06.04.2017

Pontius Pilatus

Der Unruhestifter

Schon bald nach seinem umjubelten Einzug in Jerusalem wird Jesus verhaftet, vom Hohen Rat verhört und schließlich dem Statthalter Pilatus ausgeliefert. Damit ist er zwischen die Machtinteressen der Autoritäten seiner Zeit geraten.


Gemälde von Antonio Zucchi 1750
Kajaphas hat sich entschieden: Man muss Jesus beseitigen, bevor er zur ernsten Bedrohung wird (Gemälde von Antonio Zucchi, 1750).
Foto: pa

 

Am liebsten hätten wohl alle ihre Ruhe gehabt. Und dass es irgendwie so bleibt, wie es ist: die konservativen Autoritäten des Hohen Rates und der Hohepriester, die trotz der römischen Besatzung doch ihre religiösen Zuständigkeiten haben – und auch Pontius Pilatus, der Statthalter des Kaisers in Judäa, der wohl lieber in Rom im Zentrum der Macht statt in der fernen Provinz wäre. Sie alle wollen auf ihre Weise, dass es für sie ruhig weitergeht: als einflussreiche Religionsbehörde, als wirtschaftliche Unternehmer im Tempelkult oder als machtbewusster Politiker im Auftrag des Kaisers. Dann kommt Jesus. Und für sie alle verändert sich ihr wohl eingerichtetes Leben.

Für den Hohepriester Kajaphas, der schon mehr als ein Jahrzehnt im Amt ist und damit ein Mehrfaches seiner drei Vorgänger zusammen, bringt Jesus Unruhe. Plötzlich ist er es, der die religiösen Fragen der Massen anspricht: Beim Einzug in Jerusalem wurde Jesus begeistert empfangen. Zudem sorgt sich Kajaphas vor den Römern: Wenn er die Ruhe im Tempelbezirk nicht im Griff hat, könnten die Besatzer ihm seine Macht nehmen. Sehr zum Ärger des Hohepriesters und seiner Gremien hat Jesus zudem mit seinem energischen Auftreten bei der sogenannten „Tempelreinigung“ in das eingegriffen, was für die Tempelwächter und Priester eine erkleckliche Einnahmequelle ist: Rund um den Tempel floriert das Geschäftsleben.

Kajaphas wittert Gefahr für den Tempelkult

Wenn die jüdischen Pilger aus weiter Entfernung in die Stadt Jerusalem zur Wallfahrt kommen, bringen sie auch Geld zum Tempel mit. Gerade zum anstehenden hohen Feiertag Pascha verdreifachte sich die Einwohnerzahl Jerusalems auf über hunderttausend. Kajaphas ist ein pragmatischer und kluger Amtsherr, der zwar damit leben muss, dass die Römer das Sagen haben in der Stadt. In Religionsfragen aber ist er die Autorität. 

Er hat die Amtsgeschäfte von seinem Schwiegervater Hannas übernommen, der immer noch als graue Eminenz im Hintergrund wirkt. So sind sich die Evangelisten nicht einig, ob er oder Hannas es ist, zu dem die Tempelwachen Jesus bringen, nachdem sie ihn auf deren Geheiß im Garten Getsemani gefangen genommen haben.

Mitten in der Nacht bringt der Wachtrupp Jesus in der Haus des Hohepriesters, in dem sich schon gut ein Dutzend weiterer Koryphäen zusammengefunden hat. Es ist so etwas wie ein Ministerrat, der sich mit dem Hohepriester um den Tempelkult kümmert. Bei einem Vorverhör soll geklärt werden, wie man Jesus am besten im Hohen Rat anklagen kann. 

