20.12.2016

Interview zur Rolle öffentlicher Trauer

"Die Gesellschaft ist entsetzt"

Kurz nach dem Anschlag auf einen Berliner Weihnachtsmarkt findet in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche ein Gedenkgottesdienst für die Opfer statt. Der katholische Liturgiewissenschaftler Benedikt Kranemann, Leiter des des Forschungsprojekts "Desaster Rituale" an der Uni Erfurt, spricht über öffentliche Trauer und die Rolle der Kirchen.

KNA
Die Kirchen kennen bestimmte Formen der Liturgie für Trauergottesdienste und Gedenkfeiern. Foto: KNA

Wie wichtig ist nach dem Anschlag in Berlin ein öffentlicher Ort zum Trauern?
Das Attentat auf dem Weihnachtsmarkt wühlt die ganze Stadt, das ganze Land auf - die ganze Gesellschaft ist entsetzt. Nach solch schrecklichen Ereignissen braucht es einen Ort, wo Menschen ihre Trauer zeigen und mit dem Erlebten oder Erfahrenen umgehen können. Der Anschlag betrifft nicht einen Einzelnen oder nur eine Gruppe, sondern die gesamte Gesellschaft - darum braucht es auch für die kollektive Trauer einen öffentlichen Ort, wo man zur Ruhe kommen und Gemeinschaft erfahren kann.

 

Welche besonderen Anforderungen gibt es aus Ihrer Sicht für Gedenkveranstaltungen wie jetzt in der Gedächtniskirche?
In einer Stadt wie Berlin ist es wichtig, dass es ein Gottesdienst ist, der auch Menschen anderer Bekenntnisse, anderer Weltanschauungen einschließt. Kirchenferne sollten sich von den Texten und Handlungen angesprochen fühlen. Wichtig ist auch, dass es ein Ort mit ganz eigenem Stellenwert ist - insofern halte ich die Gedächtniskirche, die ja selbst ein Mahnmal gegen brutale Zerstörung ist, für sehr gut geeignet.

Bei alledem kommt noch hinzu, dass wir ja kurz vor Weihnachten stehen. Das ist eine besondere emotionale Herausforderung. Insofern finde ich es gut, dass der Gedenkgottesdienst schon so schnell, nur einen Tag nach dem Attentat, und eben noch vor den Festtagen stattfindet. Sonst haben derartige Trauerfeiern meist einen längeren Vorlauf.

 

Foto: KNA
Benedikt Kranemann. Foto: KNA

Welche Rituale haben sich bei öffentlichen Trauerfeiern bewährt?
Das Anzünden von Kerzen als Licht in der Dunkelheit. Auch gerade in dieser Jahreszeit kommt dem noch eine besondere Bedeutung zu: Licht, das Wärme ausstrahlt und Trost spendet. Bereits jetzt sieht man schon, wie die Menschen nahe dem Tatort Kerzen aufstellen. Beim öffentlichen Gedenkgottesdienst für die Trauernden spielen außerdem Stille und Ruhe eine große Rolle. Die Anwesenden sollten Gemeinschaft erfahren - in und mit der Gemeinschaft trauern können und vielleicht Trost finden.

 

Welchen Beitrag können die Kirchen bei der öffentlichen Trauerarbeit leisten?
Die Notfallseelsorge ist sehr, sehr wichtig in solch einer Situation. Nicht nur für die direkt Betroffenen, sondern im Grunde für alle Menschen, die durch das Geschehene tief verunsichert sind. Die Kirchen können Orte der Ruhe anbieten. Sie können über die unmittelbare Notfallseelsorge hinaus dazu beitragen, dass die Menschen nicht in Angst erstarren, sondern Mut fassen und eine Sprache finden, um über das Geschehene zu reden.

 

Nach solchen Attentaten ist die Gefahr groß, dass Trauer in Wut umschlägt...
Hier sehe ich auch eine Aufgabe der Kirchen, zu Besonnenheit aufzurufen und eine Sprache zu finden, die die Menschen nicht noch mehr verunsichert. Sie sollten Überreaktionen oder reflexartigen Anschuldigungen klar entgegentreten.

 

Viele Kirchen öffnen ihre Türen zum Gedenken an die Opfer des Anschlags. Wie lange sollte es solche Angebote geben?
Längerer Atem ist sicher nötig. Ich denke, gerade jetzt vor Weihnachten sind die Erwartungen noch mal höher, und es ist wichtig, auch über die Festtage Angebote zu machen. Wir erleben jetzt eine Zeit, wo sich Krisen dramatisch zuspitzen - Syrien, Türkei, Berlin. Meines Erachtens kommt den Kirchen dabei eine große Aufgabe zu. Die Menschen suchen Trost und Hoffnung - und die Kirchen können das mit der christlichen Botschaft spenden.

kna