nicht die hebräischen Schriftzeichen, die von rechts na links laufen und, wie wir lernen, keine Vokale kennen. Die hat man sich dazu zu denken.

Auch ein langer Weg findet ein Ziel. Unsere erste von drei Herbergen, das Pilgerhaus Tabgha am See Gennesaret. Hier gibt es wieder Selbstlaute und lateinische Schriftzeichen. Am Eingang grüßen Bilder von Papst Franziskus – und Kardinal Rainer Maria Woelki. Überraschend. Und auch wieder nicht. Die Pilgerherberge gehört zum Deutschen Verein vom Heiligen Lande. Man spricht deutsch.

Der allerletzte Weg führt unsere Gruppe in einen größeren Besprechungsraum. Katholischer Bildungshausstandard. Stühle im Kreis. Sogar die Flipcharts kommen von der Firma, die gefühlt jedes zweites Bildungshaus mit den Materialien für gute Moderatorinnen und Moderatoren ausstattet. Fast wie Zuhause. Wir tauschen uns aus: Wer wir sind, was uns auf diese Spurensuche Jesu gebracht hat, was wir uns erhoffen, wie der erste gemeinsame Tag war? 30 Männer und Frauen zwischen 46 und 78 Jahren, allein oder als Ehepaar auf dem Weg. Und nach diesem Tag, nach diesem ersten Abend sind wir es auch gemeinsam. Beeindruckend. Echt. 

 

2. Tag: Es stürmt auf dem See Gennesaret

Bibelfilme täuschen. Es brennt nicht immer nur die Sonne heiß auf sandige Wege herunter. Der Sand ist heute in der Luft. Hergeweht aus Ägypten, sagen die Wetterkundler. Dick und schwer. Der Sand verdunkelt sogar die Sonne. Zeitweise ziehen dicht Staubwolken an ihr vorrüber. Es wirkt wie eine kleine Sonnenfinsternis. Der Geruch von Regen liegt in der Luft. Doch die Tropfen fallen (noch) nicht. Auch sie werden durch den Sand gehindert. Wie auch unsere Sicht. Kein Blick in die Weite, nur in undurchdringlichen Dunst. Große schroffe Berge werden zu Ahnungen hinter dem Vorhang.

In Israel kennt man nur zwei Sorten Wetter. Zu einen: Schönes. Das ist mit Sonne (ohne Sand, zumindest in der Luft), mit Wärme. Zum anderen: Gutes. Das ist ohne Sonne und meist auch ohne Wärme. Man könnte auch Regen dazu sagen. Schließlich ist Februar und Winter. Man könnte. Macht es aber nicht. Wir haben sehr gutes Wetter.

Wir fahren zum See Gennesarat. Der See, der auch Galiläisches Meer heißt und der wie kein anderer für den Aufbruch von Jesus. Hier hat er seine Heimat nach Nazareth und Wüste gewählt, hier hat er erstmals geheilt, Menschen um sich gesammelt und wie Schafe unter die Wölfe geschickt. Hier ging er über das Wasser. Der Anfang seines besonderen Weges. Der Beginn der Entscheidung, wie der Evangelist Matthäus schreibt.

Und wir erleben einen Sturm, der so wohl auch die Glaubensfestigkeit der Jünger erschüttert hat, wie in den Evangelien berichtet wird. Ein Sturm auf einem kleinen Binnensee. Gerade mal 20 Kilometer lang und zwölf Kilometer breit. Keine ehrfurchtgebietenden Ausmaße. Und doch bibbern die Jünger vor Angst, während Jesus schläft. Gut, unser an ein traditionelles Fischerboot angelehntes Schiff namens "King David" ist wohl deutlich größer und stabiler als die Nussschale der Jünger. Doch die Böen sind so stark, es kostet Anstrengungen sich dagegen zu stemmen. Jesus muss einen tiefen Schlaf gehabt haben. Und wir werden die Verse der Heiligen Schift künftig mit einem anderen Gefühl hören.

Nächste Station des Weges: Der Berg der Seligpreisungen. Bei Matthäus ist ein Berg, auf dem Jesus von der wahren Gerechtigkeit spricht, bei Lukas ist es ein Feld. Vielleicht liegt die Wahrheit in der Mitte. Jesus spricht von unten zu den Menschen auf den hängen. Ob nun wirklich auf dem Berg, der nach den Seligpreisungen benannt wird, Jesus stand, ob die heutige unter das Patronat der Seligpreisungen gestellte Kirche wirklich auf dem gleichen Gipfel steht – es ist fraglich. Ausgrabungen liegen dem nicht zugrunde. Der Platz wurde gewählt, weil er schön ist, erfahren wir. Das ist er. Auf den Spuren Jesu zu gehen, heißt auch zu glauben. Und nicht wie der Apostel Thomas auf der Suche nach Wahrheit mit den Fingern in der Wunde zu bohren. Oder mit Schaufel und Pinsel die Steine freizulegen, die Geschichte belegen. Machmal ist es die Botschaft, die zählt. Die der Friedfertigen, die der Barmherzigen, die derer, die dürsten nach Gerechtigkeit und die arm sind vor Gott.

Wir kehren zum See Gennesaret zurück und bringen unseren Dank für Gott. Wir feiern Eucharistie. Das Altartuch muss mit Steinen beschwert werden. Passt, weil der Tisch des Herrn direkt am Ufer des Sees, direkt unter der Brotvermehrungskirche unter freiem Himmel selbst ein großer Findling ist. Könnte Jesus genau so mit seinem Jüngern Mahl gehalten haben? Wir machen eine weitere Erfahrungen. In Kirchenliedern singen wir vom Heiligen Geist, der kommt mit Feuer und mit Sturmesbraus. Nun, das Feuer entfachen wir vielleicht in uns, aber Sturmesbraus ist die Begleitmusik unseres Gottesdienstes. Erhebend.

Der Weg führt uns weiter am Ufer des Sees zur Primatskapelle. Das Kirchlein steht an der Stelle, an der Jesus nach seiner Auferstehung mit seinen Jüngern Mahl gehalten und dann Petrus beauftragte, seine Schafe zu weiden. In der Tradition unserer Kirche der Auftrag an Petrus und seine Nachfolger zum Hirtenamt, zum Primat. Daher der Name der Kapelle. Im Inneren dominiert ein Felsblock. Der Stein, auf dem Jesus den Jüngern Brot und Fisch gab. Aber wohl auch ein Zeichen, dass Jesus die Kirche auf Petrus, den Fels, baute. Nur. Im Kiesbett des Ufers, direkt unter der kleinen Kapelle, die bereits der sechste Kirchbau dort ist, finden sich sechs unterschiedlich große Steine. Was sie eint, was sie besonders macht? Sie sind alle herzförmig. Vielleicht hat Jesus die Kirche doch eher auf der Liebe errichtet. 

