20.07.2016

Über den Sinn und Erfolg des Bittgebets

Bittet ... und dann?

„Bittet, dann wird euch gegeben.“ Bei Jesus klingt das so einfach. Aber im praktischen Leben bleiben Bitten unerfüllt; Gebete gehen scheinbar ins Leere. Bitten wir falsch? Erwarten wir zu viel? Fragen an den Münsteraner Theologen Jürgen Werbick.

Wie Weihrauch steigt unsere Fürbitte auf. Foto: kna-bild

Gesundheit, Frieden, Versöhnung der zerstrittenen Kinder, gutes Wetter für die Ernte – worum können Christen sinnvoll bitten?
Grundsätzlich um alles. Ich darf zu Gott mit allem kommen, so wie es mir zumute ist, um es ihm anzuvertrauen.

 

Darf ich auch alles erwarten?
Kommt darauf an, wie man das versteht. Im „aufgeklärten Glauben“ ist es ja so, dass wir versuchen unsere religiöse Praxis in Einklang zu bringen mit dem Alltag und seinem naturwissenschaftlichen Denken. Das bedeutet, dass ich nicht mit „übernatürlichen Mächten“ rechne, die unter Aushebelung der Naturgesetze in meinem Leben handeln. Wenn man das täte, könnte man sich nicht sinnvoll im eigenen Leben orientieren. Da haben wir es heute schwerer als etwa die Beter der Psalmen, die prinzipiell alles für das Volk und die Einzelnen von Gott erwarteten, einschließlich Rache an den Feinden. Andererseits bewegen wir uns da auch auf dünnem Eis, denn wir wissen noch längst nicht alles, auch nicht alles Naturwissenschaftliche. Und alles Gute von Gott zu erwarten ist beim Bittgebet entscheidend wichtig.

 

Aber die Erfahrung zeigt, dass wir nicht alles bekommen.
Ja, wir müssen uns der Tatsache stellen, dass Gott nicht einfach liefert, was wir bestellt haben. 

 

Weil wir falsch bestellen und Gott es besser weiß?
Nein, natürlich ist es nicht falsch, wenn man darum bittet, dass ein lieber Mensch, der schwer krank ist, gesund wird. Aber ich würde eher nicht damit rechnen, dass Gott zum Beispiel in genetische Prozesse eingreift. Gott wendet sich mir zu, wie er will und wie er kann. 

 

Kann er nicht alles? Er ist doch allmächtig.
Wir Theologen sprechen in diesem Zusammenhang von der „Allmacht der Liebe“, nicht von der Allmacht, über den Willen der Menschen hinweg Kriege zu stoppen oder Naturgesetze außer Kraft zu setzen.

 

Jürgen Werbick
Foto: privat

Aber im Evangelium sagt Jesus doch: „Ist unter euch ein Vater, der seinem Sohn eine Schlange gibt, wenn er um einen Fisch bittet.“ Wieso gibt Gott also nicht, worum ich ihn bitte?
Der Text geht noch weiter: „Wie viel mehr wird der Vater im Himmel den Heiligen Geist denen geben, die ihn bitten.“ Das heißt: Gott verweigert sich den Bittenden nicht, sondern er gibt ihnen den Geist, also sich selbst. Was Jesus hier verspricht, ist, dass Gott uns in der Not nicht allein lässt, dass er für mich da ist. Wie – das bleibt ihm überlassen. Oder um im Bild des Evangeliums zu bleiben: Wenn man bei Gott anklopft, öffnet er die Tür; was hinter der Tür ist, wissen wir nicht.

 

Ist „Lieber Gott, heile mich“ also doch keine sinnvolle Bitte?
Doch, solange wir offen sind, uns auf alles einzulassen, was kommen mag. Das Gebet – auch das Bittgebet – ist ein Weg, ein Prozess, keine Bestellung, die geliefert wird. Wir können da nicht ergebnisorientiert denken: Hat geklappt, hat nicht geklappt.

 

Ein Prozess – was soll das genau heißen?
Gott kann nur nahekommen, wenn ich ihn hereinbitte. Deshalb verändere ich durch das Gebet die Beziehung zwischen mir und Gott. Vergleichen Sie es damit, wenn Sie einen anderen Menschen um etwas Wichtiges bitten: Egal, ob er es gewährt oder überhaupt gewähren kann – die Bitte verändert die Situation zwischen Ihnen beiden. So ähnlich ist es auch bei Gott: Das Gebet verändert den Bittenden – was es mit Gott macht, das können wir von uns aus allerdings nicht einschätzen.

 

Und wie verändert es den Bittenden?
Zumindest kann es größere Nähe zu Gott schaffen. Es kann auch sein, dass ich durch vertrauendes Bitten Selbstheilungskräfte in Gang bringe. Oder die Kraft finde, Abschied zu nehmen. Oder in schweren Konflikten mehr Versöhnungsbereitschaft entwickele.Wie es bei Lukas heißt: Gott gibt dem, der ihn bittet, den Heiligen Geist. Alles andere ist offen.

 

Wenn Bittgebet ein Prozess zwischen mir und Gott ist – wieso sollte ich dann für andere bitten, vor allem, wenn ich die Situation nicht beeinflussen, kann, etwa bei Bitten um „Friedenswillen bei den Regierenden“, um „Einsicht bei den Terroristen“ oder um „mehr Priesterberufungen“?
Das Bittgebet gibt Gott einen „Aktionsraum“ in der Welt. Wie weit er reicht? Wie andere von ihm erreicht werden? Wer kann das wissen!? Es ist jedenfalls gut, über die selbstbezogenen Bitten hinauszubeten, damit Gottes guter Wille geschehe; nicht nur im Himmel, sondern auch in den menschlich-allzumenschlichen Zwangslagen unseres Menschenlebens.

Interview von Susanne Haverkamp