09.03.2016

Kreuzweg der Schöpfung schließt in Salzgitter

Der Glanz und das Elend

Weltnuklearerbe – auf keine Ecke Deutschlands trifft das bisher so zu wie auf das Bistum Hildesheim: Gorleben, Bergwerk Asse und Schacht Konrad. Die Müllhalde des Atomzeitalters – und Thema des Kreuzwegs der Schöpfung.

Das Schöpfungskreuz vor dem Bundesamt für Strahlenschutz in Salzgitter: Bitte um die schützende Hand Gottes für alle bestehenden und zukünftigen Atommüllager – und für die Mitarbeiter der Behörde, zu deren Aufgabe die nukleare Entsorgung gehört. Fotos: Wala

Es ist ein Erbe, das noch unzählige Generationen beschäftigen wird: Fässer voll mit Atommüll. Mal schwach-, mal mittel-, mal hochradioaktiv. Mal verrottete Behälter, mal Hochsicherheitscastoren. Sie sind das Vermächtnis der Nuklearenergie. Auch wenn im Dezember 2022 das letzte Kernkraftwerk in Deutschland abgeschaltet wird – der Müll bleibt. Ein Kreuz für die Schöpfung.

Nach wie vor fehlt ein Konzept, was mit der Hinterlassenschaft gemacht wird. Entschieden ist allein: Bis 2022 soll der Umbau des Schachts Konrad bei Salzgitter zu einem Endlager abgeschlossen sein. Dann wird schwach- und mittelradioaktiver Abfall in dem stillgelegten Eisenerz-Bergwerk gelagert.
Ist das wirklich sicher? Die Frage zerreißt die Region. Ängste und Sorgen aufnehmen – das ist eine Aspekt des Kreuzwegs der Schöpfung im Bistum Hildesheim. So zogen die gut 60 teilnehmenden mit dem bolivianischen Schöpfungskreuz vor das Bundesamt für Strahlenschutz. Die Nukleare Entsorgung ist eine Aufgabe der Behörde.

Zum Abschluss heften Teilnehmer kleine gelbe Kreuze an das Holz des Schöpfungskreuzes: Botschaften von Glanz und Elend des Menschen.

„Wir beten für die Mitarbeiter des Bundesamtes“, heißt es. Und: „Dass sie ihre Arbeit gewissenhaft ausführen und sich bewusst sind, welche Verantwortung sie für die Schöpfung tragen.“

Eine weitere Fürbitte benennt die „Schändlichkeit“ der Atomenergie und setzt auf Gottes Hilfe, „beim Finden von Alternativen, dass der Ausstieg gelingen kann“. Und es wird auf die „schützende Hand Gottes“ gehofft – „über die bestehenden und zukünftigen Atommüllendlager, damit die Schöpfung vor Katastrophen gewahrt bleibt.“
Die Kreuzwegstation vor dem Bundesamt hat die Sonntagsrunde der Salzgitteraner Gemeinde St. Joseph gestaltet. „Wir sind ein Kreis von jungen Leuten, so zwischen 20 und 26 Jahren“, erzählt Monika Walasek: „Wir sind aus unterschiedlichen Firmgruppen übrig geblieben.“ Jetzt bereichert die Sonntagsrunde das Gemeindeleben – zum Beispiel durch das Feiern von Jugendgottesdiensten. Bewusst habe die Sonntagsrunde die Kreuzwegstation übernommen: „Der Schacht Konrad ist für uns junge Leute eine ganz problematische Sache“, sagt die 23-jährige Studentin.

Zwei Elemente ziehen sich zudem durch den Kreuzweg. Zum einen der Psalm 8, in dem Gott den Menschen zum Herrscher über sein Werk, über die Schöpfung einsetzt. Zum anderen der Leitgedanke des Kreuzwegs: Glanz und Elend des Menschen.

Ein Motiv, das der Braunschweiger Domkapitular Propst Reinhard Heine in seiner Predigt beim Abschluss des Kreuzweges in der Kirche St. Michael aufgreift: „Da, wo Menschen wirken, gibt es auch immer eine dunkle Seite.“ Sei es aus Profitgier oder Missachtung der Schöpfung. „Wenn Menschen etwas produzieren, bringt das nicht nur Segen und Fortschritt, sondern auch gefährlichen Abfall“, betont Heine. Wieder der Verweis auf den Atommüll, das Weltnuklearerbe. Gefahren dürfen nicht verdrängt werden, Lösungen müssen für die ferne Zukunft Bestand haben.

Schließlich kleben die Teilnehmer kleine gelbe Kreuze aus Papier  an das Holz des Schöpfungskreuzes. Sie hatten sie zu Beginn es Weges ausgesucht und die Strecke über sichtbar getragen. Ein Wort ist auf ihnen geschrieben. Widersprüchliches.  „Hunger“, „Krieg“ und „Vergiftung“ beispielsweise auf den einen, „Hoffnung“, „Glaube“ und „Versöhnung“ auf anderen.  Kurzum: Glanz und Elend des Menschen. Nun haftend am erlösenden Kreuz.

Rüdiger Wala