28.06.2017

Interkultureller Stadtführer

Dankbar für die Gemeinschaft

Ein interkultureller Stadtführer hilft Flüchtlingen, sich in Lüneburg zu orientieren. Und er öffnet denen, die schon lange hier leben, den Blick auf Ungewohntes. Zum Beispiel: Was hat der Elefant auf dem Dach des Stadttheaters zu suchen?


Autoren und Gestalter des Stadtführers
Stolz präsentieren die Autoren und Gestalter des Stadtführers ihr Werk. | Fotos: Stefan Branahl

Wenn ein junger syrischer Flüchtling seine kurze Rede mit „Hallöchen“ beginnt, dürfte seine sprachliche und kulturelle Integration große Fortschritte gemacht haben. Ayman, seit zwei Jahren in Lüneburg zu Hause, kennt sich inzwischen gut aus mit Gepflogenheiten in seiner neuen Heimat. So gut, dass er mitgearbeitet hat am ersten interkulturellen Stadtführer, der vergangene Woche in den Räumen der Pfarrgemeinde St. Marien vorgestellt wurde. In deutscher und arabischer Sprache werden die wichtigsten Sehenswürdigkeiten vorgestellt, außerdem gibt es ganz praktische Tipps zur Orientierung im Alltag.

Geboren wurde die Idee bei den Treffen des Internationalen Cafés, zu dem Gemeinde und Kolpingsfamilie regelmäßig Lüneburger und Flüchtlinge einlädt. Umgesetzt hat sie dann in den vergangenen Monaten ein 20-köpfiges Team rund um Projektleiterin Katarzyna Ewa Rollert. Viele Sehenswürdigkeiten wurden gemeinsam besucht, Fotos gemacht, Texte geschrieben, Interviews geführt, Eindrücke gesammelt. Am Ende gab es Material für rund 60 Seiten. „Es war viel Arbeit, aber für uns hat sie sich jetzt schon gelohnt“, sagt Rollert. „Wir sind dadurch zu einer guten Gemeinschaft geworden.“

Etliche Gäste waren zur Vorstellung des Stadtführers zu einer kleinen Feierstunde gekommen – und hörten erstaunliche Vergleiche: „Das Wasser in Lüneburg schmeckt wie in meiner Heimatstadt Damaskus“, berichtete Amer Mostafa. „Auch die alten Häuser erinnern mich an Zuhause.“ Für ihn und die anderen Flüchtlinge sei Lüneburg vor allem auch duch das Stadtführer-Projekt  näher gekommen. „Die Stadt ist für uns zu eine Zufluchtsstätte geworden. Die Menschen nehmen uns auf und helfen uns. Anfangs hatten wir befürchtet, allein zu sein. Aber hier haben wir unsere neuen Familien und eine zweite Heimat gefunden. Dafür sind wir sehr dankbar.“
 

Titelblatt des zweisprachigen Stadtführers
Das Titelblatt des zweisprachigen Stadtführers von Lüneburg.
So beziehen ist das Heft für 3 Euro unter anderem über das
Pfarrbüro.

Obwohl die jungen Männer um Amer Mostafa nicht zu den aus Syrien geflüchteten Christen gehören, sondern alle Moslems sind, hatten sie keine Berührungsängste vor dem Angebot der katholischen Gemeinde. Mohammad Aldoumani erinnert sich gut daran, dass im Gottesdienst für seine zurück gebliebene Familie gebetet wurde. „Das hat mich sehr gerührt. Adel Sultan sagt: „Wir waren alle schon in christlichen Kichen. Ich habe sogar bei Aufbau der Weihnachtskrippe in St. Marien geholfen. Vor dem Krieg lebten in Syrien viele Christen. Wir haben miteinander gelebt und gefeiert.“

Zurück zum eigentlichen Anlass, dem interkulturellen Stadtführer. Unterteilt ist er in 26 Themenschwerpunkte jeweils auf einer Doppelseite. „Bewusst haben wir die Texte in sehr einfacher deutscher Sprache formuliert, damit sie von allen verstanden werden, die sich noch nicht so gut damit auskennen“, sagt Gemeinereferntin Martina Forster, die am Projekt mitgearbeitet hat. Dem deutschen Text steht jeweils die arabische Übersetzung gegenüber, die durchaus ihre Tücken hatte – so wurde aus der Brausebrücke zunächst die „Straße mit der Dusche“. Zum Glück wurde der Fehler noch vor dem Druck bemerkt.

Neben den geschichtlichen Fakten und Einordnungen sind alle Beiträge auch aus der Sicht der syrischen Flüchtlinge ergänzt. In der Altstadt beispielsweise fielen ihnen die vielen Stockrosen auf, die an den Hauswänden blühen. „Die wachsen auch in Syrien“, erfährt der Leser.  Markantes Zeichen von Lüneburg ist der Kalkberg miten in der Stadt. Hier gab es im Mittelalter eine Burg, in der Menschen Schutz vor Verfolgung fanden. Einer der jungen Syrer erinnet sich gut an seine Gefühle, als er das erste Mal auf den Kalkberg spazierte: „Es war für mich wie an dem Tag, an dem ich mit den vielen anderen Flüchtlingen aus dem kleinen Boot gerettet wurde und endlich wieder festen Boden unter den Füßen hatte.“

Noch einmal zu dem Elefanten auf dem Stadttheater: Warum der dort angebracht ist, wissen auch kaum die Einheimischen. Kurz erklärt: Er spielte vor etlichen Jahren in einer Operette mit. Und seit dem steht er halt da…

Von Stefan Branahl

Kommentare

Vielen Dank für den schönen Bericht über unser Lüneburger Projekt. Wir hoffen, Nachahmer in anderen Städten zu finden. Zusammen - Einheimische mit Flüchtlingen - zu arbeiten, ist zwar herausfordernd, macht aber viel Spaß. Einfache Erkenntnis daraus: Wir können viel voneinander lernen.

Katarzyna Rollert