03.08.2015

Zwischen Tradition und Moderne: In unterschiedlichen Formen tragen Katholiken ihre Überzeugungen in die Öffentlichkeit

Demonstration des Glaubens

Sie haben eine uralte Tradition in der katholischen Kirche: Prozessionen und Wallfahrten führen Menschen aller Orten immer wieder auf die Straßen. Gerade auch wegen ihrer Rituale werden sie nach wie vor von vielen Menschen geschätzt. 

Prozessionen und Wallfahrten

 

Es ist ein buntes Bild, das sich dem Betrachter am Fronleichnamstag in Verden bietet: Jugendliche mit Fahnen zahlreicher Nationen, Kommunionkinder in Festkleidung, eine Schar Messdiener mit Weihrauch und Kreuz. Sie gehen dem Allerheiligsten voraus, das von Propst Bernd Kösling und Pater Vianney Kahlig im Wechsel unter dem schützenden Baldachin getragen wird. Die Polizei sperrt die Hauptstraße, damit die Prozession weiter in Richtung Kirche ziehen kann. So mancher Autofahrer schaut etwas verwundert ob des bunten Zuges, der da vorbeizieht.

Christus bezeugen in einer säkularen Welt

Gestartet ist die Gemeinde eine halbe Stunde zuvor vom Verdener Rosengarten aus. Seit Jahrzehnten beginnt dort das Fronleichnamsfest mit einem Gottesdienst in aller Öffentlichkeit. „Es ist wichtig, dass wir als Christen sichtbar sind“, sagt Propst Bernd Kösling. Das sieht auch Klaus Schütte so. Er gehört seit Jahren zum Auf- und Abbauteam an diesem Tag. „Den Glauben nach draußen tragen und Christus öffentlich bezeugen – für mich ist das in unserer säkularen Welt ganz wichtig“, sagt der 65-Jährige. Die Prozession hat für ihn deshalb eine ganz besondere Bedeutung. Dabei gilt das Motto: „Je größer, desto besser“, wie er mit einem Schmunzeln anfügt.

Aus diesem Grund ist die Propsteigemeinde St. Josef in Verden auch eine der wenigen Gemeinden im Bistum, die nach wie vor am eigentlichen Fronleichnamstag die Prozession abhält, denn viele Gemeinden haben sie mittlerweile auf das Wochenende verschoben. Propst Kösling vermutet jedoch, dass dann nicht mehr so viele Kinder und Jugendliche teilnehmen würden, wie das zurzeit der Fall ist. Denn der Kontakt zu den Religionslehrern der Verdener Schulen ist gut, viele kommen seit Jahren mit ihren katholischen Schülern zur Fronleichnamsprozession. So wie Monika Trynogga mit ihren Schülern von der Pestalozzischule, einer Nebenstelle des Dom-Gymnasiums. „Jeder kann, keiner muss“, erklärt die Lehrerin das Prinzip. Noch nehmen viele Schüler gerne teil, unter dem steigenden schulischen Druck werde es jedoch schwieriger mal einen Vormittag zu fehlen, weiß sie.

Für die Freundinnen Franziska und Flavia aus der 8. Klasse gehört die Fronleichnamsprozession einfach dazu. Dass sie teilnehmen und ihren Glauben auch in der Öffentlichkeit bezeugen, ist für die Mädchen ganz selbstverständlich. Im übrigen auch für ihre evangelischen Mitschüler, wie sie sagen. Negative Reaktionen auf ihre Religiosität haben die beiden noch nie erlebt. Wohl jedoch, dass einige Lehrer nicht ganz so begeistert sind, wenn sie ihr Fehlen ankündigen. „Dabei sollten sie doch wissen, dass Fronleichnam ist“, sagt die 14-Jährige, die auch als Messdienerin aktiv ist.

Ebenfalls von Kindheit an ist Fronleichnam für Kerstin Junge ein wichtiges Fest im Jahr. „Die Fronleichnamsprozession ist mir wichtig, auch wenn ich sonst nicht unbedingt jede Woche in die Kirche gehe“, sagt die junge Mutter, die mit Töchterchen Pauline (6 Monate) gekommen ist. Im Tragetuch hat die Kleine den Freiluft-Gottesdienst erlebt. Ebenso wie der gleichaltrige Julian, der mit Mutter Petra Hellweg unterwegs ist. „Für uns steht demnächst die Taufe an, deshalb sind wir hier“, sagt sie. Besonders gefällt den beiden jungen Frauen die lebendige Atmosphäre bei der Prozession und natürlich das gemütliche Beisammensein im Gemeindezentrum im Anschluss.

