20.11.2015

Bischof Norbert Trelle zieht im Interview ein positives Fazit des Bistumsjubiläums

Das Experiment geht weiter

Das Jubiläum 1200 Jahre Bistum Hildesheim endet mit dem Christkönigsfest am Sonntag, 22. November. Bischof Norbert Trelle beschließt das Jubiläumsjahr während eines feierlichen Gottesdienstes um 10 Uhr im Dom. Im Interview zieht der Bischof ein erstes Fazit der Feierlichkeiten. 

Mit dem Gottesdienst zur Wiedereröffnung des Domes begannen die Feierlichkeiten zum Bistumsjubiläum. Bischof Norbert Trelle hat dabei auch die Weihrauchschalen an die Vertreter der Gemeinden übergeben – als Zeichen der Verbundenheit zur Bischofskirche. Foto: bph/Gossman

Herr Bischof, eigentlich hatten wir dieses Interview verabredet, um zurückzuschauen auf das Bistumsjubiläum. Vor zwei Wochen nun sind Missbrauchsvorwürfe gegen Ihren Vorgänger, Bischof Heinrich Maria Janssen, bekannt geworden. Was bedeuten diese Vorwürfe für das Bistum Hildesheim?

Ich nehme eine ungeheure innere Spannung bei vielen Menschen  in unserem Bistum wahr: hier das Wahrnehmen von schwerstem Leid eines Menschen, der nach seinen Angaben Opfer von sexuellem Missbrauch geworden ist, da die Sorge um das Gedenken an den verstorbenen Bischof Heinrich Maria Janssen, der selbst nicht mehr Stellung nehmen kann. Als wir vor fünf Jahren mit der Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs in der katholischen Kirche begonnen haben, haben wir uns vorgenommen, Missbrauchsopfern, denen über Jahrzehnte hinweg kaum geglaubt wurde, mit einem Vertrauensvorschuss zu begegnen. Wenn Beschuldigte nicht mehr zur Rechenschaft gezogen werden können, gibt die Bischofskonferenz die Möglichkeit, das Leid eines Missbrauchsopfers durch eine materielle Leistung anzuerkennen. Voraussetzung dafür ist, dass die Schilderung des Opfers schlüssig und nachvollziehbar ist. Eine solche Anerkennung des Leids, wie sie hier erfolgt ist, ist aber kein Urteil oder gar ein Schuldspruch für den Beschuldigten.

Wirft der Missbrauchsvorwurf einen Schatten auf das Jubiläumsjahr?

Natürlich ist ein Schatten da. Betroffen ist ja eine Zeit, die vielen Menschen im Bistum noch sehr präsent ist – die Aufbaujahre nach dem Krieg. Das Jubiläumsjahr weitet jedoch auch den Blick. In 1200 Jahren hat es immer wieder Schatten und sogar Phasen von Finsternis gegeben. Umso wichtiger erscheint es mir, dass wir uns immer wieder am Licht ausrichten. Das sagt uns ja unser Glaube. Und ich glaube, dass dieses Ausrichten am Licht uns beim Bistumsjubiläum gut gelungen ist.

Auch das Bischöfliche Gymnasium Josephinum hat sein 1200-jähriges Bestehen gefeiert – mit einer gemeinsamen Romreise und vielen  Aktionen wie einer Tanzeinlage vor dem Hildesheimer Rathaus. Foto: Deppe

Sie haben das Jubiläumsjahr auch dazu genutzt, ein Schuldbekenntnis für all das abzulegen, was in der 1200-jährigen Geschichte falsch gelaufen ist, wo Kirche und ihre Vertreter gefehlt haben – von der Hexenverfolgung über Missbrauch bis zum mangelnden Engagement in der Nazizeit. Wie wichtig war Ihnen dieser Akt?

Das war mir ein Herzensanliegen. Wir hatten das Jubiläum von vornherein so angelegt, dass es neben dem Feiern und der Dankbarkeit auch eine Besinnung auf das eigene Tun geben sollte. Unsere zwölfhundertjährige Geschichte ist reich an Beispielen des Glaubens und der tätigen Liebe. Aber gleichzeitig gibt es doch auch viel Ängstlichkeit, Kleinglaube und Versagen zu beklagen. Nur wenn wir diese dunklen Seiten unserer Geschichte annehmen, können wir uns glaubhaft der Gegenwart und Zukunft zuwenden. Ich habe den Eindruck, dass es für viele Menschen, die gerade auch in der jüngsten Zeit unter der Kirche gelitten haben, ein wichtiges Signal gewesen ist. Und ich höre, dass auch viele unserer Gläubigen das Schuldbekenntnis mit Dankbarkeit und Erleichterung aufgenommen haben.

