29.08.2016

Unterwegs im Bistum: Weserbergland

Die fast unbekannte Tradition

Das Weserbergland gehört zu den wichtigsten Glasregionen Deutschlands. Doch im Unterschied zum Bayerischen oder Thüringer Wald weiß das kaum jemand. Warum? Das weiß Hermann Wessling, der sein Leben lang mit dem Thema verbunden war.
 

Hermann Wessling ist oft in der Kirche St.-Johannes-Baptist. Gern erläutert er interessierten Gästen das farbenfrohe Fenster von Claus Kilian am Taufbecken. Und natürlich hat er dann immer auch ein paar Geschichten aus der heimischen Glasproduktion parat. Fotos: Stefan Branahl

Bad Münder ist nicht der Nabel der Welt. Die kleine Stadt am Deister mit der netten Altstadt und dem schön angelegten Kurpark, auf halbem Weg zwischen Hameln und Hannover, liegt zwischen viel befahrenen Bundesstraßen. Wer hier unterwegs ist, hat in der Regel ein wichtigeres Ziel. Und kaum einem, der bei Tageslicht den Kreisel am Industriegebiet umrundet, fällt die bemerkenswerte Glasskulptur auf. Im Glanz erstrahlt sie bei Dunkelheit: Vier Stelen, gut dreieinhalb Meter hoch, geschichtet aus Spezialglas, leuchten dann in Grün, Braun, Blau und Weiß.

Farben mit Symbolcharakter, erläutert Hermann Wessling. Grün steht für die Landwirtschaft, die prägend ist für die Gegend, Braun symbolisiert die waldreiche Umgebung, aus den Stämmen wurden die typischen Fachwerkhäuser gebaut und Möbel. Blau erinnert an die Heilquellen, auch wenn der klassische Kurbetrieb in Bad Münder heute keine Rolle mehr spielt.
 

In der Bakeder Dorfkirche hängen Fenster mit zeitgenössischer christlicher Kunst.

Kaum bekannt, aber …

Und Weiß für die Glasindustrie, darum vor allem geht es an dieser Stelle: Dass die in der Region eine lange Tradition hat, wissen selbst Einheimische kaum. Dabei lassen sich allein in Bad Münder und seiner näheren Umgebung sieben Glashütten nachweisen, viele weitere gab es entlang der Weser. Überlebt hat nicht mal eine Handvoll – und auch nur, weil sie von internationalen Konzernen übernommen worden sind.

Kaum jemand vor Ort kennnt sich im Thema besser aus als Hermann Wessling, der selbst in führender Position für die letzte Glasfabrik von Bad Münder gearbeitet hat. Er steht vor den Produktionsgebäuden und zeigt auf einer gläsernen Informationstafel ein historisches Bild der hier 1919 gegründeten Hütte Süntelgrund. Heute gehört die Fabrik einem irischen Unternehmen und hat sich auf die Produktion von Glas für die Chemie- und Pharmaindustrie spezialisiert, bietet damit Arbeit für rund 160 Menschen.

Hier wurde vor fast hundert Jahren die Hütte Süntelgrund gegründet.

Und das genau ist der Grund, warum zwar jeder mundgeblasene Weihnachtskugeln aus dem thüringischen Lauscha kennt oder geschliffene Gläser aus dem Bayerischen Wald, aber keiner sich dafür interessiert, woher die Flasche für sein Feierabendbier kommt oder eventuell die Ampulle für die Medizin.

„Dabei ist die Geschichte der Glasindustrie im Weserbergland unglaublich spannend, auch wenn hier überwiegend sogenanntes Gebrauchsglas produziert worden ist“, sagt Wessling und erzählt von Korbmachern und Glasbläsern, von Flaschen für den Rum, der in der Karibik verschifft wurde, von bahnbrechenden technischen Entwicklungen, von einer Hüttengründung durch den Freiherrn Knigge im benachbarten Steinkrug und dem Rauchglaskegel dort, einem der zwei letzten, die es noch in Europa gibt.

… das wird sich ändern

All das soll nicht in Vergessenheit geraten, und darum hat Wess-ling in Bad Münder das „forum.glas“ gegründet (Internet: forum-glas-bad-muender.de). Skulpturen und Installationen aus Glas sind heute überall im Stadtbild zu finden, alte Hüttenstandorte werden von Fachleuten erforscht und dokumentiert. Weil heute Wanderwege an ihnen vorbeiführen, hat der Verein Informationstafeln aufgestellt und erinnert damit an diese für die Region so wichtige Industriekultur.

Dass Glas nicht nur praktisch, sondern auch schön ist, entdeckt der Besucher sogar in den Kirchen. Für die katholische Kirche hat der Künstler Claus Kilian zwei Fenster entworfen, auch für das evangelische Gotteshaus im benachbarten Nienstädt.  Und eine faszinierende Ausstellung mit modernen Fensterbildern (zu sehen derzeit nur nach den Sonntagsgottesdiensten) in der alten St.-Nikolai-Kirche in Bakede bei Bad Münder zeigt, wie sich ganz unterschiedliche Künstler aus Europa heute christlichen Themen nähern.

Stefan Branahl