Der „MP“ vor dem Mikro

Dem Landesvater auf den Zahn fühlen? Direkt im Landtag und gleich darüber live berichten? Vier Schüler der Eichendorffschule in Wolfsburg hatten die Möglichkeit – über die Landesinitiative n-21.

Zeile um Zeile: Philipp Herpich, Eva Inglisa, Maylin Schütt und Noah Fernandes kommentieren mit Natalie Deseke (Mitte) das Geschehen im Landtag. | Fotos: Rüdiger Wala

Maylin Schütt will es ganz genau wissen: „Mein Bewerbungsverfahren bei Volkswagen als Industriekauffrau läuft zurzeit. Habe ich noch eine Chance bei VW?“. Der Angesprochene: Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil. Nicht nur Landesvater, sondern auch Mitglied im Aufsichtsrat des Konzern. Das Land hält 20,2 Prozent der Anteile des Konzerns und hat bei großen Entscheidungen von VW ein Veto-Recht.

Der Sozialdemokrat sichert der 16-jährigen Realschülerin der Eichendoffschule in Wolfsburg zu, dass VW weiter ausbilden wird: „Junge Menschen sind die Zukunft unserer Unternehmen – auch von Volkswagen.“ Wird Maylin genommen, habe sie gute Chancen, auch dauerhaft bei VW zu arbeiten: „Ich wünsche Ihnen erstmal viel Erfolg für das Bewerbungsverfahren“, fügt Weil noch hinzu.

Drei Tage lang das Parlament beobachtet

Es ist kein Zufall, dass sich der Ministerpräsident direkt im Landtag den Fragen von Maylin stellt. Zusammen mit ihren Mitschülern Eva Inglisa, Noah Joshua Fernandes und Philipp Herpich bildet sie die Schüler-Redaktion der Landesinitiative n-21. Drei Tage lang haben sie während des März-Plenums ein Büro im Landtag. Sie beobachten von der Pressetribüne aus die Debatten, suchen das Gespräch mit den Politikern, schreiben Artikel, machen Fotos – und veröffentlichen das ganze im Internet.

„Für uns war schon bedeutend, dass die vier vom Realschulzweig einer Oberschule kommen“, betont Natalie Deseke. Sie betreut die vier Schüler seitens der Landesinitiative. Deseke hilft beim Knüpfen von Kontakten und mit Hintergrundwissen über das Geschehen im Landtag, blickt auch kritisch über die Texte der Schüler: „Aber die eigentliche Arbeit – Themen finden, Politiker befragen, Artikel schreiben – liegt bei den Schülern.“

Ein Thema, das sich die vier Eichendorffschüler aus der langen Tagesordnung des Landtages ausgesucht haben: Innere Sicherheit und Terrorabwehr. Wieder im Hinblick auf die eigene Situation – Wolfsburg gilt nach Angaben des Verfassungsschutzes als Hochburg durchaus gewaltbereiter Salafisten in Niedersachsen.
 

Immer wieder suchen die Schüler das Gespräch mit Parlamentariern – hier mit Gerald Heere (Grüne).

Gesprächspartner hier war der parlamentarische Geschäftsführer der CDU-Fraktion im Landtag, Jens Nacke. Seine Partei hatte ein Sicherheitskonzept in den Landtag eingebracht. Neben diesen beiden großen Interviews haben die vier Schüler noch sechs weitere Themen recherchiert und in Zeilen gebracht: Von Maßnahmen gegen das Insektensterben über den Zweckverband Großraum Braunschweig bis hin zu Debatten um die Unterrichtsversorgung im Land. Immer wieder Eindenken in neue Details und Zusammenhänge – und das durchaus unter Zeitdruck. Schließlich sollen die Beiträge noch am gleichen Tag ins Netz.

Neben der Unterstützung durch die Initiative n-21 haben die Schüler auch „Informanten“ im  Landtag selbst: die Landtags­abgeordneten Angelika Jahns (CDU) und Gerald Heere (Grüne) fungieren als Paten für die Eichendorffschüler, helfen mit Kontakten und Hintergrundwissen. „Ich finde es großartig, wenn Schüler uns hier auf die Finger schauen.“, sagt Gerald Heere. Das sorgt bei Politikern für Bodenhaftung.

„Was ganz anderes als Politikunterricht“

Was nehmen aber nun die vier Schüler mit aus den drei Tagen Landtag hautnah? „Das ist schon was ganz anderes als Politikunterricht“, sagt Noah (16). Maylin ist noch mal aufgegangen, wie viel das Geschehen im Landtag doch mit ihrer Stadt und ihrem Alltag zu tun hat: „Die Sache mit VW, die ganzen Auswirkungen um den Abgasskandal“ nennt sie als Beispiel. Nicht damit gerechnet hätte sie, dem Ministerpräsidenten so nahe zu kommen: „Das ist doch sonst so einer aus dem Fernsehen.“

Weil, aber auch die anderen Politiker hätten sich im Gespräch mit den Jugendlichen als „wirklich nett und zuvorkommend gezeigt“, fasst Eva ihre Eindrücke zusammen. Die 16-Jährige hat nicht das Gefühl, mal eben schnell mit ihren Fragen abgefertigt worden zu sein. Im Gegenteil: „Sie haben sich Zeit genommen und man hat gemerkt, dass sie sich in Themen einarbeiten und in ihrer Sache auch aufgehen.“ Auch die beiden „Politpaten“ haben immer wieder reingeschaut, viele Tipps gegeben und motiviert.

Dieser Freundlichkeit steht das Verhalten der Politiker im Plenum gegenüber: „Das war manchmal wie Kindergarten, da war wenig  Respekt“, sagt Philipp. Das gehört wohl zum Politikbetrieb dazu, mutmaßt der 15-Jährige. Aber einen anständigen Umgang miteinander würde er sich schon wünschen.

Rüdiger Wala

 

Schulen im Landtag
Die Landesinitiative n-21 ermöglicht Schülern aus Niedersachsen am Geschehen der Politik teilzunehmen und selber nachzufragen. Während der Plenartage berichten vier Schüler zusammen mit einer betreuenden Lehrkraft über die Ereignisse aus dem Landtag.
Auf dem Weg gebracht wurde die Initiative im Jahr 2000: Zusammen mit dem Land wollen die kommunalen Spitzenverbände, Wirtschaftsunternehmen und gesellschaftliche Organisationen die Digitalisierung an Schulen voranbringen. Dazu zählen beispielsweise das Nutzen von Laptops im Unterricht, Programmierkenntnisse für Fünft- und Sechstklässler oder „Ran an den Computer“ – hier schulen Schüler Senioren am Computer. Mit der Online-Redaktion im Landtag und dem Projekt „Radioschule – Schulradio online“ will die Initiative auch den kritischen Umgang mit Medien und Politik unterstützen.

Weitere Infos:
www.n-21.de. Die Ergebnisse der Eichendorffschüler sind zu finden auf www.online-redaktionen.de