Es beginnt zu regnen, auf dem Weg zur letzten Station des Tages. Nein, das gute Wetter wird noch besser. Der Sand kann die Regentropfen nicht mehr zurückhalten. Wir sind in Kapernaum, die Stadt, die sich Jesus selbst als neues Heim vor dem Aufbruch nach Jerusalem erwählt hat. Es ist auch die Heimat von Simon Petrus. Hier lebt er mit seiner Großfamilie, hier steht sein Haus, in dem Jesus mitlebte und die Schwiegermutter von Petrus heilte. Hier stritt Jesus in der Synagoge, lehrte die Menschen am Sabbat, wie der Evangelist Johannes schreibt. Hier heilte er Kranke und Bessenene, weil er in seiner Heimat angelehnt wurde. Nirgends gilt ein Prophet weniger als dort, wo er aufgewachsen ist. Die Ruinen des alten Kapernaum sind freigelegt, das Haus des Simon Petrus wurde gefunden beziehungsweise was daraus geworden war: eine Domus-Ecclesia, eine Hauskirche. Keine 30 Meter entfernt stehen die Überreste einer alten Synagoge. Es ist nicht die, in der Jesus predigte und Wunder tat. Sie wurde wohl im vierten Jahrhundert errichtet. Allerdings auf den Fundamenten des Vorgängerbaus.

Über den Fundamenten des Hauses von Petrus "schwebt" heute ein moderne, fast futuristisch anmutende Kirche, die unter seinem Patronat steht. In der Mitte des Gotteshauses geben Glasplatten im Boden den Blick auf das Haus frei. Die auf Stelzen stehende Kirche St. Peter ist flach gebaut, um den Blick auf die Ruinen, aber auch zum nahen See Gennesaret nicht nur verstellen. Eine weise Entscheidung. Denn so sehen wir die Spuren Jesu im "fünften Evangelium", das keine Überlieferung als Geschichten im Buch ist, sondern eine Überlieferung in Stein.

 

3. Tag: Über Wasser, einen Klempner und Wegesahnungen

Ein Tag in drei Worten: Wasser, Wasser und nochmals Wasser. Von oben, von unten, von rechts, von links. Wir fahren nach Akko. Direkt am Mittelmeer. Eine Stadt, die zeigt, welche Irrwege die Christenheit nehmen kann. Es ist die Stadt der Kreuzritter. Gut zwei Jahrhunderte herrschen sie in der Stadt, befehden sich mit den Truppen der muslimischen Sultane, die ihrerseits das Heilige Land erobert hatten. Immer noch ein Stachel in der Geschichte einer Ecke der Welt, in der Kriege und Vertreibung fast von Anbeginn der Zeit tobten und Frieden immer nur von kurzer Dauer war.

Das heutige Israel und Palästina, auch der Libanon und Syrien waren immer Landstrich mit Wanderungsbewegungen, lernen wir. Von der Hochkultur a, Euphrat und Tigris zur Hochkultur Ägypten. So ist die Landschaft zwischen dem See Gennesaret und Akko wunderschön, aber hügelig, zerklüftet. Dort, wo Landwirtschaft möglich ist, siedeln sich Menschen an. Dörfer entstehen, kleine Städte. Doch immer wieder gibt es Kriege um sie, sie werden erobert, sie vergehen. Davon zeugen die Geschichten der hebräischen Bibel, davon zeugt Akko, davon zeugt aber auch die instabile politische Struktur der Region, die um 1917 in den Amtsstuben der englischen und französischen Armee entstanden. Auf einer kleinen Landkarte, mit Bleistift und Lineal – nur ohne Ansicht "natürlicher Grenzen", Siedlungskerne und ethnischer wie religiöser Verbundenheit.

Zurück zu Akko. Der Himmel öffnet über Stunden seine Schleusen. Der Regen prasselt unaufhörlich, schlägt Blasen am Boden. Die Gullys laufen über. Und wäre das noch nicht genug: Am Hafen schlagen hohe Wellen an, Gischt sprüht über die Uferpromenade – und über uns. Wir erinnern uns an die israelische Wettereinleitung in schön und gut. Wir haben sehr, sehr, sehr gutes Wetter. "Guter" geht es wohl nicht mehr.

Wir entdecken die Stadt aber im Untergrund. Denn dort sind die Spuren der Kreuzritter zu finden. Ein Gefühl kommt auf. Gestern waren wir auf dem Berg der Seligpreisungen. Dort sprach Jesus davon, dass die Friedfertigen selig sind, die, die dürsten nach Gerechtigkeit, die, die arm sind vor Gott. 1000 Jahre später fallen hier christliche Ritter ein, unter anderem Johanniter und Templer, die im Namen Jesu die heiligen Stätten mit Schwert, Armbrust und schwerem Kriegsgerät zurückerobern wollen – und auch vor Verbrechen im Zeichen des Kreuzes nicht zurückschrecken. Auch nicht gegenüber östlichen Christen. Denn die Plünderungen fangen weit vor Akko und Jerusalem an. Was für ein Irrweg.

Ein Irrweg, der auch das Schicksal Akkos als Bastion der Kreuzritter besiegelte. Die Stadt fällt Ende des 13. Jahrhundert unter einem Ansturm der Marmeluken. Sie zerstören die Stadt, damit sie nicht wieder Kreuzrittern als Einfallstor in das Heilige Land dienen kann. Erst ein halbes Jahrtausend später errichten osmanische Herrscher die Stadt neu. Die Ruinen des alten Akko werden verfüllt, darauf entsteht die neue Stadt, die heute noch Bestand hat.

Dadurch überdauern die Spuren der Kreuzritter. Seit gut zwei Jahrzehnten werden die Reste der alten Festungsanlagen der Johanniter und Templer freigelegt und restauriert. Manchmal werden sie auch nur per Zufall gefunden. Ein Tunnel der Templer, der wohl auch dazu diente, um Waren zu schmuggeln (damit der Orden dem Königreich Jerusalem weniger Steuern zahlen musste), wird von einem Klempner entdeckt. Bei Wartungsarbeiten im Badezimmer einer Wohnung bricht er durch den Fußboden und landet in diesem versteckten und bis dahin vergessenen Kanal, der heute als Tunnel eine der besonderen Sehenswürdigkeiten ist – neben den großen wie natürlich großartigen Hallen und Anlagen des Johanniterordens.

Doch diese kleine Geschichte um einen Klempner macht noch eines deutlich: Die Kreuzzüge sind im Bewusstsein des Landes, im Bewusstsein der Religionen tief verankert. So als ob sie erst gestern gewütet hatten. Die Jahrhunderte schrumpfen auf einen Tag zusammen. Geschichte ist hier nicht etwas für dicke Lehrbücher, sondern Alltag in Stein und Gefühl.

