18.03.2015

Oscar Romero

Auferstanden im Volk

„Wenn das Weizenkorn in die Erde fällt und stirbt, bringt es reiche Frucht.“ Dieser Satz aus dem Evangelium ist bei Oscar Arnulfo Romero, dem früheren Erzbischof von San Salvador, wörtlich zu nehmen. Am 23. Mai wird er seliggesprochen.

Prozession in San Salvador zum Gedenken an den ermordeten Oscar Romero. Foto: kna-bild

San Salvador, in der Kapelle eines Krankenhauses, am 24. März 1980: Mitten in einen Gottesdienst hinein peitschen Schüsse. Die heimtückischen Dum-Dum-Geschosse treffen den Priester in den Kopf und das Herz. Erzbischof Oscar Romero sackt am Altar zusammen, Blut rinnt aus Mund und Ohren. Kurz darauf stirbt er. 

Am Tag vor dem Anschlag hatte sich der Erzbischof mit einer unmissverständlichen Predigt in der Kathedrale von San Salvador sein Todesurteil gesprochen: Er erkannte den Unterdrückern seines Volkes ihr Christsein ab und rief Soldaten, Nationalgardisten, Polizisten zur Befehlsverweigerung auf: „Brüder, ihr gehört zu unserem Volk, ihr tötet eure eigenen Brüder unter den Bauern! Es ist höchste Zeit, dass ihr euer Gewissen wieder entdeckt und ihm gehorcht statt sündhaften Befehlen.“ Daraufhin heuerten die Mächtigen des Landes einen Killer an. Die Spur des Scharfschützen, der in der allgemeinen Panik entkam, führte zweifelsfrei in die Militärkasernen. 

Rückblende: In El Salvador herrschte Bürgerkrieg. Irgendwann hatte sich die Kirche auf die Seite des leidenden Volkes gestellt. Christliche Basisgemeinden organisierten Volksapotheken und Bildungsprogramme, verteilten Lebensmittel, schulten Erste-Hilfe-Gruppen und protestierten gegen Ungerechtigkeit. 

 

Nach wenigen Wochen war der Bischof bekehrt

Aber die Kirche zahlte einen teuren Preis: Zu Dutzenden wurden Priester, Katechisten, Nonnen, die sich für die Rechte der stummen Opfer einsetzten, als „Kommunisten“ verketzert, verfolgt, ausgewiesen, gefoltert, ermordet. „Tu was für dein Vaterland, töte einen Priester!“, forderten Flugblätter in der Hauptstadt.

In dieser explosiven Situation ernannte Papst Paul VI. ausgerechnet den weltfremden, auf Harmonie bedachten Oscar Arnulfo Romero zum Erzbischof von San Salvador. Doch wenige Wochen bitterer Erfahrungen genügten, um den Mann eine „Bekehrung“ erleben zu lassen, wie er es selbst formulierte. Denn kaum war er zum Bischof geweiht, veranstalteten Nationalgardisten ein blutiges Massaker unter einer Menschenmenge, die in San Salvador gegen betrügerische Wahlmanipulationen protestierte.

Romero hörte sich fassungslos an, was geschehen war. Dann sagte er zu seinen Mitarbeitern: „Jeder geht nach Hause und hilft den Menschen. Öffnet eure Türen allen, die sich in Gefahr glauben.“ Kurz darauf der nächste Schlag: Heckenschützen töteten den Pfarrer von Aguilares, Rutilio Grande, der die Ausbeutung beim Namen genannt hatte. Soldaten verhafteten jeden im Ort, der eine Bibel besaß. In der Pfarrkirche zerschossen sie den Tabernakel, stürzten den Küster vom Turm zu Tode.

Nach wenigen Monaten erschien der knapp 60-jährige Romero wie verwandelt. Die große Halle seines Bischofspalais funktionierte er zur Cafeteria um. Sie wurde zur Informationsbörse der Hauptstadt, zum Treffpunkt für streikende Arbeiter, Bauern, Studenten, ausländische Journalisten. Jugendgruppen, Arbeiterversammlungen, Pfarrgemeinden fragte er nach ihren Sorgen und bat um ihren Rat.

 

„Meine Botschaft ist die des Evangeliums“

Immer stärker wuchs dieser Hirte mit seinem geknechteten Volk zusammen. Frommen Kritikern erwiderte er, seine Botschaft sei keine andere als die des Evangeliums: die Nähe Gottes anzukündigen und die Sünde anzuklagen. „Der Gott, zu dem wir uns bekennen, ist kein toter Gott; er ist ein lebendiger Gott, der den Schmerz von Gefolterten und Sterbenden mitempfindet, der mit uns fühlt, aktiv ist, arbeitet und die Geschichte lenkt“, sagte er einmal.

Immer häufiger legte man dem Erzbischof verstümmelte Leichen von Erschossenen und zu Tode Gefolterten vor die Füße, wenn er sonntags in der Kathedrale Eucharistie feierte. Und immer klarer wuchs Romero in seine Rolle hinein, „la voz de los sin voz“ zu sein, Stimme derer, die keine Stimme hatten.

Seine Predigten ersetzen den zahlreichen Analphabeten die Zeitung. Romero sprach nicht selten eineinhalb Stunden und länger, aber die Menschen drängten sich vor den Toren der Kathedrale und hörten ihm über den kircheneigenen Rundfunksender zu. Romero schlug einen Bogen vom Evangelium zur aktuellen Situation seines Landes. Er gab Nachrichten aus den Dörfern und Basisgemeinden bekannt, prangerte Menschenrechtsverletzungen und Terrorakte an, nannte die Verantwortlichen beim Namen, verlas lange Listen von Toten und Verschwundenen.

Morddrohungen häuften sich. Eines Tages fand man einen Koffer mit 72 Dynamitstäben am Altar. Der Erzbischof reagierte gelassen: Ihn könne man umbringen, aber nicht die Kirche und nicht die Stimme der Gerechtigkeit. „Wenn sie mich töten, werde ich im Volk von El Salvador wieder auferstehen“, so Romero zwei Wochen vor seinem Tod. Durch den eigenen Tod Frucht bringen – das ist es wohl, was Jesus im Evangelium meint.

Von Christian Feldmann