Die Kommunionkinder begleiten die Fronleichnams­prozession durch Verden in ihren Festtagskleidern.
Fotos: Albert

Das erste Mal in Verden dabei ist Barbara Schmidt. Die Achtzigjährige ist erst vor kurzem aus Ingolstadt in Bayern nach Verden zu ihrer Tochter gezogen. Fronleichnam ist für sie von Kindesbeinen an ein wichtiges Fest, das auch Eltern und Großeltern viel bedeutet hat. „Der Mensch wird darauf hingewiesen, dass Christus immer bei uns ist, auch wenn gerade kein Gotteshaus in der Nähe ist“, sagt sie.

Auch in ihrer neuen Heimat will sie die Prozession nicht missen, selbst wenn sie aus ihrer bayerischen Heimat, in der die Katholiken in der Mehrheit sind, sehr viel größere Fronleichnamsfeste kennt. Dennoch, auch die verhältnismäßig kleine Verdener Fronleichnamsprozession hat ihr gut gefallen. Einmal nicht teilzunehmen, kann sie sich nicht vorstellen – nicht, so lange ihre Beine den Weg noch mitmachen. „Das stärkt mich und gehört einfach zu mir dazu.“

Wallfahrten zur eigenen Stärkung

Auch von Wallfahrten kehren die Teilnehmer gestärkt in ihren Alltag zurück – und der ist beileibe kein Rentnerdasein. Wallfahrten sind meist eher eine Familienangelegenheit, das hat vor zwei Jahren der Göttinger Forscher Dr. Udo Mischek herausgefunden. Der Theologie-Dozent hat zusammen mit einem Team Teilnehmer der Großen Wallfahrt zu Maria in der Wiese in Germershausen befragt. Das Ergebnis: Die Pilger, die sich zu diesem Gnadenbild aufmachen, sind jünger als vielleicht erwartet. Das Durchschnittsalter liegt bei 54 Jahren, der Anteil an Rentnern bei 20 Prozent und die befragten Teilnehmer waren berufstätig.

Fazit der Studie: „Die Lust aufs Pilgern kommt ab Ende 30.“ Und das nicht allein: 75 Prozent waren mit mindestens einem Angehörigen da, weitere 15 Prozent mit Freunden. Das Gebet und die Gemeinschaft sind es, die zum Pilgern ziehen – so wie Fronleichnam die Katholiken auf die Straße bringt.

 

Kreuzweg der Schöpfung

Kreuzwege sind in katholischen Kirchen allgegenwärtig. Seit Ende des 17. Jahrhunderts zogen die Darstellungen des Leidenswegs Jesu in die Gotteshäuser. Heute findet sich kaum eine Kirche ohne sie.
Zuvor waren Kreuzwege eine Freiluftangelegenheit, eine Demonstration für den Glauben. Es waren Franziskaner, die die Andachtsform des Kreuzweges aus dem Heiligen Land nach Europa brachten. Seit 1342 hatte der Orden den Auftrag, die Interessen der römischen Kirche im Heiligen Land unter osmanischer Herrschaft zu vertreten. Sie führten bereits im 14. Jahrhundert Prozessionen im Gedenken an die Leiden Jesu unter dem Kreuz auf der Via Dolorosa durch – eine besondere Form der Volksandacht.

Diese Tradition wird seit 2010 im Bistum Hildesheim mit dem „Kreuzweg der Schöpfung“ aufgegriffen. Die Grundidee: das Kreuz zu den Orten tragen, wo die Schöpfung gekreuzigt wird.

Auslöser war die gesellschaftliche Debatte um das Lagern von Atommüll – ein Jahr vor der Nuk­learkatastrophe im japanischen Fukushima.  Gorleben, Schacht Konrad und Asse II – gleich drei der vier bundesweit geplanten, provisorischen oder zu erkundenden unterirdischen Kippen für Nuklearmüll liegen im Bistum Hildesheim. Und Lager Nummer vier – Morsleben in Sachsen Anhalt – liegt nur einen Steinwurf von der Bistumsgrenze entfernt.
Gerade Gorleben und die Asse II sind politische Brennpunkte. Das Dorf im Wendland, in dessen Nähe gleich vier Lagerstätten sind, steht wie kein anderes für über drei Jahrzehnte währende Auseinandersetzungen um die Atomkraft. Und Asse II, das Probelager für radioaktive Abfälle, ist ein einsturzgefährdetes Salzbergwerk – mit 126 000 Fässern Nuklearmüll. 2012 wurde ein Kreuz über mehrere Stationen dorthin getragen und dauerhaft errichtet.