Vielfältige Begegnungen von Menschen gab es auch nur bei den Besuchen des Bischofs in den Dekanaten. Foto: bph/Schulze

Ein Jahr und drei Monate hat das Bistum Hildesheim sein 1200-jähriges Bestehen unter dem Motto „Ein heiliges Experiment“ gefeiert. Über einen so langen Zeitraum zu feiern, ist auch ein Experiment. Ein gelungenes?

Ich glaube, ja. Natürlich war uns bewusst, dass es nicht so leicht sein würde, die Spannung über einen solchen Zeitraum aufrechtzuerhalten. Aber auf der anderen Seite braucht ein Jubiläum auch Zeit, damit es Dynamik entwickeln kann. Damit die Leute sehen können: Aus den Ideen wird wirklich etwas; es lohnt sich, dabei zu sein.

Was waren aus Ihrer Sicht die Höhepunkte des Jubiläums?

Sicherlich die Wiedereröffnung des Doms. Das ist für unser Bistum, auch über das Jubiläum hinaus, ein ganz herausragendes Ereignis gewesen. Das ungeheure Interesse zeigt sich ungebrochen an den vielen Besuchen und Wallfahrten. Für mich gehören auch die Jubiläumsfeiern in den 17 Dekanaten dazu. Mit welcher Kreativität und mit welchem Engagement die Menschen vor Ort diese Tage geplant und durchgeführt haben, hat mich sehr beeindruckt. Und natürlich lux in tenebris – das Oratorium, das wir in Auftrag gegeben haben. Es war nicht nur ein musikalisches Erlebnis, sondern eine Verkündigung mit Musik, Ton, Text, Licht und den Kunstwerken im Dom. Wunderbar war für mich auch, dass zum Fest der Engagierten so viele Menschen aus dem ganzen Bistum unserer Einladung gefolgt sind. Ich habe den Domhof sehr heiter und freundlich erlebt – und das Wetter hat ja auch einigermaßen gehalten…

Kunst und Kultur waren ein wichtiger Bestandteil des Bistumsjubiläums – wie die Licht- und Klanginstallation „Una sancta“, die an mehreren Orten im Bistum zu sehen war. Foto: Archiv

Sie haben während des Jubiläums alle Dekanate besucht. Wie viele Kilometer haben Sie zurückgelegt? An welchen Besuch erinnern Sie sich besonders? Wo gab es bewegende Momente?

Wir haben das mal nachgerechnet, es waren 3607 km. Eine ganz schöne Strecke… Mir hat gut gefallen, dass ganz viele Feiern an öffentlichen, ungewöhnlichen Orten stattgefunden haben oder öffentlich leicht zugänglich. Ein Gottesdienst an der Rhumequelle, Ausstellungen in Sparkassen. Gern denke ich an den Tag im Dekanat Goslar-Salzgitter zurück, der den roten Faden hatte – vom Erz über den Stahl zur Kunst – und der so Bedeutsames für das Dekanat bedacht und hervorgehoben hat. Der besondere ökumenische Tag im Dekanat Unterelbe. Oder die Fahrt auf der Weser im Dekanat Weserbergland… Ich könnte begeistert aus allen 17 Dekanaten erzählen!

Von Anfang an war geplant, das Jubiläum ins ganze Bistum zu bringen und nicht nur auf die Bischofsstadt zu beschränken. Inwieweit wurde das über Ihre Dekanatsbesuche hinaus erreicht?

Wir haben beides versucht: die Dekanate nach Hildesheim einzuladen, zu Wallfahrten und zentralen Veranstaltungen, und gleichzeitig auch von Hildesheim aus in die Dekanate zu gehen. Das sollte das Zusammengehörigkeitsgefühl stärken und das Bewusstsein, dass wir alle in einem Bistum leben. Zudem haben wir versucht, die Dekanate bei ihren eigenen Veranstaltungen zu unterstützen – logistisch und finanziell – und besondere Projekte auf den Weg zu bringen, die verschiedene Orte verbinden. Matthias Brodowy, der Musiker und Kabarettist, ist z.B. auf eine Tournee durch das Bistum gegangen; eine Licht- und Klanginstallation verband fünf verschiedene Kirchen im Bistum; eine Fahrradpilgertour war 1.400 km lang an den Außengrenzen unterwegs und vieles mehr. Wie ich höre, war für viele auch unser gedrucktes, gemeinsames Veranstaltungsprogramm wichtig: knapp 250 Seiten, die für alle dokumentiert haben, was es alles in den Weiten des Bistums gibt. Also: Ich glaube schon, dass es uns gelungen ist, das Jubiläum über die Stadtgrenzen Hildesheims hinaus zu bringen. Und mein Eindruck ist, dass der Zusammenhalt im Bistum gewachsen ist – und die Verbundenheit mit dem Dom.

Konnte das Bistumsjubiläum auch dazu genutzt werden, in die Gesellschaft hineinzuwirken?

