23.03.2012

Wort-Gottes-Feier

Aussteigen für eine halbe Stunde

Ein Ersatz für eine Messe sollen die Wort-Gottes-Feiern in der Kirche Maria Trost in Hannover-Ahlem nicht sein. Stattdessen hat das Team aus Gemeindemitgliedern eine eigene Form entwickelt, Gottesdienst zu feiern. Die Teilnehmer entdecken, was ihnen sonst in der Liturgie oft fehlt: Stille.

Im normalen sonntäglichen Gottesdienst gibt es nur selten stille Momente. Diese sind jedoch ein wichtiger Bestandteil für  Wort-Gottes-Feiern, die auch sehr einfach von Laien gestaltet werden können.	Foto: Jens Schulze
Im normalen sonntäglichen Gottesdienst gibt es nur selten stille Momente. Diese sind jedoch ein wichtiger Bestandteil für  Wort-Gottes-Feiern, die auch sehr einfach von Laien gestaltet werden können.  Foto: Jens Schulze

So nah kommen Gläubige selten an den Altar heran wie an diesem Mittwochabend in der Kirche Maria Trost in Hannover-Ahlem. Die Stühle im Altarraum, die man eher im Werkraum einer Schule erwarten würde als in einer Kirche, sind rasch besetzt. Auf den Stufen ein betender Engel, die Figur eines Kindes und schwimmende Kerzen in Wassergläsern.

Man könnte sie glatt übersehen von den Stühlen im Altarraum aus. Man kann aber auch, während die Musik aus dem CD-Spieler einsetzt, darüber nachdenken, was das Arrangement verrät über das Thema des heutigen Abends. Denn Regina Büschleb und ihr Team haben bei der Gestaltung nichts dem Zufall überlassen: Um das Beten wird es gehen, um die Liebe zwischen dem Vater und seinen Kindern und um die Quelle des Lebens – symbolisiert durch das Wasser, in dem sich das Kerzenlicht spiegelt.

Wertvolle Auszeit im Alltag

2003 hat sich Regina Büschleb zum ersten Mal „getraut“, wie sie sagt, zu einer Wort-Gottes-Feier einzuladen. „Damals war das Thema nicht im Gespräch“, erinnert sie sich. Sie hatte in der Zeitschrift des Katholischen Deutschen Frauenbundes davon gelesen  und sich Anregungen auf dem Ökumenischen Kirchentag in Berlin geholt. Zudem hat sie an dem Kurs teilgenommen, den das Bistum Hildesheim für Laien anbietet, die Wort-Gottes-Feiern leiten wollen.

Ihr Wunsch war, mit anderen Christen gemeinsam am Abend zur Ruhe zu kommen, Stille zu erleben, für eine halbe Stunde aus dem Alltag auszusteigen. Die meisten der rund 30 Männer und Frauen, die an diesem Abend dabei sind, haben seither kaum eine Wort-Gottes-Feier verpasst.

Regina Büschleb lässt den Blick wandern: Nur ein Gesicht, sagt sie, kennt sie nicht. Auch Pfarrer Wolfgang Beck ist gekommen und setzt sich unauffällig in die letzte Reihe. Als „Zeichen der Wertschätzung“ empfindet die ehemalige Pfarrsekretärin, die seit Kurzem im Ruhestand ist, seine Teilnahme.

„Hier kann ich richtig abschalten“, sagt Ruth Ruhle – und flüs-ternd, als die Musik schon eingesetzt hat, setzt sie hinzu: „Das ist so beruhigend“. „Stille gibt es sonst nicht im Gottesdienst“, ergänzt Ulrich Hakmann. Seine Frau Maria blickt in die Zukunft, in der es immer weniger Priester geben wird: „Wenn kein Priester da ist, müssen wir selbst Gottesdienste gestalten.“ Beide sind überzeugt: „Dann bricht nicht alles zusammen, wir machen weiter!“

Regina Büschleb kümmert sich um die werktäglichen Wort-Gottes-Feiern. Foto: Jens Schulze
Regina Büschleb kümmert sich um die werktäglichen Wort-Gottes-Feiern. Foto: Jens Schulze

Regina Büschleb hat die Wort-Gottes-Feiern bewusst für einen Werktag konzipiert. „Am Wochenende würde ich das anders machen“, sagt sie: ohne gestaltete Mitte, mehr am Ablauf der Messe orientiert. Doch fände sie es auch schade, wenn die Feier „steifer“ würde. Viele der Teilnehmerinnen sehen die Feier an vier Mittwochabenden im Jahr ganz klar als Ergänzung zum Sonntagsgottesdienst. „Am Sonntag hätte ich gerne einen Priester“, sagt eine Frau. Eine andere ergänzt: „Mir würden die Predigten des Pfarrers fehlen.“ Wolfgang Triebsch sieht es anders: „Die Gläubigen müssen vorbereitet werden auf die Zeit, wenn es nicht mehr für jede Gemeinde einen Priester gibt. Viele glauben, das ist noch ganz weit weg. Gerade in unserer Altersklasse, deren Koordinaten vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil geprägt wurden“, meint der 75-Jährige. Er hätte kein Problem damit, auf ähnliche Weise auch den Sonntag zu feiern.

Das Leben der Menschen wird einbezogen

An diesem Abend steht der Anfang des Vaterunsers im Mittelpunkt. Es gibt Schriftlesungen und ein von Bundestagspräsident Norbert Lammert verfasstes Tagesgebet. Ein Psalm wird im Wechsel gebetet und in einem Zwiegespräch spielen zwei Frauen durch, wie es wäre, wenn Gott tatsächlich antworten würde auf die Bitten des Vaterunsers.

Bei der Themenauswahl wird das Team jedes Mal kreativ: Um Träume ging es schon, um Wunder des Alltags und um Farben. Im November steht immer das Gedenken an die Verstorbenen im Mittelpunkt. Die Angehörigen aller Verstorbenen in der Gemeinde werden eingeladen.

Am nachdrücklichsten aber ist Regina Büschleb ihre allererste Wort-Gottes-Feier im Gedächtnis geblieben. „Wir haben Rosen an alle Teilnehmer verteilt“, erinnert sie sich. Das Motto hatte sie einem Lied entnommen: „Sehnsucht nach Rosenduft“.

 

Annedore Beelte