16.09.2015

Themenwoche Familie "Liebe leben"

"Die Erwartungen sind übertrieben"

Kardinal Reinhard Marx reist als Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz zur Synode nach Rom. Im Interview schraubt er die Erwartungen an mögliche Ergebnisse herunter.

Kardinal Reinhard Marx
Foto: kna-bild

Kardinal Marx, vor der Synode sind die Erwartungen, auch vieler Gläubiger, riesig. Was empfinden Sie dabei als Synodenteilnehmer persönlich? Druck?

Die Synode ist eine große pastorale Chance für die Kirche, das christliche Familienbild zu stärken. Die Erwartungen sind zum Teil übertrieben hoch, leider auch durch die Medien, als würde eine neue Wahrheit über Ehe und Familie verkündet. Da lasse ich mich nicht unter Druck setzen, sondern will mit einer nüchternen Bestandsaufnahme zu dem, was Familie ausmacht, in die Synode gehen. Dabei werde ich darauf achten, dass die wichtigen Schritte und Ergebnisse der Synode des letzten Jahres nicht unter den Tisch fallen und auch nicht unsere Diskussionen in Deutschland zwischen den beiden Synoden.

 

Die Fronten bei den Themen wiederverheiratet Geschiedene und Homosexualität scheinen verhärtet. Einige pochen auf die kirchliche Lehre, andere wollen Lockerungen. Ist jetzt kurz vor der Synode ein Lösungsweg in Sicht? Wie können Lösungen aussehen?

Sehen Sie, schon wieder wird auf die angeblich einzigen Themen der Synode geschaut. Das ist nicht sehr hilfreich. Die Synode ist ja kein Beschlussgremium, sondern sie berät den Papst. Wichtig ist, dass wir über die Themen sprechen und überlegen, welche pastoralen Möglichkeiten es geben könnte. Wir werden nicht die Lehre über Bord werfen oder die Dogmatik abschaffen, sondern wir wollen als Hörende auf der Synode tiefer in die Wirklichkeit der Familie von heute vorstoßen. Zu dieser Wirklichkeit gehört auch, dass Ehen scheitern. Und dazu gehört auch, dass es Christen gibt, die homosexuell empfinden und leben. Papst Franziskus sagt: Sie gehören weiter zu uns und sind nicht exkommuniziert. Was bedeutet das für unsere Pastoral und Seelsorge? Insofern geht es natürlich auch grundsätzlich um die Frage, wie die Kirche mit der Wirklichkeit des Lebens in den unterschiedlichen Situationen umgeht.

 

Sie haben gesagt, es dürfe nach der Synode keine Gewinner und Verlierer geben. Im Moment sieht das anders aus. Ist die Synode eine Gefahr für die Einheit der Kirche?

Das sehe ich nicht so. Manches wird vielleicht nicht einstimmig auf der Synode sein, aber vieles hoffentlich einmütig. Daran müssen wir alle arbeiten, nicht nur um der theologischen Lehre, sondern um der Familien willen. Und dafür müssen wir beten. Die Synode ist kein politischer Kampfplatz, sondern ein geistlicher Weg.

 

Viele sagen, der Papst hätte diesen Weg nicht gewählt, um nach der Synode die gleichen Antworten zu geben wie vorher. Wenn das doch der Fall ist – wie sehr ist dann Papst Franziskus geschwächt?

Papst Franziskus hat uns im Gremium der neun Kardinäle ja den Vorschlag gemacht, ganz bewusst zwei Synoden hintereinander durchzuführen – um die Themen gut zu reflektieren und zu vertiefen. Wir müssen und wollen nicht schon vor der Synode alles definieren, was hinterher herauskommt. Also warten wir ab, arbeiten und beten wir. Ich finde: Es ist schon sehr viel Bewegung im Gange.

 

In den vergangenen Monaten wurden auch Sie persönlich oft kritisiert und angegriffen, etwa als liberaler Strippenzieher, der Geheimtreffen organisiert. Kein sehr christlicher Umgang miteinander. Belastet Sie das?

Mir geht es um einen guten und ausgewogenen und vor allem theologisch fundierten Dialog. Deshalb haben wir einen Studientag mit den Präsidenten der Schweizer und der Französischen Bischofskonferenz in Rom durchgeführt – und transparent publiziert. Jeder kann also nachlesen, was gesagt wurde und sich damit theologisch auseinandersetzen. Der Papst wollte ja solche Diskussionen. Ich kann mich über manches Gerede nur wundern.