Mehr noch als das Umstoßen der Händlertische irritiert und verärgert die Versammelten um den Hohepriester, dass Jesus dabei auch davon gesprochen hat, dass er den Tempel niederreißen und in drei Tagen wieder aufbauen könne. Das empfinden die Priester als Angriff nicht nur auf die religiöse, sondern auch die wirtschaftliche Quelle ihres Lebens und ihrer Arbeit. Für Kajaphas ist klar: Besser ist es, den Unruhestifter zu beseitigen, als dass durch ihn womöglich gar eine Bedrohung für den Tempelkult und damit indirekt für das ganze Volk ausgeht, für das der Tempel religiöser, kultureller und existenzieller Mittelpunkt ist. 

Pilatus fürchtet sich vor einem Volksaufstand

Weil der Feiertag ansteht, drängt die Zeit. So bringen sie Jesus am frühen Freitagmorgen vor den Hohen Rat, das Synedrium, das neben dem amtierenden Hohepriester Kajaphas eigentlich noch aus 70 weiteren Personen besteht, zu dem auch noch Priester, Älteste und Schriftgelehrte gehören. Aber so schnell können sie nicht vollzählig zu einer regulären Gerichtssitzung zusammenkommen. Die juristischen Verfahren dauerten viel zu lange, um Jesus noch vor dem Feiertag aus dem Weg zu räumen, wie sie es beabsichtigen. 

Im Hohen Rat gibt schließlich das Messiasbekenntnis von Jesus den Ausschlag. Für das Religionsgericht ist es eine Gotteslästerung, dass Jesus, der Messias, sich als „Sohn Gottes“, als „Menschensohn“ bezeichnet. So zerreißt der Hohepriester als empörtes Zeichen der todeswürdigen Aussagen seine Amtstracht und bringt Jesus zu Pilatus, der allein das Recht hat, die Todesstrafe zu verhängen.

Der Prokurator aus Rom interessiert sich nicht für Religionsfragen, sofern sie nicht die politische Ordnung infrage stellen. Genau das ist der Punkt, um Jesus zum Tod verurteilen zu können: Jesus als König der Juden, ohne Zustimmung und ohne Abhängigkeit von Rom – das ist für den Statthalter eine Gefahr, die ihn letztlich sein eigenes Amt kosten könnte. Der Kaiser will Ruhe in der Provinz. Pilatus ist dafür zuständig. Einen Volksaufstand oder das Ausrufen eines Königs ohne Billigung Roms muss er verhindern.

Nichts bleibt so, wie es die Konservativen wollen

Weil gerade im Umfeld des Paschafestes in der überfüllten Stadt eine aufgeheizte Stimmung herrscht, lässt sich der Statthalter dazu hinreißen, den von den aufgestachelten Anwesenden geforderten Räuber Barabbas zum Fest freizulassen und Jesus gegen seine Überzeugung zum Tod zu verurteilen, zumal der Angeklagte keine der Brücken betritt, die ihm Pilatus durch seine Fragen bauen will. 

Es ist nicht anzunehmen, dass eine große Menschenmasse oder gar „die Juden“ den Tod Jesu fordern. Bewohner und Gäste der Stadt sind mit den Vorbereitungen des Paschafestes beschäftigt, so dass sie wohl kaum Zeit finden, sich für einen eilig einberufenen Gerichtsprozess zu interessieren. So gibt eine relativ kleine aufgeregte Gruppe den Ausschlag für Pilatus, seine eigene Haut zu retten.

So wollen sie zum Fest alle Ruhe haben: der Hohepriester, der Hohe Rat, Pilatus. Und deshalb muss der vermeintliche Unruhestifter Jesus weg. Dass sie mit ihrem teils ängstlichen, teils aggressiven, teils pragmatischen und teils aus ihrer Sicht in bester Absicht geschehenen Verhalten genau das Gegenteil bewirken, zeigt erst die Geschichte. Nichts bleibt, wie es die Konservativen festhalten wollten: Der Tempel wird im Jahr 70 von den Römern zerstört, Hohepriester und Hoher Rat verlieren ihre Macht, Jesus erweist sich durch Tod und Auferstehung als Messias und bringt etwas in Bewegung, dem sich auch der spätere römische Kaiser Konstantin anschließt – und auf das sich bis heute das Christentum gründet.

Michael Kinnen