Wir verlassen Akko und fahren weiter nach Nazareth, dem Ort, wo Jesus als Kind, Jugendlicher und junger Mann gelebt und gearbeitet hat. Nun, als Zimmermann wird er eher in der benachbarten größeren Stadt malocht haben. Machlocht deswegen, weil das Wort aus dem hebräischen stammt und "Handwerk" bedeutet. Und deswegen, weil es in Nazareth, einem im 1. Jahrhundert ganz kleinem Ort mit nur wenigen Familien schlicht keine Arbeit gab. Auch dadurch ist Jesus Mensch geworden, in dem er eine Erfahrung des Volkes Israel teilt: als Wanderarbeiter.

Vor allem aber ist Nazareth der Ort, wo der Erzengel Gabriel der jungen Magd Maria verkündet hat, dass sie ein Kind empfangen werde. Ein Kind, zu dem Maria bedingungslos ja gesagt hat, ein Kind, das ihr späterer Mann Josef, über den wir so wenig wissen, als sein eigenes annahm. Keine einfache Entscheidung für diese Zeit. Hier ist das Wort Fleisch geworden genau hier.

Bereits im vierten Jahrhundert gab es in Nazareth zwei Kirchen, die über Grotten errichtet wurden. Nazareth liegt in einem Kessel, die heutige Stadt ist an den Hügeln hochgewachsen. Die Grotten waren mit in die damaligen Wohnhäuser integriert, als Küche oder als Lageraum. In einer dieser Grotten ist der Engel Maria erschienen. Nach griechisch-orthodoxer Tradition etwas außerhalb des Ortes nahe einer Quelle, im katholischen Verständnis unmittelbar am Haus des Josef.   

Auch heute stehen über beiden möglichen Stellen der Erscheinung Kirchen: die kleine, ikonografisch bis in die letzte Ecke geschmückte griechisch-orthdoxe Kirche des Erzengels Gabriel und die Verkündigungsbasilika. Die 1969 geweihte Kirche ist eine der größten christlichen Sakralbauten, eine der größten heiligen Stätten im Nahen Osten. Über den Ruinen der früheren wurden zwei miteinander verbundene Kirchen aus Stein errichtet. In der Unterkirche befindet sich der traditionelle Ort der Verkündigung. Die Oberkirche enthält viele Mosaiken, Fresken und Skulpturen.

Gerade die Marienfresken machen diesen Ort zu besonders. Denn sie zeigen als nahezu allen Ländern der Welt ein Bild der Gottesmutter. So wie sie in der jeweiligen Kultur gesehen wird. MIt schwarzer Haut, mit asiatischen Gesichtszügen, in traditioneller Kleidung. Das zeigt, wie nahe die Gottesmutter Maria den Menschen ist, wie sie, wie wir im Kirchenlied singen, ihren Mantel über die Welt ausbreitet. Die große Fürsprecherin bei Gott.

Die "deutsche" Darstellung hat etwas Prophetisches, die Ahnung eines Weges: Sie wurde weit vor der deutschen Wiedervereinigung geschaffen. Und doch zeigt sie zu den Füßen Marias zwei Kinder, die sich unter einer Mauer die Hand reichen. Wie war das noch mit dem Stürzen der Mächtigen vom Thron?

Die Madonna unseres Partnerlandes Bolivien ist eine Darstellung der Virgen von Copacabana. Das könnte wohl auch gar nicht anders sein. Sie hat einen besonderen Platz. Gleich rechts neben dem Eingang. Auf der anderen Seite: Die Mariendarstellung als Nazareth selbst. Erst nach Bolivien folgt der Vatikan, dann Irland. Auch schön.

Doch egal, wo genau der Erzengel Gabriel die frohe Botschaft der Menschwerdung Gottes als kleines zu schätzendes Kind verkündet hat: Hier in Nazareth ist jenes bedingungslose Ja Marias zu spüren, das Vertrauen einer jungen Frau, die sich als Magd des Herrn sieht und etwas Großes, etwas Mutiges tut.

Beim Weg zum Bus werden wir daran erinnert, wie viel Mut für ein friedliches Zusammenleben von Völkern und Religionen heute noch nötig ist. Unterhalb der Verkündigungsbasilika ist an der Fassade eines Hauses ein Transparent mit Suren aus dem Koran aufgehängt. In Englisch ist dort zu lesen: "Gott ist weit davon entfernt, einen Sohn zu haben." Es ist jene fatale Mischung aus Verblendung, Unkenntnis und Hass, auf der Fundamentalismus gedeiht – zu den Zeiten der Kreuzritter ebenso wie heute.

 

4. Tag: Von einem See zum anderen – und das durch die Wüste

Tiefer geht es nicht mehr, zumindest an Land. Und älter geht es auch nicht mehr. Und dann ist da noch die Sache mit dem Salz ...

Der Reihe nach. Wir verlassen unsere Herberge am See Gennesaret. Wir machen uns auf den Weg nach Jericho, einer Stadt, die die Spuren des Volkes Israel der hebräischen Bibel mit Jesus verbindet. Unsere erste Station: ein Maulbeerfeigenbaum. DER Maulbeerfeigenbaum. Auf diesen Baum ist Zächaus geklettert, wie es der Evangelist Lukas beschreibt. Zächäus war der Oberste der Zöllner und reich, aber klein an Gestalt. Uns so musste der Mann, als der Wanderprediger Jesus in Jericho einzog, auf einen Baum klettern, um ihn sehen zu können. Jesus spricht ihn an und sagt, dass er in seinem Haus zu Gast sein werde.

Keine nette Geschichte, sondern ein Skandal. Denn Zöllner gelten als korrupt und Zachäus war es sicher auch. Zudem paktierten sie mit der römischen Besatzungsmacht. Zu solchen Leuten geht man nicht. Gerade hier zeigt sich, dass Jesus nicht nur die Krankheiten von Menschen geheilt hat, sondern auch Wunden in der Gesellschaft. Er bricht ein Tabu, denn "der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist", überliefert Lukas Worte von Jesus. Zächaus ändert sich. Doch es ist mehr als die Geschichte einer individuellen Umkehr. Es ist das Durchbrechen von gesellschaftlicher Isolation. Vielleicht beschreibt das die Möglichkeit, wozu Christinnen und Christen heute noch im Heiligen Land beitragen können.

Jericho, heute gut 22000 Einwohner zählend, ist die älteste Stadt der Welt. Die aller-, aller-, aller-, ..., allerälteste Stadt. Ausgrabungen belegen, dass es bereits im Jahr 8000 vor Christi dort kleinstädtische Siedlungsstrukturen gab. In unseren Breitengraden waren die Menschen noch als Jäger und Sammler unterwegs. An der Kreuzung von Wanderrouten und späteren Handelsstraßen gelegen, boten vor allem zwei Wasserquellen und die Lage in einem Talkessel die Möglichkeit zur Landwirtschaft. Gerade dieser Kessel verleiht Jericho noch einen zweiten Superlativ. Jericho liegt 250 Meter unter dem Meeresspiegel.

