10.08.2012

Nachrichten aus dem Partnerland

Bolivien: Recht auf Arbeit für Kinder?

Bolivien, das Partnerland der Diözese Hildesheim, schafft es eher selten in die großen Medien Deutschlands. In dieser Woche machten gleich zwei Nachrichten Schlagzeilen. Die eine war eine ausgewachsene Zeitungsente, die zweite stimmt nachdenklich.

Ein alltägliches Bild in den Großstädten Boliviens, vor allem in La Paz: vermummte Schuhputzer.    Foto: Wala

Zur Ente: Boliviens Präsident schmeißt Coca Cola aus dem Land. Pünktlich zur Zeitwende des Maya-Kalenders am 21. Dezember muss der amerikanische Getränkeriese das Andenland verlassen. Was für eine Nachricht! David fordert Goliath heraus. McDonald‘s – ein weiteres Unternehmen, das für den amerikanischen Weg des Lebens steht – habe Morales bereits verbannt.

Richtig ist: Morales hat sich wiederholt über die braune Brause aus Atlanta lustig gemacht. Sie tauge allenfalls gegen verstopfte Abflussrohre.

Süße Limonaden finden reißenden Absatz

Richtig ist auch, dass Außenminister David Choquehuancas ein internationales Indigenen-Treffen für Dezember mit markigen Worten ankündigte: Die Zeitwende der Maya sei gleichbedeutend mit dem „Ende des Egoismus und dem Beginn einer neuen, humaneren Welt.“ Und dann kam es: „Es muss das Ende von Coca-Cola sein, der Beginn von Mocochinchi.“ Letztes ist ein traditionelles Pfirsich-Getränk, Ersteres eher symbolisch gemeint.

Denn süße Limonaden –und dazu gehören auch die Varianten der „Kapitalistenbrause“ – finden an den allgegenwärtigen Verkaufsständen in den Straßen bolivianischer Städte reißenden Absatz.  Flammende Rhetorik hin oder her. Morales versuchte sogar mit Coca Colla (Collas nennen sich die Einwohner des Hochlandes) eine bolivianischs Alternative zu etab­lieren. Gelungen ist das nicht.

Das unterscheidet Cola von plattgebratenen Burgern: McDonald‘s hat sich bereits 2002 – und damit drei Jahre vor dem Wahlsieg von Morales – aus Bolivien zurückgezogen. Die Verkaufszahlen waren schlecht. Aber Flaschen mit brauner Brause wird es weiter geben. Das hat auch die Cola-Konzernzentrale verkündet.

In den Städten Boliviens werden Getränke häufig von Kindern verkauft. An Straßenecken ebenso wie im Verkehrsgewühl vor Ampeln. Für ein paar Bolivianos gehen die Kinder häufig sogar ein großes Risiko ein. Und das führtt zur zweiten, diesmal nachdenklich stimmenden Nachricht.
Die Union der Kinder- und Jugendarbeiter Boliviens hat bereits 2010 der Regierung ein Gesetz vorgeschlagen: Es soll Kinderarbeit erlauben. Verbunden sind damit Forderungen nach schulkompatiblen Arbeitszeiten, faire Arbeitsbedingungen und eine Krankenversicherung – auch für unter 14-Jährige.

Kinderarbeit ist in Bolivien allgegenwärtig

Kinderarbeit ist in Bolivien allgegenwärtig. Die Kinder schuften in Minen, auf Feldern, auf dem Markt  oder putzen täglich Schuhe ohne Ende. Die Schuhputzer, das Gesicht zumeist hinter einer Wollmaske, die nur die Augen freilässt, und einer Baseballkappe verborgen. Aus Scham. Aber das Geld, dass sie verdienen, sichert ihrer Familie den Lebensunterhalt. Häufig ist es auch das Geld, das einen Schulbesuch erst möglich macht. Gerade in Zeiten, in denen der soziale Graben zwischen Arm und Reich immer größer wird.

Fast ein Viertel aller Kinder zwischen 7 und 14 Jahren arbeitet in Bolivien. Seit 2009 kennt die bolivianische Verfassung kein generelles Arbeitsverbot von Kinderarbeit mehr. Stattdessen heißt es nun „die Ausbeutung von Kindern ist verboten“.

Nun steht im Parlament eine Entscheidung über ein neues Arbeitsgesetz an – und damit die Frage, ob Kinderarbeit zu guten Bedingungen erlaubt wird. Oder ob die Mehrheit der Abgeordneten meint, dass Kinderarbeit grundsätzlich ein Verstoß gegen Menschenrechte ist.

 Rüdiger Wala