Immer mehr Eremiten gehen online

Das Internet als Wüste

Moderne Eremiten leben zwar – wie einst die Wüstenväter – zurückgezogen in Klausen. Auf dem Buchmarkt und im Internet haben sie gleichwohl Spuren ihrer Spiritualität hinterlassen.

 

Eremiten-Blog im Internet

 

Sie galten als ausgestorben. Verschroben sowieso, irgendwie nicht von dieser Welt! Doch es gibt sie. Und seit ein paar Jahren werden sie sogar mehr. Knapp 100 soll es von Ihnen allein in Deutschland geben. Die Rede ist von Eremiten, jener uralten christlichen Berufungsform. Irgendwo in der Einsamkeit der Wüste, der Berge oder des Waldes Gott suchen. 1983 hat der Vatikan das Eremitentum offiziell anerkannt. Neben Ordensleben und Jungfrauenweihe gibt es mit den Diözesan-Eremiten, die vom Kirchenrecht her dem Ortsbischof unterstellt sind, eine weitere Form des gottgeweihten Lebens. Allein das macht klar: Einsiedler sind keine weltfremden Spinner.

Einsamkeit erfordert stabile Psyche

Ganz im Gegenteil braucht der Mensch für diese radikale Berufung eher eine überdurchschnittlich stabile Psyche; allein, um in der ablenkungsfreien Einsamkeit vieler Monate und Jahre nicht irgendwann durchzudrehen. Auffallend ist auch, dass die Spiritualität etlicher Eremiten oft tiefer, profunder, ja eindrucksvoller ist als bei anderen Ordensleuten oder Diözesanpriestern, die ja heute immer mehr Managementaufgaben übernehmen müssen. Obwohl meist zurückgezogen und ohne jede Ablenkung wie Fernsehen oder Radio lebend, haben einige von ihnen inzwischen auch im Internet Spuren hinterlassen. Allen voran Diözesan-Eremitin Maria Anna Leenen, die über ihre Lebensform auch schon zwei recht beeindruckende Bücher geschrieben hat: „Einsam und Allein?“ sowie „Sich Gott aussetzen und standhalten“. Im Netz betreibt sie neben ihrer eigenen Homepage auch einen, man höre und staune, Eremiten-Blog.

Einsiedler als geistliche Begleiter gefragt

Dieses Sendungsbewusstsein macht durchaus Sinn. Schon in der Frühzeit des Christentums verstanden sich vor allem die sogenannten Wüstenväter als Lehrer. Um ihre Kellions (Klosterzelle oder Eremitage) sammelten sich oft zahlreiche andere Gottessucher.

Nikolaus Flüe
Altarbild von 1492 aus der Pfarrkirche Sachseln

Die ersten Klöster entstanden so. Auch Bruder Jakobus Kaffanke - ein Benediktinermönch, der sich vor Jahren von seiner Gemeinschaft freistellen ließ und sich in eine Klause nördlich des Bodensees zurückzog, hält Vorträge, leitet Meditationskurse und gibt die Buchreihe „Weisungen der Väter“ heraus. Nebenbei begleitet er Pilger und hat einen Jakobsweg, die Via Beuronensis, abgesteckt. Seine Internetseite ist allerdings größtenteils noch etwas spröde. An vielen Stellen fehlen weiterführende Texte.

Legendär: Nikolaus von Flüe

Einen beeindruckenden Einblick in seine Lebensform bietet auch der Schweizer Eremit Nikodem Röösli auf der Seite des „Vereins zur Förderung persönlichen Wachstums“. Seine Klause liegt übrigens ganz in der Nähe von der Einsiedelei eines gewissen Nikolaus von Flüe, dem vielleicht weltweit bekanntesten Eremiten. Wer sich intensiver mit den Eremiten und deren Spiritualität beschäftigen möchte, findet einige wertvolle Literaturhinweise auf der Webseite der eingangs erwähnten Maria Anna Leenen. Die Eremitin wird übrigens ab dem 26. Februar eine siebenteilige Serie zur Fastenzeit für die Zeitungen unserer Verlagsgruppe Bistumspresse schreiben. Das Lesen von bedrucktem Papier also lohnt auch in Zeiten des Internets noch.

Ihr Webreporter Andreas Kaiser