Blickt man von Jericho nach Osten, in Richtung Jordanien, sind Ausläufer des Abarim-Gebirges zu erkennen. Dessen höchster Gipfel ist der Berg Nebo. Dort ist Moses gestorben, wie im Buch Deuteronomium zu lesen ist. Er durfte das gelobte Land schauen, aber nicht mehr selbst einziehen. Vielleicht starb er mit Blick auf die Dattelpalmen in der Region Jericho. Denn das verheißene "Land, wo Milch und Honig fließen" hat nichts mit Kühen und Bienen zu tun, sondern mit Ziegen, die etwa um 7000 vor Christus domestiziert wurden und mit Dattelpalmen. Der Honig, von dem in der Bibel die Rede ist, ist Dattelsaft.

Von diesem Saft hat Johannes der Täufer gelebt. Und von Heuschrecken. Der Mann muss, freundlich formuliert, ziemlich wild ausgesehen haben. Und trotzdem war er derjenige, der Jesus vorausging. Der mit Wasser taufte, am Jordan, unserer nächsten Station. Auch Jesus lässt sich von ihm taufen. Wiederum ein Zeichen. Der Sohn des allmächtigen Gottes lässt sich von einem Menschen taufen – und eine Stimme vom Himmel spricht herab: Das ist mein geliebter Sohn, an dem ich Gefallen habe.

Der Jordan ist an dieser Stelle keine zehn Meter breit. Das Wasser ist gelb vom Sand der umgebenen Geröllwüste, die wir seit wenigen Kilometern südlich des See Gennesaret durchfahren. Kleine Büsche säumen den Fluss, der sich leicht windet. Und in der Mitte des Jordan verläuft die Grenze zwischen Israel und Jordanien. So haben wir Zeugen, als wir an dieser Stelle unseren Glauben erneuern – zwei israelische und zwei jordanische Soldaten, die eher die Sonne genießen als sich gegenseitig zu belagern. Zuvor haben wir einen israelischen Militärposten passiert. Eine Grenze ist eine Grenze.

Durch gelbe Bänder sind zwei Stellen als Taufbecken ausgewiesen. Grob geschätzt jeweils vier Badewannen groß. Gut, wuchtige Badewannen. Der Fluss fällt schnell ab. Nach zwei Schritten reicht das Wasser bis zur Brust. Das erkennen wir als russisch-orthodoxe Pilgerinnen und Pilger ans Ufer des Jordan treten. Sie sind in lange, weiße Gewänder gekleidet, an der Brust ein Aufdruck in russischer Sprache. Sie küssen die Hand ihres ebenfalls in dieses bis übers Knie reichende T-Shirt gekleideten, leise singenden Popen. Nacheinander gehen sie in den Jordan, bekreuzigen sich und tauchen dreimal unter. Eine andere Form der Tauferneuerung.

Mit diesem Bild setzen wir unseren Weg von See zu See durch die Wüste fort. Wir erreichen das Tote Meer. Keine Station auf den Spuren Jesu, sondern eher eine für uns. Auch zum Vergnügen, auch für die eigene Seele. Etwas Besonderes, dieses Gefühl im über 30 Prozent salzhaltigen Wasser zu liegen und nicht untergehen zu können – ein bisschen wie in Gottes Hand. Wobei: In den See zu kommen ist nicht so leicht, durch den Seeboden, in dem man durchaus bis zum Knie einsinken kann. Dieser Spaß gehört mit dazu. Die Empfehlung unserer Reisebegleiterin: Rückwärts gehen, hinhocken und sich fallen lassen. Auch eine Übung auf über 400 Meter unterhalb des Meeresspiegels. Der tiefste Punkt der Welt, an dem Menschen atmen können.

Wir fahren weiter nach Bethlehem. Wir streifen auf dem Weg Jerusalem, bekommen im Dämmerlicht einen Eindruck, was uns die nächsten Tage erwartet. Wir passieren die Mauer, die Israel von den palästinensischen Autonomiegebieten trennt. Gerade mit unserer Vergangenheit ist das ein beklemmendes Gefühl, auch wenn wir einfach durchfahren können. Eine Mauer trennt Familien, stiftet Wut und Verzweiflung. Wir fragen uns, ob das nicht ein zu hoher Preis für die Sicherheit Israels ist.

Ampelhalt in Bethlehem. Wir entdecken ein Graffiti, das zum Boykott von Israel aufruft – samt durchgestrichenem Davidstern. Im Heiligen Land gibt es keine einfachen Antworten. Das war wohl so im geteilten Belfast, das war wohl auch so im geteilten Berlin. 

Ach ja, für die, die bereits die ersten drei Teile gelesen haben: Wir hatten schönes Wetter. In Jerusalem und Bethlehem wurde es dann wieder gut ...

 

Tag 5: Betlehem und Hebron - heiliges Land ohne Frieden

Was für ein Tag. Was für ein Wechselbad der Gefühle in der Stadt, in der der Sohn Gott als kleines Kind Mensch geworden ist – und in der Stadt, in der drei Weltreligionen ihren gemeinsamen Ursprung feiern könnten. Wohlgemerkt gemeinsam könnten.

Wir besuchen das Kinderheim La Crèche in Bethlehem. Eine (Kinder-)"Krippe", was crèche übersetzt bedeutet, gerade in dieser Stadt in den palästinensischen Autonomiegebieten zu besuchen, ist etwas was uns sehr nahe geht. Jesus wurde unehelich geboren, Josef hat ihn als sein "Nährvater", wie es heißt, angenommen. Hie in La Crèche leben auch uneheliche Kinder. Zurzeit sind es 71 im Alter von null bis sechs Jahren, erzählt uns Schwester Laudy. Sie gehört zu den Filles de la Charité St. Vinzent, den Töchtern der Barmherzigkeit, der Orden, der von den heiligen Vinzenz von Paul und Luise von Marillac gegründet wurde. Die heilige Luise war selbst unehelich geboren und in einem Kloster abgegeben worden, bis sie als außereheliche Tochter von Louis I. von Marillac anerkannt wurde.

In La Crèche werden Kinder auch abgegeben. So wie Yussuf (Josef), der immer wieder die Nähe zu Sr. Laudy sucht, während sie mit uns spricht. Yussef wird bald die Krippe verlassen. Er wird sechs Jahre alt, dann wechselt er wie alle Kinder, in das SOS-Kinderdorf von Bethlehem. Dort kann er die Schule besuchen und auch eine Ausbildung machen. Aber nur dort. Und auch nur in La Crèche konnte er die ersten sechs Jahre leben.

"Wir sind hier in einer muslimisch geprägten Gesellschaft", sagt Sr. Laudy. Die allgemeinen Werte folgen islamischer Tradition und Recht: "Uneheliche Kinder gelten als Kinder der Schande". Eine Schande, die auch mit dem, was so zynisch Ehrenmord genannt wird, von der eigenen Familie geahndet werden kann. Deshalb werden auch junge schwangere Frauen, die oftmals auch vom eigenen Bruder oder Cousin vergewaltigt wurden, bis zur Geburt ihres Kindes versteckt. Oder sie lassen verzweifelt ihre Kinder am Straßenrand liegen.

