03.04.2014

Werke der Barmherzigkeit: Gefangene besuchen

Billard mit Häftlingen

Alexandra Weber und Marc Waschkewitz sind regelmäßig bei Einbrechern, Räubern und Schlägern zu Gast. Die beiden Doktoranden engagieren sich im Arbeitskreis Knast der katholischen Hochschulgemeinde in Göttingen. Ihre Motivation heißt Nächstenliebe.

Knast ohne Gitter: Marc Waschkewitz und Alexandra Weber im Freizeitraum des offenen Jugendvollzugs in Göttingen. Foto: Volker Röpke

Es ist die Zeit des Lebens, in der man zum ersten Mal verliebt ist, eine Ausbildung anfängt oder den Führerschein macht. Es die Zeit, in der das Leben eigentlich noch unbeschwert ist. Es sei denn, man hat seine weiße Weste schon gründlich ruiniert.

Die Jugendlichen und Heranwachsenden, die auf dem Göttinger Leineberg ihre Strafen verbüßen, haben oft Einbrüche, Raub, Körperverletzung oder Beschaffungskriminalität auf dem Kerbholz, manchmal auch Betrug. Doch Alexandra Weber und Marc Waschkewitz schreckt das nicht ab.
Die beiden Jura-Doktoranden engagieren sich ehrenamtlich im Arbeitskreis Knast der katholischen Hochschulgemeinde in Göttingen (KHG). Sie besuchen die jungen Straftäter regelmäßig, um mit ihnen Billard zu spielen und ihnen zu helfen, eine Zeitung für Gefangene zu produzieren.

„Für mich ist das ein Ausdruck christlicher Nächstenliebe, den Gefangenen zu zeigen: Die Gesellschaft macht vor euch nicht die Schotten dicht, sondern ihr sollt und dürft wiederkommen. Das ist meine Motivation“, sagt Alexandra Weber.

Wenn Marc Waschkewitz und sie zu Besuch kommen, betreten sie ein Gefängnis ohne Mauern, Stacheldraht und Gitterstäbe. In Göttingen gibt es einen offenen Vollzug, der zur Jugendanstalt Hameln gehört. Neben den Häusern, in denen die Gefangenen untergebracht sind, gibt es Ausbildungswerkstätten und Sportanlagen. Wer die Freizeiträume betritt, kommt sich vor wie in einem Schullandheim.

Bildung und soziale Fähigkeiten verbessern

Doch auch wenn die jungen Menschen hier nicht im buchstäblichen Sinne hinter Schloss und Riegel sitzen, befinden sie sich in einem Freiheitsentzug mit klar definierten Regeln und Pflichten. Sie  leben in Wohngruppen und haben jeweils einen eigenen Haftraum, für den sie verantwortlich sind. Gleichzeitig müssen sie Gemeinschaftsaufgaben erledigen, etwa kochen, putzen und aufräumen.

Wer sich nicht an die festgelegten Prinzipien hält oder das Weite sucht, riskiert im geschlossenen Vollzug zu landen. „Es gibt Leute, die es nicht geschafft haben. Aber das ist eine ganz kleine Zahl“, sagt Siegfried Löprick, der für die Öffentlichkeitsarbeit der Einrichtung zuständig ist.

 

Die meisten Inhaftierten haben keinen Schulabschluss, eine abgeschlossene Ausbildung hat fast niemand. Mit schulischer und beruflicher Bildung sollen sie für die Zeit nach der Haft fit gemacht werden. Das Sport- und Freizeitangebot zielt darauf ab, ihre sozialen Fähigkeiten zu verbessern. Dabei spielen Ehrenamtliche eine wichtige Rolle.

Wenn sich Marc Waschkewitz mit den jungen Knackis trifft, geht es darum, aus ein paar weißen Blättern eine Zeitung für die Gefangenen zu machen, die „New Jail Times“. Das Wichtigste dabei: Alle arbeiten gemeinsam an dem Medium, während Waschkewitz redigiert, korrigiert, Anregungen gibt. Dabei ist auch Zeit für Gespräche.

Manch einer erzählt dann von der Freundin, die er vermisst, oder vom eigenen Kind, das gerade ohne den Vater groß werden muss. Einige reden lieber über ihre Hobbys, geben ansonsten aber nur wenig von sich preis, weil sie nicht möchten, dass die Mithäftlinge mitbekommen, wo ihre großen Sorgen liegen.

Die „Hackordnung“ spielt eine große Rolle

Wer eine Schwäche zeigt, riskiert, dass ein anderer stärker wird. „Die Hackordnung spielt oft eine große Rolle“, sagt Ale­xandra Weber.

Sie unterhält sich mit den Inhaftierten beim Billardspielen und schätzt den Austausch mit ihnen. Dadurch wachse das gegenseitige Verständnis, meint sie. „Die Jungs hier merken, dass Studenten nicht arrogant sind, sondern viel arbeiten und lernen müssen. Und ich habe festgestellt, was für ein Privileg es ist, in behüteten Verhältnissen aufgewachsen zu sein.“

Bei den Gefangenen ist es oft genau anders herum. Viele hatten nicht das Glück einer sorgenfreien Kindheit, sondern haben mehr Wut als Liebe erfahren, mehr Missachtung als Wertschätzung. Sie kennen meist nur die Schattenseite des Lebens. Moralische und juristische Normen können da schnell an Verbindlichkeit verlieren. Was dann noch zählt, ist Eigennutz.

Da verwundert es kaum, wenn die Studenten für ihr unentgeltliches Engagement von den jungen Straftätern manchmal Kopfschütteln ernten. „Dass Menschen verlässlich zu ihnen kommen, ohne dafür Geld zu nehmen, sondern weil sie sich freiwillig dazu entschieden haben, ist den Gefangenen nicht vertraut“, sagt Daniela Ramb von der KHG.

Während Selbstlosigkeit im Knast ein weitgehend unbekanntes Phänomen darstellt, steht Ehrlichkeit nicht hoch im Kurs. „Man wird manchmal dreist angelogen. Das musste ich lernen, da nicht permanent enttäuscht zu sein, sondern die Dinge hinzunehmen, wie sie sind, und wiederzukommen“, erzählt Alexandra Weber.

Marc Waschkewitz hörte mehrfach den Satz: „Wenn ich raus bin, arbeite ich wieder schwarz.“ „Ich versuche dann deutlich zu machen, dass das zu kurzfristig gedacht ist.“ Ob er mit seinen Appellen auf offene oder taube Ohren gestoßen ist, erfährt er nicht.

Das entscheidet sich erst, wenn die Gefangenen ihre Haft verbüßt haben. Wenn sie vor der Herausforderung stehen, ein straffreies Leben in Freiheit zu führen.

Volker Röpke