Die Wiedereröffnung des Domes und des Dommuseums sind für viele Menschen sehr wichtig gewesen, auch wenn sie sich der Kirche selbst nicht unbedingt so nahe fühlen. Aber sie spüren doch, dass wir uns um ein gemeinsames Erbe kümmern, also auch um ihre Wurzeln. Darüber hinaus haben wir mit vielen Einrichtungen kooperiert aus dem nichtkirchlichen Bereich: Mit Theatern, Bibliotheken, mit soziokulturellen Zentren, mit Fußballvereinen haben wir gemeinsame Themen gefunden und bearbeitet. Wir wollten nicht nur auf die Gesellschaft einwirken, sondern auch die Gesellschaft auf uns einwirken lassen.  Im Rahmen der Bischofskonferenz haben wir das Format „Bischöfe in Cafés“ entwickelt, wo fünf Mitbrüder im bischöflichen Amt und ich in normalen Cafés den Menschen Rede und Antwort gestanden haben. Das ist für mich ein gelungenes Beispiel dafür, dass unser Jubiläum auf Kommunikation und Dialog gesetzt hat. Und nicht zuletzt haben wir wichtige gesellschaftliche Themen aufgegriffen, etwa mit dem Flüchtlingsfonds, den wir ins Leben gerufen haben, oder mit Veranstaltungen zur Globalisierung und zur Multikulturalität.
 

Das Bistumsjubiläum ging in die Tiefe: Bischof Norbert Trelle besuchte das ehemalige Bergwerk Rammelsberg bei Goslar. Foto: bph/Moras

In den letzten 15 Monaten wurde viel gefeiert – was bleibt, welche Impulse gehen vom Bistumsjubiläum aus?

Unser Jubiläum hatte das Motto: 1200 Jahre Bistum Hildesheim. Ein heiliges Experiment. Ich habe den Eindruck, dass viele Menschen, viele Gemeinden und Einrichtungen in den vergangenen anderthalb Jahren viel experimentiert haben. Sie haben Dinge ausprobiert, die sie nicht alle Tage machen, sie sind Risiken eingegangen. Und mein Eindruck ist, dass das für viele eine sehr erfreuliche Haltung war, eine Erleichterung – weil bei Experimenten auch mal etwas schief gehen kann. Ich könnte mir vorstellen, dass davon etwas bleiben wird. Außerdem haben aus Anlass des Jubiläums viele den Blick darauf gerichtet, was sie gut können, wovon sie etwas verstehen und was sie schon immer einmal machen wollten. Es war auch ein Blickwechsel: weg vom Mangel, hin zu dem, worauf man stolz sein kann.

Ein Jubiläum bietet Anlass, zurück und nach vorne zu schauen. Wo steht das Bistum Hildesheim nach 1200 Jahren, wohin geht es?

Als wir den Dom renoviert haben, stellten sich uns verschiedene Fragen: Was müssen wir bewahren, weil es unabdingbar zu unserer Identität gehört, aber wovon müssen wir uns auch trennen? Was müssen wir modernisieren, damit es in der heutigen Zeit funktioniert oder verstehbar wird, aber wo müssen wir auch auf Dingen bestehen, die möglicherweise dem Zeitgeist nicht so ganz entsprechen? Das sind im Grunde dieselben Fragehorizonte, die auch für das Bistum als Ganzes gelten. Konkret geht es natürlich um die Weitergabe des Glaubens und die Stärkung der Gläubigen in der heutigen und für die heutige Gesellschaft. Manchmal hilft gerade die Achtsamkeit für das, was im Land nötig ist zur Wiederentdeckung der eigenen Identität. Das enorme Engagement von Gemeinden und einzelnen Christinnen und Christen für die Flüchtlinge z.B. ist nicht nur Arbeit und Mühe, sondern lässt die Gemeinden z.T. ganz neu aufblühen. Im Dom haben wir eine theologische Achse neu ausgerichtet zwischen Taufbecken und Kreuz. Und darum geht es wahrscheinlich auch in der Pastoral: die Bedeutung und Würde der Getauften wirklich ernst nehmen und das Zeugnis für den Glauben und die eigene Glaubensgeschichte im Blick behalten.

Wie sieht Ihre Bilanz des Bistumsjubiläums aus? Was ist die Botschaft der 1200-Jahr-Feier des Bistums?

Wir haben über 350 Einzelveranstaltungen durchgeführt, in allen Teilen unseres Bistums, für Jung und Alt. Das Bistum hat sich für mich in einer wunderbaren Mischung aus Heiterkeit, Kreativität, Nachdenklichkeit und Frömmigkeit gezeigt. Wir waren neugierig und ausgelassen, z.T. auch sportlich. Wir haben heilige Experimente unternommen und ich glaube, wir sind gut beraten, damit fortzufahren.

Fragen: Matthias Bode