03.03.2017

Die im Dunkeln sieht man nicht

Auch wer sein ganzes Leben hart gearbeitet hat, kann nicht sicher sein, später einmal ohne staatliche Unterstützung über die Runden zu kommen. Rente – das kann auch in Deutschland Altersarmut bedeuten. Ein Thema für die Duderstädter Gespräche des Hildesheimer Kolping-Diözesanverbandes.

Noch sind arme Alte in Deutschland eine Minderheit. Das kann sich in den nächsten Jahren schnell ändern. | Foto: epd-Bild

Nach zehn Stunden Gespräch und Fachvorträgen, nach Dutzenden von Statistiken, Diagrammen und Präsentationen, nach Politiker-Statements zwischen Skepsis und Zuversicht, kurz bevor die Duderstädter Gespräche also in die Beliebigkeit zu rutschen drohten, schaffte es der 17-jährige Gymnasiast Florian Förster zum Ende der Veranstaltung, das Problem in wenigen Sätzen auf den Punkt zu bringen: „Voraussichtlich 2067 gehe ich in Rente. Ich gehe Zeiten entgegen, die mir Angst machen. Muss ich jetzt schon, als junger Mensch, mein ganzes Leben strukturieren und planen, damit ich im Alter über die Runden komme?“

Eine simple Frage. Aber alle merkten in diesem Moment, dass der Schüler zum Kern der Sache vorgestoßen war: Was erwartet eigentlich die Generation, die jetzt in Sachen Berufsleben in die Startlöcher geht? Was steht irgendwann mal auf ihrem Rentenbescheid? Haben sie überhaupt die Chance, ihre Schäfchen ins Trockene zu bringen, so wie es die meisten im Saal bereits geschafft haben?

Wer steht mit leeren Taschen da?

Was Florian und seine Mitschüler an diesem Tag erfahren und sehr schnell begreifen: Es ist durchaus möglich, dass sie trotz einer guten Ausbildung, trotz Fleiß im Beruf und regelmäßig eingezahlter Beiträge in die Rentenkasse im Alter zu denen gehören können, die nicht wissen, ob sie jeden Euro zweimal umdrehen müssen und auf staatliche Unterstützung angewiesen sind.

Zusammenfassen lässt sich die Situation in etwa so: 1960 lag die durchschnittliche Rentenbezugsdauer bei knapp zehn Jahren, inzwischen hat sie sich verdoppelt. Grund für diese sicherlich erst einmal erfreuliche Entwicklung ist die gestiegene Lebenserwartung durch den medizinischen Fortschritt (dass die Finanzierung des Gesundheitswesens kurz vor dem Kollaps steht, ist ein anderes Thema).

Noch eine Zahl: Vor 100 Jahren brachten 100 Beitragszahler die Rente von 8 Menschen auf. Heute sind es 52, in etwa 20 Jahren werden es 77 Rentner sein. Das ist kein Stochern im Nebel, das ist reines Analysieren der demografischen Entwicklung.
 

„Mit unserer Rente haben wir uns bis heute nicht befasst“, sagen die Schüler, Gäste bei den Duderstädter Gesprächen. | Foto: Stefan Branahl

Und dann noch: Die Zahl der Menschen, die im Alter Grundsicherung beziehen, weil ihre Rente nicht reicht, hat sich von 2003 bis 2015 auf 536 000 mehr als verdoppelt.

Wie berechtigt sind vor diesem Hintergrund Florians Befürchtungen, am Ende mit leeren Taschen dazustehen? Und kann bereits heute von Altersarmut in Deutschland gesprochen werden? Für die Göttinger Caritas beschäftigt sich Maria Weiß seit vielen Jahren mit diesem Thema und kann zunächst Entwarnung geben: Der Anteil der alten Menschen, die auf staatliche Hilfe angewiesen sind, beträgt 3 Prozent, Der Anteil in der Gesamtbevölkerung ist dreimal höher. Doch dann das große Aber: „Wir müssen davon ausgehen, dass sich die Frage Altersarmut in den nächsten Jahren viel dringender stellen wird.“ Zum Beispiel, weil inzwischen selbst in kleineren Städten bezahlbarer Wohnraum fehlt. Im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg, früher eine Wohngegend für Arbeiter, werden heute ganze Straßenzüge luxus-modernisiert und zu Eigentumswohnungen umfunktioniert.

Ähnliches gilt längst nicht mehr nur für Ballungszentren zwischen München und Hamburg, selbst eine mittlere Stadt wie Göttingen hat damit zu kämpfen, berichtet Maria Weiß. Sie schildert einen fiktiven Fall: Das Rentnerpaar M. hat seit bald 30 Jahren mitten im Göttinger Zentrum gelebt. Die Miete war überschaubar, die gemütliche Wohnung lag im Erdgeschoss. Arzt, Kaufmann, Nachbarn – alles um die Ecke. Nach dem Tod des Mannes hat die Frau nur noch die kleine Witwenrente und ist auf die sogenannte Grundsicherung angewiesen: „Dann ist die Wohnung aber zu groß für Sie allein“, hieß es von der Sachbearbeiterin. Jetzt wohnt Frau M. zwar günstiger auf einem der abgelegenen Dörfer. Zum Einkaufen muss sie den Bus nehmen, der genau einmal täglich fährt. Bisher hat sie keinen Pflegedienst gefunden, der wegen ein paar Kleinigkeiten die weite Anfahrt macht. Weil sie nur noch schlecht Treppen steigen kann, bleibt Frau M. meistens in ihrer kleinen Wohnung im dritten Stock. „Inzwischen lebt sie völlig isoliert“, fasst Maria Weiß zusammen. „Sie muss mit der Gewissheit leben, dass sich ihre Situation nie mehr ändern wird.“

Wird ein Drittel auf Dauer abgehängt?

Joachim Rock vom Paritätischen Gesamtverband Berlin weist darauf hin, dass viele Alte keine staatlichen Leistungen in Anspruch nehmen, obwohl sie ein Recht darauf hätten. Zwei Gründe führt er an: „Zum einen schämen sie sich um Hilfe zu bitten. Und viele haben Angt vor der Bürokratie.“ Stichwort Betriebsrenten: „Davon profitieren doch in erster Linie jene, die ohnehin gute Renten haben“, sagt Rock. Ihm falle keine sozialpolitische Reform der vergangenen Jahre ein, die den heute Betroffenen wirklich geholfen hat. „Aber wir dürfen uns nicht damit abfinden, dass das untere Drittel unserer Gesellschaft auf Dauer abgehängt wird.“

Dass die Rente künftig noch mehr als heute lediglich eine Teil­absicherung für das Alter sein wird – darüber sind sich auch Uwe Kolakowski (Deutsche Rentenversicherung), Uwe Lagosky (CDU) und Bernd Westphal (SPD) einig. Geringverdiener, chronisch Kranke, Arbeitslose, Mütter, die ihre Kinder großgezogen oder Angehörige gepflegt haben und viele Selbstständige sind diejenigen, die keine Chance haben, private Rücklagen für das Alter zu bilden. Sie vor allem werden künftig die Armen in Deutschland sein.

Stefan Branahl