12.08.2011

Die KiZ blickt hinter die Kulissen einer Kindertagesstätte

Der eigene Wille an erster Stelle

Ein Mann im Kindergarten – kann das gut gehen? Ich habe es ausprobiert und viele neue Erfahrungen gemacht.

Kennenlernen zwischen spontanem Zutrauen und zögerlichem Abwarten: in der Pinguingruppe: Dreimal schauen wir uns das Buch an über „Jasmin und ihre Lieblingsfarben“.Foto: Jens Schulze

Hier bin ich der Größte! Nur meine ausgestreckten Finger reichen an die reifen Mirabellen im Baum. Das spricht sich schnell herum auf dem Spielplatz. Ein Dutzend Kinder umringt mich. Alle strecken die Hand aus, stopfen sich das gepflückte Obst in den Mund. Jetzt bloß keinen benachteiligen! Die Haselnuss nebenan sitzt in diesem Jahr ebenfalls voll. Viele Nüsse sind schon abgefallen. Also wieder in die Zweige gegriffen und … – na ja, was ich jetzt mache, ist pädagogisch nicht besonders wertvoll. Aber keine der Erzieherinnen ist in Sichtweite, also knacke ich die harte Schale mit den Zähnen und verteile die Kerne. „Das dürft ihr auf keinen Fall nachmachen mit euren Milchzähnen“, mahne ich zumindest noch.

Ein Tag in der Kita St. Franziskus in Hannover – das hat mich gereizt. Zunehmend allein erziehende Mütter, später fast ausschließlich Erzieherinnen und Grundschullehrerinnen: Wie reagieren Kinder eigentlich, wenn sie plötzlich einen Mann in ihrer Runde haben?

Aufgenommen bei den Pinguinen

Unbefangen und neugierig, merke ich an diesem Tag. Schon beim ersten Kennenlernen werde ich ganz zwanglos in die Pinguingruppe aufgenommen. Nach dem Frühstück sitzen wir in der lockeren Auftaktrunde auf Stühlen, die so klein sind, dass mir das Knie fast ans Kinn stößt, singen gemeinsam ein paar Lieder. Nach und nach werden alle wie jeden Morgen in die Runde aufgenommen. Auch ich. Ganz selbstverständlich fassen mich Nils und Charlotte an die Hand, wir ziehen in einer Art Polonaise durch den Raum. Nur Finn steht abseits, nuckelt am Schnuller und reibt sich das Schnuffeltuch durch das Gesicht. Er ist auf Distanz – nicht wegen mir, sondern weil er noch neu in der Gruppe ist. „Möchtest du mit in unseren Kreis kommen?“, fragt ihn Erzieherin Susanne Lobasenko und streckt die Hand aus. Finn weicht aus und zieht sich zurück. Noch möchte er seine Ruhe, und das wird akzeptiert.

Nähe und Abstand je nach Situation – das spielt in der Kita St. Franziskus eine wichtige Rolle und wird respektiert. „Wer Nein sagt, hat einen Grund, den wir erst einmal so hinnehmen müssen“, sagt mir später Leiterin Sabine Kieschnik. „Der eigene Wille der Kinder spielt eine wichtige Rolle.“

Zwischen Nähe und Distanz

Nähe und Abstand – das geht mir später auf dem Spielplatz durch den Kopf. Leonard und Charlotte haben mich überredet, mein ganzes Gewicht in die runde Korbschaukel zu werfen. Jetzt liegen sie links und rechts dicht neben mir, und wir blinzeln zusammen in den Sommerhimmel. Darf ich das so unbefangen tun? Wie würden die Väter oder Mütter reagieren, wenn sie uns drei so sehen – in einer Zeit, in der über einen Priester des Bistums berichtet wird, der Kinder missbraucht hat und eigentlich mit einem 13-jährigen Jungen Urlaub in der Karibik machen würde, wenn er nicht inzwischen im Gefängnis säße?

Die Zeiten sind schwieriger geworden, die Eltern misstrauischer. Darum hat Sabine Kieschnik über meinen Besuch informiert, hat gefragt, ob mein Kollege Jens Schulze mich im Laufe des Tages zusammen mit den Kindern fotografieren darf.

Ein Tag als Mann im Kindergarten. Wir schauen uns gemeinsam Bilderbücher an. Wir bauen aus Legosteinen Raketen und Möbel für das Puppenhaus. Wir buddeln Löcher in den Sand, um abgebrochene Zweige einzupflanzen. Irgendwann sitzt Finn neben mir auf der Bank – ohne Schnuller und Schnuffeltuch.

Später am Nachmittag, als er abgeholt wird, winkt er mir lachend von der Rückbank des Autos zu. Ich glaube, ich habe mich ganz gut geschlagen.

 

Stefan Branahl

Hintergrund

Nicht nur heile Welt

St. Franziskus ist die größte der 15 Caritas-Kindertagesstätten in der Region Hannover. Hier ist Platz für 137 Kinder in sieben Gruppen (Krippe, Kindergarten und Hort). Betreut werden sie von 22 Mitarbeiterinnen und einem jungen Mann, der seit einigen Tagen sein Freiwilliges Soziales Jahr leistet.

In Betrieb ist die Kita seit 1993. Sie liegt in der Nähe zum Mittellandkanal und bietet ihren Dienst überwiegend für Familien aus dem Stadtteil List an, der zu den gutsituierten der Landeshauptstadt zählt.

Trotzdem: Auch hier gibt es nicht mehr die heile Welt. Leiterin Sabine Kischnik berichtet von einer wachsenden Zahl von Ein-Eltern-Haushalten, verstärkt auftretenden Auffälligkeiten bei Kindern und dem steigenden wirtschaftlichen Druck, dass beide Elternteile arbeiten müssen: „Viele würden es gern sehen, wenn wir länger geöffnet hätten als bis 16.45 Uhr.“