Zunehmend richtet sich der Blick beim Kreuzweg auch selbstkritisch auf den eigenen, den „westlichen“ Lebensstil. So wurde das Kreuz auch vor eine industrielle Hähnchenschlachtanlage getragen – als Zeichen, wie der eigene Konsum Grenzen überschreitet und die Schöpfung quält. Auch zeigte es sich vor dem Volkswagenwerk in Wolfsburg, verbunden mit der Frage, wie viel ist genug, damit alle gut leben können?
Seit dem letzten Jahr wird ein besonderes Kreuz auf dem Weg getragen: das bolivianische Schöpfungskreuz. Zum einem symbolisiert es die fast drei Jahrzehnte währende Verbundenheit des Bistums Hildesheim mit der Kirche von Bolivien. Zum anderen steht es aber auch für Entwicklungen, die die Schöpfung in Bolivien kreuzigen: Der Längsbalken stammt aus dem tropischen Tiefland Boliviens, wo immer mehr Regenwald abgeholzt wird – um in Monokulturen Zuckerrohr für Biosprit oder Soja für die Rindermast anzubauen. Aus einer Silbermine im Hochland kommt der Querbalken. Er steht für das, was der Umwelt, aber auch den Bergarbeitern angetan wird: Gift in der Natur und nur das Nötigste zum Überleben.

Die Verantwortung für das eigene Handeln führt die Menschen im Zeichen des Kreuzes auf die Straße. Eine Tradition des Glaubens wird auf die heutigen Herausforderungen bezogen. Oder wie es im Aufruf zum Kreuzweg vor drei Jahren hieß: „Wir gehen diesen Weg, weil wir an die Kraft des Gebets glauben. Wir gehen diesen Weg, weil wir damit Gottes geknechteter Schöpfung eine Stimme geben. Wir gehen diesen Weg, weil wir mit Gottes Hilfe die Welt verändern können.“

 

Bier und Lieder

VInitialielleicht kennen Sie das: Sie begegnen einer Gruppe von Menschen und rätseln darüber, was sie miteinander zu tun haben, was sie zur Gruppe macht. Sind sie Arbeitskollegen oder Freunde? Gehen sie zusammen zum Sport oder in ein Konzert? Waren sie zusammen auf der Schule oder leben in derselben Nachbarschaft?

So eine Gruppe von Menschen stand auch in der Innenstadt von Hannover zusammen. Nicht wenige dürften sich beim  Vorbeigehen gefragt haben, was dieser „zusammengewürfelte Haufen“ da mitten auf der Straße tat.
Gemeinsam haben sie etwas ganz Einfaches gemacht: Bei einem Bier, einem Kaffee, einer Saftschorle Musik gemacht. Laut gesungen. Bekannte Lieder, die irgendwie alle etwas mit den großen Fragen von uns Menschen zu tun haben. Und sie haben sichtbar Spaß dabei gehabt. Ein bisschen so wie an einem Lagerfeuer. Ein bisschen so wie damals, als die Welt noch etwas weniger kompliziert war.

Das war, soweit wir wissen, die Deutschlandpremiere von „Beer & Hymns - Bier und Lieder“. Unter diesem Namen treffen sich bisher vor allem Christinnen und Christen in den USA, aber auch in anderen englischsprachigen Ländern. Was hat es damit auf sich?

Gemeinsames Singen hat auch bei uns in Deutschland so etwas wie eine Renaissance. Bewegungen wie offene Singtreffs in hippen Bars, die neue Volxmusik Ini­tiative und Sing-Flashmobs zeigen, dass etwas dran ist an dem gemeinsamen Singen. In den letzten Jahren nahm diese Dynamik durch neue Impulse wie zum Beispiel Ten Sing und Gospelkirchen auch in der Kirche Gestalt an. Klar dabei wird: Singen ist menschlich. Singen eint. Singen befreit. Singen hat fundamental mit dem Leben zu tun. Schließlich macht unser Atem Töne.
Ein bisschen so etwas verbirgt sich auch hinter Beer & Hymns. Mich hat die Idee sofort begeistert, nicht nur weil ich Bier mag. Sondern weil es mir in normalen Gottesdiensten und Liturgien ausgesprochen schwer fällt die Gelegenheit der Partizipation wahrzunehmen.

So geht es bei „Beer & Hymns“ schlicht und – manchmal auch wirklich – ergreifend darum, gemeinsam bei einem Getränk und bei Liedern, die von unserem Glauben und unseren Fragen erzählen, sein Glas zu erheben und das Leben und die Liebe und Gott zu feiern. In aller Unterschiedlichkeit aber viel mehr noch: In Gemeinschaft einen guten Abend zu verbringen und viel Lärm dabei zu machen. Ein bisschen etwas wie himmlischen Lärm. Brausen und Tosen. Brummen und Piepsen. Und so von Gott zu erzählen. Ohne Worte. Mit Tönen, aber mehr noch dem Lächeln, das sich in unseren Gesichtern zeigt. Es setzten sich im Laufe der nächsten Stunde immer wieder Menschen zu uns, blieben stehen, waren irritiert, summten und brummten im Vorbeigehen mit. Und in vielen Gesichter spiegelte sich unser Lächeln wider.

Ich finde, wir dürfen uns als Kirche diese kleinen Abenteuer nicht nehmen lassen. Die Aufregung, den Puls, das Leben. Und es lohnt sich, gemeinsam loszugehen, auch auf die Gefahr hin uns Beulen auf der Straße zu holen.

Martina Albert/Rüdiger Wala/Maria Herrmann