30.03.2017

Beten allein reicht nicht

„Christliches Engagement in der Gesellschaft“ – darüber sprach Jürgen Gansäuer, einst Präsident des Landtages bei der Diözesanversammlung des Kolpingwerkes – und Barbara Gebbe zeigt wie es geht.

Fawas aus dem Irak lernt zusammen mit Barbara Gebbe (Mitte) und Hildegard Schoelkens Deutsch. | Foto: Kleine

„Ich darf das Kolpingwerk loben, ich bin unverdächtig“, sagt Jürgen Gansäuer vor über 300 Kolpingbrüdern und -schwestern bei der Diözesanversammlung in der Lindenhalle in Wolfenbüttel. Warum unverdächtig? „Nun ich bin Prostestant“, betont der Christdemokrat, der unter anderem von 2003 bis 2008 Präsident des Niedersächsischen Landtages  un natürlich viele Jahre davor Abgeordneter und Vorsitzender seiner Fraktion.
Gansäuer fährt fort. Eine enge Verbindung mit der katholischen Kirche habe ihn geprägt: „Ich habe gelernt, mich zu bekreuzigen“. Das sei ein schönes Zeichen, ein mutiges Bekenntnis dazu. Dafür stehe das Kolpingwerk, gerade wenn es um das christliche Engagement in der Gesellschaft geht. Sein Redethema.

Der Gründervater Adolph Kolping habe die Mitglieder des Werkes stets ermutigt, mit beiden Beinen in der Welt zu stehen. „Für mich heißt das übersetzt, sich als Christ in der Politik zu bewähren.“ Auch Entscheidungen vor Gott abzuwägen: „Das hilft dabei nicht abzuheben oder zu verzweifeln.“

Denn die Herausforderungen in der Gesellschaft sind groß, auf die christliches Engagement zielt: „Während wir hier sitzen hungern sechs Millionen Kinder, sind 60 Millionen Menschen auf der Flucht.“ Unvorstellbare Zahlen. Probleme könne man aber nicht durch Jammern oder durch Empören lösen: Sondern nur durch anpacken – das hat Ihnen, das hat uns Adolph Kolping auf den Weg gegeben.“ Und das hat Deutschland zu einem lebenswerten Land gemacht, das auch und gerade durch christliches Engagement beispielsweise zahlreiche Flüchtlinge aufgenommen hat.  

Unterricht, Fahrdienst und Cafè

Was heißt das aber jetzt genau? Christliches Engagement? Aufnahme von Flüchtlingen? Ein Blick nach Burgdorf, westlich von Hannover: Barbara Gebbe ist immer auf Achse. Das muss sie sein, sie ist ehrenamtliche Flüchtlingskoordinatorin der Gemeinde St. Nikolaus – und Kolpingschwester. Kirche, Kolping und Kooperationspartner stellen viel auf die Beine: Sprachkurse für minderjährige Flüchtlinge, wochentags jeweils vier Stunden mit mehreren ehramtlichen Engagierten und zwei Lehrkräften, die sich abwechseln. Betriebsbesichtigungen und Praktika für Flüchtlinge samt Fahrdienst, „damit sie verstehen, warum sie so viel Deutsch lernen müssen“.

Mehr noch: Gemeinsame Fahrradtouren und eine Fahrradwerkstatt mit Café zweimal in der Woche. Jeweils zwei Stunden am Nachmittag können im Flüchtlingswohnheim Kinder mit ihren Eltern an ihren alten Fahrrädern schrauben. Gleichzeitig wird ein Café im Gemeinderaum der Unterkunft angeboten.

Die Christen sind so „nett“

„Mehr dürfte es jetzt auch nicht mehr werden“, sagt Barbara Gebbe. Die 115 Mitglieder starke Kolpingsfamilie sei damit voll und ganz ausgelastet: „Schließlich läuft bei uns auch noch die klassische Verbandsarbeit und wir bieten auch jeden Monat eine Bildungsveranstaltung an.“

Bei all dem Engagement hilft ihr der Gründungsvater ihres Werkes. „Adolph Kolping hat gesagt, dass wir auf die Zeichen der Zeit schauen sollen, was zu tun ist: Beten ist gut, aber Beten allein reicht nicht“, sagt Barbara Gebbe. Zurück zu den Flüchtlingen: „Viele der muslimischen Schüler sind sehr beeindruckt, dass wir Christen so ‚nett‘ sind.“  Vor allem sind sie überrascht, dass ihnen aus Nächstenliebe geholfen wird: „Wir wollen ja kein Geld dafür.“
Wenn die gebürtige Braunschweigerin sich erinnert, wie sie vor vier Jahren bei Kolping einstieg, muss sie lachen. Ihr Mann war bereits dabei: „Und irgendwann kam der Punkt, da habe ich gesagt, ich müsste jetzt auch mal zu Kolping gehen, um meinen Mann ab und an zu sehen.“ Auch wenn sie auf eine sehr weltliche Weise zu Kolping gekommen sei, habe sie hier eine spirituelle Heimat gefunden. Und auch das gibt dem Engagement das Adjektiv christlich.

Marie Kleine und Rüdiger Wala