Obwohl sie Kinder der Schande sind, werden sie mit ihrer Geburt automatisch muslimisch. Und damit dürfen sie nicht adoptiert werden. Das ist im Islam nicht erlaubt. Die Kinder können später nur am Rande der muslimischen Gesellschaft leben. Sie bekommen keinen Pass, können nicht ausreisen. Die Schwestern versuchen daher, sich auch politisch für sie einzusetzen. Doch ohne Erfolg. "Wir dürfen sie nicht christlich erziehen", berichtet Sr. Laudy. Schließlich sind die Kinder Muslime: "Aber wir geben ihnen die christliche Liebe, für die wir da sind." Aber sie sagt auch: "Ich kann nicht sehen, wenn die Kinder gehen." Bei Yussuf, der sehr an ihr längt, wird ihr das besonders schwer fallen.Sie bitte uns um unser Gebet.

Wir gehen von der einen Krippe zur anderen, zur Grotte, in der Jesus in der Krippe lag. Sie liegt unterhalb der Basilika der Geburtskirche gleich der Geburtsgrotte gegenüber. Dort wo Jesus bei den Tieren in der Krippe, in Windeln lag, am Altar der drei Weisen, feiern wir Gottesdienst. Wir beten für die Kinder von La Crèche, wir beten für alle Kinder in der Welt. Wir beten, dass sie eine Zukunft haben. In Frieden.

Denn das Land ist heilig, aber nicht friedlich. Da zeigt sich auch an der Geschichte der Geburtskirche: Der römische Kaiser Konstantin der Große und sein Mutter Helena ließen sie errichte, 335 wurde sie geweiht. Dass sie dem Sturm der Perser gegen das byzantinische Reich "überlebt" hat und nicht um 614 wie alle anderen Kirchen zerstört wurde, verdankt sie der Überlieferung nach wohl nur einem Umstand: einem Mosaik der der Sterndeuter. Sie waren in orientalische Gewänder gehüllt und die Perser werteten sie als Abbilder ihrer  Ahnen. Nur daher ist die Geburtskirche die älteste Kirche im Heiligen Land.

Während wir unsere heilige Messe feiern, ziehen gerade mal einen Meter entfernt Menschenmassen an der Geburtsgrotte vorbei. Mal mehr, mal weniger ehrfürchtig. 1717 hat unsere Kirche den Geburtsort so gestalten lassen, wie er sich heute zeigt. Markiert mit einem silbernen Stern mit der Inschrift Hic de virgine Maria Jesus Christus natus est („Hier wurde Jesus Christus von der Jungfrau Maria geboren“). Seine 14 Zacken symbolisieren die 14 Geschlechter im Stammbaum Jesu. Wie dieser Stammbaum aussieht, zeichnet ein Relief im Eingangsbereich der unmittelbar angrenzenden Katharinenkirche der Franziskaner nach. Das Relief ist ein Geschenk von Papst Benedikt XVI.. Die "Besitzverhältnisse" der Geburtskirche sind genau geregelt – und zwar seit 1757. Das damalige osmanische Sultanat erließt nach Streitigkeiten zwischen den Konfessionen eine Verordnung: Demnach Der gehört der Hauptaltar und die rechten Seitenaltäre in der Geburtskirche der griechisch-orthodoxen, zwei Seitenaltäre links der armenischen Kirche. Den "Lateinern", also der römisch-katholischen Kirche, bleiben neben dem Dreikönigsaltar und dem Stern unter dem Geburtsaltar die sogenannten die Hieronymus-Grotten und ein Platz links von der Kirche. Dort steht heute die Katharinenkirche.

Der Kirchenvater Hieronymus kam übrigens 386 nach Bethlehem. Nahe der Geburtsgrotte vollendete er seine lateinische Bibelübersetzung, die Vulgata In seinen zahlreichen Briefen schrieb er an einer Stelle: „Hier in einer kleinen Erdspalte wurde der Schöpfer des Himmels geboren.“ Der Stern bezeichnet den Anfang.

Aber selbst dieser Anfang hat eine Vorgeschichte. Und diese Vorgschichte hat einen Nachhall, der wirklichen Frieden, der immer mehr ist als die Abwesenheit von Krieg, im Heiligen Land so unmöglich erscheinen lässt. Wir fahren nach Hebron, zum Grab der Patriarchen. In der Höhle Machpela. In ihr befinden sich die Ruhestätten der drei Erzväter Abraham, Isaak, Jakob und ihrer Frauen Sara, Rebekka und Lea. Gerade hier, an einer Stätte, die die drei monotheistischen Weltreligionen einen könnte, wird der Missbrauch der Religion für politische Zwecke mehr als sichtbar. Hier, wo Abraham nach dem Tod seiner Frau Sara für sie, für sich und für seine Familie für 400 Silberstücke in einem fairen Handel ein Feld und die Höhle für ein Grab gekauft hat.

Die Höhle wurde bereits im 1. Jahrhundert vor Christus von König Herodes überbaut. Da später auch Christen die Gräber aufsuchten, wurde der Zugang zwischen ihnen und den Juden im 6. Jahrhundert getrennt. Im frühen 10. Jahrhundert wird erstmals eine Moschee errichtet. Dann erobern Kreuzfahrer die Stadt und das Heiligtum. Sie errichten eine Abraham geweihte Kirche und begründeten das Bistum Hebron. 1187 aber erobern die Osmanen Hebron zurück, die Kirche wird zur Moschee (das ist sie noch heute). Zunächst dürfen Juden und Christen noch zum Heiligtum pilgern. Doch 1266 wurde nicht Muslimen der Zutritt verboten – bis Ende des 19. Jahrhunderts.

Selbst dann dürften nur wenige Europäer in das Innere. Eher eine Folge von politischen Allianzen des osmanischen Reiches. Juden hatten weiterhin keinen Zugang. Sie durften sich lediglich außerhalb des Bauwerks, bis zur siebten Stufe der Zugangstreppe, aufhalten und beten. Über die Jahrhunderte blieb ein kleine jüdische Gemeinde in der Stadt, die als zweitheiligste des Judentums gilt. 1929 wurden 67 Juden Opfer muslimischer Gewalttäter, der Rest der gut 500 Juden in Hebron floh nach Jerusalem.

Im Sechstagekrieg zwischen Israel und Jordanien 1967 marschierte der israelische Armee auch in Hebron ein. Nach 700 Jahren betraten Juden erstmals wieder die Machpela. Seit dieser Zeit gibt es auch wieder eine jüdische Gemeinde in der Stadt.

