13.04.2017

Hungerkatastrophe in Afrika

"Das nackte Überleben sichern"

Mit einem "Berliner Appell" wollen die Poltiker wachrütteln: Die Menschen in Afrika brauchen jede Hilfe, um die Hungerkrise zu überleben.


Foto: kna
Hilfsgüter in einem Dorf in Äthiopien 
Foto: kna

"Erst sterben die Kamele, dann die Menschen": Entwicklungsminister Gerd Müller weiß, wovon er spricht - und weshalb es "beschämend" ist, dass bislang nur ein kleiner Teil der notwendigen Hilfsgelder für die dramatische Hungerkatastrophe in Afrika bereitsteht. Erst in der vergangenen Woche kam er aus Äthiopien zurück. Das Land liegt auf jenem Dürregürtel, der sich in mehrere ostafrikanische Länder eingebrannt hat: Der Regen fehlt, die Ernte fällt aus, und die Lebensmittelpreise steigen. Die Krise war aber längst absehbar. Denn sie ist auch eine Folge von Gewalt, schlechter Regierungsführung und unterlassener Hilfeleistung.

Nun geht es vor allem darum, "den Menschen das nackte Leben zu sichern", betonte Außenminister Sigmar Gabriel im Auswärtigen Amt. Gemeinsam mit Müller hatte er den Chef des UN-Flüchtlingshilfswerks UNHCR, Filippo Grandi, den Präsidenten des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz, Peter Maurer, sowie weitere Hilfsorganisationen und Vertreter der betroffenen Regionen zu einem Krisengipfel nach Berlin geladen. In einem "Berliner Appell" mahnten sie internationale Hilfe und mehr Vorsorge an. Ferner ging es "um Größenordnung und Wege, die wir gehen müssen, um die Länder mittel- und langfristig zu stabilisieren", so Gabriel.

 

Nur 20 Prozent der benötigten Hilfsgelder sind bereitgestellt

Die Zahlen sind so erschreckend wie die Bilder der darbenden Säuglinge und Kleinkinder, der Familien neben ihren verendeten Haustieren oder der Alten, die verzweifelt nach Wasser und Nahrung suchen. Allein rund 20 Millionen Menschen sind am Horn von Afrika, im Südsudan, in Nordost-Nigeria und im Jemen von Hunger bedroht. 5,6 Milliarden US-Dollar veranschlagen die Vereinten Nationen für humanitäre Hilfsmaßnahmen, davon allein 4,4 Milliarden für Sofortmaßnahmen. Doch nach Grandis Angaben sind gerade mal 20 Prozent der Summe zugesagt.

Deutschland gehört mit 400 Millionen Euro zu den 8 Gebern, die rund 90 Prozent der Gelder aufbringen. Große Nationen wie Russland und Saudi-Arabien beteiligen sich hingegen überhaupt nicht, China nur mit einer geringen Summe, wie Müller monierte. "Wer zwei Prozent bei Rüstungsausgaben anstrebt, der muss auch seinen Verpflichtungen von 0,7 Prozent des Bruttoinlandprodukts bei der Entwicklungshilfe nachkommen", so der Minister.

Grandi sprach von einem verhängnisvollen Zusammenwirken von "Klimaeinflüssen, Konflikten und gewaltsamer Vertreibung". Er bezifferte die Zahl der Klimaflüchtlinge auf sieben Millionen. Neben allgemeiner Lebensmittelhilfe seien Kindernahrung, Trinkwasser und Sanitärprodukte nötig. Grandi warnte vor einer Choleraepidemie. Hunderttausende Menschen fliehen zudem vor Gewalt besonders gegen Kinder und Frauen, wie Grandi betonte.

 

300.000 Menschen haben den Südsudan in diesem Jahr bereits verlassen

Allein den Südsudan verlassen demnach derzeit täglich 2.000 Menschen in Richtung Uganda - insgesamt 300.000 seit Jahresbeginn. Deshalb sei neben der Hilfe auch Schutz notwendig. Mauerer warf allen Konfliktparteien systematische Verletzungen des Völkerrechts vor. Zudem werde die Hilfe durch Bürokratie erschwert. Aus seiner Sicht hat sich die Krise über Jahrzehnten aufgebaut.

Auch die deutschen Nichtregierungsorganisationen übten scharfe Kritik an der Politik. "Diese Hungersnot ist vorhersehbar gewesen", sagte Sid Peruvemba, Vorstandsmitglied des Dachverbandes Venro. Nichtregierungsorganisationen hätten eine schwere Dürre und Versorgungsprobleme bereits vor einem Jahr bei einer Sitzung im Auswärtigen Amt vorhergesagt. "Vorsorgemaßnahmen konnten aber wegen fehlender Mittel nicht realisiert werden", beklagte er.

Peruvemba begrüßte die Initiative der Bundesregierung, forderte aber, außer der Finanzhilfe auch die Ernährungsgrundlagen der ländlichen Bevölkerung durch eine entsprechende Agrar-, Handels-, Wirtschafts- und Klimapolitik abzusichern. Zudem müsse die internationale Diplomatie völkerrechtswidriges Verhalten sanktionieren und politischen Druck auf schlecht regierende Eliten ausüben. "Einzelne Eliten dort scheinen sich darauf zu verlassen, dass die Weltgemeinschaft ständig für das eigene Versagen einstehen soll", beklagte er.

kna