 

Liebe, Treue, Verlässlichkeit, Personalität – die katholischen Ideale sind eigentlich innerkirchlich Konsens. Tatsächlich wird die kirchliche Lehre zur Sexualmoral aber eher als detailliertes Gesetzeswerk mit vielen Verboten wahrgenommen. Ist es für Sie denkbar, dass die Kirche Abschied nimmt von den konkreten Gesetzen hin zu einer eher allgemeinen Orientierung?

Wir können nicht die Lehre der Kirche ändern, aber diese Lehre ist nicht statisch. Die Tradition ist ein lebendiger Prozess. Das ist auch Lehre der Kirche. So müssen wir für die theologische Erkenntnis und die Pastoral auch immer wieder die „Zeichen der Zeit“ im Licht des Evangeliums lesen, so das Konzil. Dabei nehmen wir zur Kenntnis – und das haben wir bei beiden Fragebögen aus Rom auch so beantwortet-, dass die Lebenswirklichkeit vieler Gläubiger mit der Lehre der Kirche bei uns und in vielen Teilen der Welt nicht immer im Einklang steht. Was bedeutet das für Lehre und Leben der Kirche? Darüber müssen wir sprechen.

 

Lassen sich Fragen von Ehe und Familie, von Liebe und Sexualität weltkirchlich einheitlich regeln? Müsste man angesichts der unterschiedlichen Kulturkreise nicht regional differenzieren?

Wir sind die eine Weltkirche und durch die Synodenteilnehmer aus fünf Kontinenten wird die kulturelle Vielfalt deutlich. Aber das eine Evangelium lässt sich nicht in fünf Kulturen unterteilen, sondern es ist die eine Botschaft des Herrn, die in die ganze Welt hineinwirkt. Aber natürlich gibt es für die Seelsorge sehr unterschiedliche Herausforderungen. Nur die katholische Kirche versucht, auf diese Fragen – trotz der gewaltigen Unterschiede der Kulturen und Lebensverhältnisse – eine gemeinsame Antwort zu geben. Die anderen christlichen Gemeinschaften versuchen es gar nicht. Denken Sie an die Anglikaner oder den lutherischen Weltbund.

 

In Deutschland haben wir stark die Themen wiederverheiratet Geschiedene und Homosexualität im Blick. Welches wichtige Thema für die Synode wird in Deutschland zu wenig wahrgenommen?

Leider eine ganze Menge, weil die Synode als Thema hat: „Die Berufung und Sendung der Familie in der Welt von heute“ – das meint doch mehr als die üblichen „heißen Eisen“. Ich will nur einige Stichworte nennen, die mir in der Synode als ganz wichtig erscheinen. Dort wird die Familie unter den veränderten gesellschaftlichen Bedingungen thematisiert, denn Familie ist eine flexibilisierte, auf Mobilität eingestellte Existenz: Für die Kirche wie für die gesamte Gesellschaft ist die Frage nach der Vereinbarkeit von Familie und Beruf bedeutend. Ich denke aber auch an die Aspekte der Ehevorbereitung, wir wissen, dass wir da besser werden müssen, das gilt auch für die Begleitung von Eheleuten und Familien. Warum sprechen wir im Vorfeld der Synode nicht mehr darüber, wie Erziehung und Glaubensweitergabe in der Familie geht. Wie können wir als Kirche helfen, dass Ehe und Familie gelingt und wirklich Sakrament der Liebe Gottes ist? Wie können soziale und ökonomische Strukturen geschaffen werden, die Familie stützen und nicht zerstören? All das sind wichtige, zu wenig beachtete Aspekte.

Fragen: Ulrich Waschki

 

Das Interview mit Bischof Joseph Arshad aus Faisalabad, Pakistan, lesen Sie hier

Das Interview mit Bischof Jean-Marie Lovey aus Sitten in der Schweiz lesen Sie hier

Das Interview mit Erzbischof Charles Joseph Chaput aus Philadelphia, USA, lesen Sie hier

Das Interview mit Erzbischof Georges Pontier aus Marseilles, Frankreich, lesen Sie hier

Das Interview mit Erzbischof Stephen Brislin aus Kapstadt, Südafrika, lesen Sie hier