Heute liegt Hebron in den Palästinensergebieten. Wenige hundert jüdische Siedler leben unter 30000 Palästinensern, beschützt von der allgegenwärtigen israelischen Armee. Im Heiligtum entstehen getrennt voneinander ein Synagoge und eine Moschee. Dort, wo der Blick von einer zur anderen heiligen Stätte möglich ist, werden die Fenster mit Panzerglas verstärkt. 1994 tötet ein jüdischer Siedler 29 betende Muslime. Seitdem gibt es die "Temporary International Presence in the City of Hebron“ (TIPH), eine Beobachtermission mehrerer  euroäpischer Nationen unter Koordination von Norwegen. Aber immer wieder kommt es zu Übergriffen. Wer das Heiligtum besuchen will, muss durch eine Metalldetektor.

Auf unserer Fahrt Hebron passieren wir Checkpoints. Unser Guide, ein palästinensicher Christ, wechselt den Platz im Bus. Denn dort, wo wir nach Hebron hineinfahren, darf er nicht passieren. Unser Fahrer, ein arabischer Jude mit israelischem Pass, schon. Trotz des Schabbat sehen wir einen Siedler die Straße entlang gehen. Bewaffnet mit zwei Maschinenpistolen. Israelisches Militär blockiert eine Straße für Personenkontrollen. Wir biegen vorher ab, da unser Guide dort nicht weitergehen kann – möglicherweise. Wir werden begleitet von palästinensischen Kindern, die uns kleine Armbänder verkaufen wollen. Die Fenster von Wohnhäusern sind mit Gittern geschützt.

Wir bekommen einen Eindruck, welche Auswirkungen die Gier nach Macht und Besitz hat, überlagert von religiösem Fanatismus hat. Der Nährboden von Hass, der sich von Generation zu Generation fortsetzt.

 

Tag 6: Jerusalem

In Jerusalem ist es laut. Und, wie wir lernen, ist es wichtig laut zu sein. Wer laut ist, hat wohl mehr recht. Oder meint es zumindest. Und so messen sich Kirchenglocken aller christlichen Konfessionen mit den Lautsprechern, die den Ruf des Muezzin verstärken. Es heißt, die vom deutschen Kaiser Wilhelm II am Reformationstag 1898 eingeweihte evangelische Erlöserkirchekirche, hätte wohl das lauteste Geläut. Aber es konkurrieren auch Motorroller- und Treckerfahrer, Händler- und Kunden in der Altstadt Jerusalems um das Recht des Lauteren. Auch die, die um eine milde gaben suchen, machen lautstark auf sich aufmerksam. Und selbst das Gepiepe der Straßenbahn erreicht ohrenbetäubende Dezimalwerte.

Zurück zu Wilhelm II: Es war schon ungewöhnlich, dass vergleichsweise spät in der Altstadt noch eine Kirche errichtet werden konnte. Alle Grundstücke waren schon vergeben. Der Kaiser hatte jedoch gute Kontakte zum osmanischen Sultan – gewissermaßen von Alleinherrscher zu Alleinherrscher. So konnte 1893 der Grundstein gelegt und 1898 der deutsche Kaiser samt preußischem Glanz und Gloria einziehen. Denn Wilhelm II hat den Bau der Kirche nicht nur "befohlen", wie es in der Bauinschrift zu lesen ist, und sie "allerhöchstselbst" ihrer heiligen Bestimmung übergeben. Er war auch der erste westliche Herrscher der Neuzeit, der Jerusalem betreten konnte. Wobei betreten eher symbolisch gemeint ist. Er zog natürlich hoch zu Ross ein. Dazu musste eigens die historische Stadtmauer neben dem Jaffa-Tor aufgebrochen werden. Wieder ein Zeichen dafür, dass es im Heiligen Land meist nicht um Religion geht. Sondern um Macht, Einfluss und Besitz.

Wir beginnen unseren Pilgerweg durch die Altstadt Jerusalems außerhalb der Stadtmauern. Auf dem Ölberg, der so wohl nur im Deutschen heißt. In allen anderen Sprachen heißt er Olivenberg. Wir blicken auf das Kidrontal, dass der Ölberg von der Altstadt Jerusalems trennt. Der Berg und das Tal sind in den drei großen Weltreligionen, dem Judentum, der Christenheit und dem Islam, heilige Orte. Nahtstellen des Glauben auf wenigen Quadratkilometern.

Grab an Grab, Stein an Stein. Man hat das Gefühl, das geht so bis zum Horizont. Große Teile  des Ölbergs sind ein jüdischer Friedhof. Mache Gräber sind alt, sehr alt sogar. Sie reichen in biblische Zeiten zurück. Jüdische Friedhöfe wären eine Ewigkeit, denn der Messias wird noch erwartet. Und er wird vom Ölberg kommend nach Jerusalem einziehen. Zuvor wird er im  Kidrontal Gericht halten. Übrigens: Eine kleine Quelle im Kidrontal war der Ursprung der Besiedlung, aus der sich Jerusalem entwickelte.

Namentlich wird Jerusalem im Koran nicht genannt. Trotzdem gilt die Stadt als drittwichtigste im Islam. Auch das hat mit dem Kidrontal zu tun. Auch für den Islam ist das der Ort eines endzeitlichen Gerichts. Dabei wird vom Öl- zum gegenüberliegenden Tempelberg ein Seil gespannt, über das die Gerechten gehen werden.

Wir begeben uns zur Kirche Dominus flevit (lateinisch: „Der Herr weinte“). Das Gotteshaus gehört zum Franziskanerorden und wurde 1955 auf den  auf den Fundamenten einer byzantinischen Kirche aus dem 6. Jahrhundert erbaut. Es erinnert an die Trauer Jesu im Wissen um die kommende Zerstörung Jerusalems. Eine Besonderheit zeichnet sie aus: Die Kirche ist nicht geostet, sondern nach Westen ausgerichtet – mit einem großen Fenster. Es gibt den Blick auf den Tempelberg mit Grabeskirche und Felsendom frei. Im oberen Teil des Fenster sind ein Hostie und ein Kelch dargestellt. So schwebt förmlich das Allerheiligste über der Stadt Jerusalem.

Wir gehen ein paar Schritte zum Garten Gethsemane, dort wo Jesus in der Nacht vor seiner Kreuzigung betete, ehe er von Judas Ischariot verraten und von Abgesandten des Hohepriesters verhaftet wurde. Der Name des Gartens leitet sich vom hebräischen Gat-Schmanim ab – Ölpresse.             

Es ist überliefert, dass bereits zu Zeiten Jesu in den Garten Olivenbäume standen. Die ältesten Bäume heute sind wohl über 1000 Jahre alt. Zudem ist es höchstwahrscheinlich, dass an dieser Stelle eine Presse stand, um aus den Oliven Öl zu machen. Unser Guide für Israel, Tati Weiss, findet ein eindrückliches Bild dafür: Es gehört schon enormer Druck dazu, um aus den kleinen Oliven Öl zu machen. Dieser Druck wird auch auf Jesus gelastet haben. Er betet wohl auch in ganz menschlicher Todesangst – und seine Jünger schlafen einfach ein.

Todesangstbasilika ist auch ein andere Name der Kirche der Nationen, die gleich am Garten liegt. Das römisch-katholische Gotteshaus steht an der Stelle, über die der Evangelist Lukas berichtet: "Und er betete in seiner Angst noch inständiger und sein Schweiß war wie Blut, das auf die Erde tropfte." Dunkel im Inneren gehalten, steht der Alter vor dem Stein, auf dem Jesus gebetet haben soll. Das Besondere an der Basilika sind jedoch sie zwölf kleine Kuppeln, die für die Apostel stehen. Ihnen verdankt die ihren Namen, wurden sie doch zwischen 1919 und 1924 von Katholiken aus zwölf Nationen, darunter Deutschland, finanziert. Von ganz normalen einfachen Katholiken. Und "nicht von einem Kaiser", wie es als kleine Spitze geschrieben steht.  Auch diese Kirche steht auf den Resten eines byzantinischen Gotteshauses aus dem vierten und einer Kreuzfahrerkirche aus dem 11. Jahrundert. Typisch.

Wir gehen weiter auf den Spuren Jesu. Durch das Tal den Tempelberg hinauf. Wir passieren das Löwentor, das früher Stephanstor hieß – benannt nach dem Diakon Stephanus, der der erste Märtyrer wurde und ihm Tod noch bat: "Herr, rechne ihnen diese Sünde nicht an. Denn sie wissen nicht, was sie tun."

Unser Weg führt weiter durch die Altstadt. Jedes stein scheint hier heilig, gewissermaßen religiös aufgeladen. In Jerusalem gibt es über 150 Kirchen aller christlichen Konfessionen: Griechisch-Orthodoxe, Russisch-Orthodoxe, Georgisch-Orthodoxe, Syrisch-Orthodoxe, Griechische Katholiken, Altkatholiken, Lutheraner, Anglikaner, Armenier, Äthiopier und wir "Lateiner". Dazu über 1000 Synagogen und annähernd 80 Moscheen. Eben religiös aufgeladen.

Wir singen in der im Kern aus dem 12. Jahrhundert stammenden Kreuzfahrerkirche St. Anna, die für ihre besondere Akustik bekannt ist. Wir entscheiden uns unter anderem für "Dona nobis pacem". Auch ein Gebet für den Frieden in der Stadt und im Weltkreis. Wir sehen die Ausgrabungen des Badehauses am Teich Bethesda, dort wo Jesus einen Mann heilte, der zu schwach war, das Linderung versprechende Wasser zu erreichen.

Wir feiern Gottesdienst in der Kirche Ecce Homo: Siehe, ein Mensch. Die heilige Messe in der Basilika, die auf den zum Katholizismus konvertierten französischen Juden und späteren Paters Alphonse Ratisbonne stimmt uns auf den letzen Weg des Tages ein – über die Via Dolorosa zur Grabeskirche, die in orthodoxer Tradition Auferstehungskirche heißt. Unter ihrem Dach sind die Kreuzigungsstätte und das Grab Jesu vereint. Dort werden wir morgen vor Sonnenaufgang einen Gottesdienst feiern.

Wir entdecken noch ganz kleine Häuser, die auf das Dach der Basargeschäfte im muslimischen Viertel gebaut sind. Wirklich winzig, aber mit Stacheldraht bewehrt. Es heißt, dass sich dort Juden eingekauft haben. Sie hausen nun auf dem Kopf der muslimischen Händler.  Es riecht nach Provokation. Zumindest wird sie dabei heraufbeschworen. Alles in Jerusalem wirkt religiös überladen. Glauben wird als Waffe benutzt – von Nadelstich bis zu weitaus Schlimmeren.

Wir hören, dass Menschen in Tel Aviv oder Haifa, egal welcher Religion, ein Dankgebet zum Himmel schicken. Vielleicht halb im Scherz, aber mit wahrem Kern:  "Kein Abraham, kein Mohammed, kein Jesus war jemals in ihrer Stadt." Das verringert wohl die Zahl der Fanatiker – und die der Anstifter.  

Tag 7: Von der Grabeskirche zur Klagemauer

Es ist noch dunkel in Jerusalem. Kurz vor sechs Uhr morgens. Wir sind auf dem Weg zur Grabeskirche, die in orthodoxer Tradition Auferstehungskirche heißt. Dieser Name trifft eher das, was dort an dieser Stelle passiert ist. Zu Jesu Zeiten lag der Ort außerhalb der Stadtmauer, heute mittendrin in der Altstadt von Jerusalem.

Um diese Zeit ist es still in der Grabeskirche. Nur wenige Pilger, Mönche und Ordensfrauen sind da. Kein Vergleich zu den Strömen von Wallfahrern und auch von Touristen, die von Kreuzfahrtschiffen kommend, die vor Haifa liegen, mal einen Tag Jerusalem machen – Grabeskirche inklusive.

Der Gottesdienst, den wieder Dominikanerpater Martin Rosner, der geistliche Begleiter, mit uns feiert, ist 

streng geregelt. Nicht länger als 25 Minuten und kein Gesang. Schließlich feiern wir in einer kleinen Kapelle, die gleich neben der Stätte liegt, auf der Jesus gekreuzigt wurde: der Kalvarienberg oder Golgotafelsen, der „Ort des Schädels“.

Schon zu Jesu Zeiten war dieser Felsen ein Platz, den viele Menschen passiert haben. Auch deshalb wurde dort gekreuzigt. Für die Herrscher und Mitläufer zum Vergnügen, für die Unterdrückten zur Abschreckung. Hier würfelten die Legionäre um das Gewand Christi, hier gaben sie ihm Essig zu trinken, hier empfahl Jesus seinen Geist in die Hand des Vaters.

Im Jahr 325 wurden die Kreuzigungs- und die Grabstätte von Helena, der Mutter des römischen Kaisers Konstantin der große entdeckt: unter einem Tempel, der der Göttin Aphrodite geweiht war. Eine fast schon klassische Vorgehensweise der Römer. Die Stätten, die von den jungen Christen verehrt wurden, sind mit Tempeln überbaut worden – um die Verehrung zu unterbinden. Später machen Christen das gleiche, wiederum später Muslime auch. Auch hier wird klar: Es geht nicht um Glauben, es geht um Macht.

Als drei Jahrhunderte später die Perser Jerusalem erobern, bleiben die christlichen Stäten noch bestehen. Erst um das Jahr 1009 wird unter der Fatimiden-Dynastie, das Leben für Juden und Christen zur Hölle. Sie werden unterdrückt, mit Kopfsteuern finanziell ausgepresst und ihre religiösen Stätten zerstört – auch die Grabeskirche. Der Abbruch des weitgehend erhaltenen Felsengrabes Jesu gilt als Höhepunkt dieser Intoleranz – und löst den ersten Kreuzzug aus.

Die Kreuzritter können Jerusalem aber nur kurzzeitig erobern. Die Grabeskirche aber bleibt bestehen.  Jahrhundertelang streiten die Franziskaner – als Vertreter Roms ¬ und die griechisch-orthodoxe Kirche als Nachfolger von Byzanz, darüber, wer in der kriche das sagen hat. Dabei fließt wohl auch Bestechungsgeld in Richtung des osmanischen Sultans. Um 1757 wird aber geregelt, wie die Besitz- und Nutzungsverhältnisse auszusehen haben. Diese Regelung gilt bis heute.

So teilen sich die Griechen, die Lateiner und die Armenische Apostolische Kirche die Hauptverwaltung. Der Syrisch-Orthodoxe Kirche von Antiochien, den Kopten und der Äthiopisch-Orthodoxen Tewahedo-Kirche sind nur Schreine in der großen Kirche zugeteilt. Protestantische Kirchen sind nicht vertreten.

Immer wieder kommt es zu Streitereien: So leben die Äthiopier in einem alten Kloster auf dem Dach der Kirche. Allerdings beanspruchen auch die Syrer diese Gebäude für sich.

Direkt neben der Grabstätte Jesu ist kleine Kapelle, die in einem erbarmungswürdigen Zustand ist. Hier streiten sich die Syrer und die Armenier darum, wer denn das Privileg hat, sie zu restaurieren. So bleibt es verrusten Ikonen und einem faulstichtigen Altar. Wir erfahren übrigens, dass es in der Kirche keine Pflichten, sondern nur Vorrechte gibt – von der Reinigung angefangen. Auch eine Sichtweise.

Das Grab des Heilands steht inmitten einer riesigen Rotunde. Über dem Grab befindet sich ein Bauwerk im Bauwerk, eine sogenannte Ädikula. Zu bestimmten Zeiten finden Pilger Einlass.

Wenige Meter davor liegt der sogenannte Salbungsstein. Hier soll der Leichnam Jesu für die Bestattung vorbereitet worden sein. Gelten mittlerweile das Grab und der Ort der Kreuzigung an bewiesen, der Stein ist es nicht. Zumindest nicht dieser. Er wurde im Laufe der Zeit mehrfach ausgetauscht, erfahren wir. Seiner Verehrung tut das keinen Abbruch.

 

Wir verlassen die Altstadt, gehen durch das Jaffa-Tor in Richtung Zionsberg – und finden die Antwort auf eine Frage: Wo sind eigentlich die evangelischen Kirchen in der Stadt präsent. Gut, für die deutsche evangelische Kirche hat Kaiser Wilhelm II. die Erlöserkirche befohlen, gleich neben der Grabeskirche. Aber die anderen Nationalkirchen? Wir sehen fast am Horizont ein weißes Andreaskreuz auf blauem Tuch flattern. Die St.-Andrews-Church der Kirche von Schottland. Wir erfahren, dass sich um die Altstadt ein Ring dieser Nationalkirchen zieht. Denn als zu türkischer Zeit Ende des 19. Jahrhunderts wieder Grundbesitz durch Europäer in Jerusalem möglich wurde, war die enge Altstadt bereits „verbaut“. Es sein denn, man hatte gute Kontakte zum osmanischen Herrscherhaus wie der deutsche Kaiser.

Unser Weg führt zu benediktinischen Dormitio-Abtei. Der Jerusalemer Tradition entsprechend soll hier

 Maria im Kreis der Jünger erst entschlafen (daher „dormitio“) und dann in den Himmel aufgenommen worden sein.  Die Gottesmutter ruht als Statue sterbend in der Krypta, mit Blick auf ihren Sohn, den Auferstandenen. Auf sie blicken sechs Frauen aus der hebräischen Bibel, die alle ihre eigene Geschichte mit Gott haben: Eva und Mirjam, Ruth und Esther, Judith und Jael. Zugegeben: Um auf Jael zu kommen, braucht es die Schwarmintelligenz unserer Pilgergruppe. Jael, die das Buch Richter als Heldin Israels preist, tötet den kanaanitischen Feldherren Sisera und verschafft ihrem Volk so 40 Jahre Frieden. An Hammer und Zeltpflock ist sie zu erkennen. Wahlweise Tötungs- oder Friedensinstrument.

 

Nur wenige Schritte sind es bis zum Saal, in dem Jesus nach der Überlieferung das letzte Abendmahl gefeiert hat. Wir hören von unserem Guide, Tati Weiss, dass es zahlreiche Belege für genau diesen Raum gibt. Er entspricht den biblischen Beschreibungen. Zudem könnte er ein Gastraum der Essener, einer spirituellen Gruppe im antiken Judentum sein. Jesus soll sie wohl gekannt haben. Und zur praktischen Spiritualität der Essener gehörte die Gastfreundschaft. Wieder hören wir an dieser Stelle die entsprechenden Worte aus dem Evangelium. Wieder wird das Wort Fleisch, wie es heißt, weil es uns berührt und packt. Auch der Abendmahlssaal ist im Laufe der Geschichte verändert worden. An den Wänden finden sich muslimische Zeichen, auch nach Osten ausgerichtete Gebetecke ist vorhanden. Das alles zeigt: Hier war mal eine Moschee.

Und hier ist ein jüdisches Heiligtum. Im Untergeschoss des Gebäudes wird das Grab von König David verehrt. Orthodoxe Juden beten in Richtung des großen Kenotaphen, des „Scheinsarges“. Überreste des Herrschers über Israel und Juda und Verfasser zahlreicher Psalmen finden sich nicht. Auch ist es eher streitig, ob hier tatsächlich einmal sein Grab bestanden hat. Aber es ist ein heiliger Ort.

Ebenso heilig wir der Schlusspunkt unseres Weges an diesem Tag: die Klagemauer. Wir erleben die jüdische Religion an der Westmauer des Plateaus des zweiten Jerusalemer Tempels zwischen himmeljauchzender Freude, intensiven gebet und tiefer Trauer. Kotel nennen Juden dieses für Männer und Frauen getrennte Mauerstück von 48 Meter Länge und 18 Meter Höhe. Das Stein gewordene Versprechen Gottes seines ewigen Bundes. Juden aller Strömungen beten zur Mauer hingewandt. Einige von ihnen, aber auch Pilger wie wir stecken Zettel mit unseren Wünschen und Bitten in die Ritzen des Mauerwerkes. Ein keiner Platz dafür findet sich immer noch. Die Zettel, die im Laufe der zeit herausfallen, werden eingesammelt, andere aus den Ritzen gelöst und ungelesen auf dem Ölberg rituell vergraben.

Aber es wird auch gesungen und gelacht. 13-jährige Jungen feiern ihre Bar Mitzwa, ihre Religionsmündigkeit. Sie legen den Tallit, das Gebetstuch und die Tefillin, die Riemen mit den Gebetskapseln an Arm und Kopf um. Sie tragen die Torah und lesen erstmals daraus vor. Dafür werden sie gefeiert. Mädchen und Frauen schauen von „ihrer“ Seite der Mauer, auf Stühlen und Podesten stehend zu, jubeln, singen und werfen mit Bonbons. Ein großer Tag – für die jüdischen Jungen und für uns.