29.11.2017

Die Italienerin an der Leine

2018 wird für die Basilika St. Clemens ein besonderes Jahr: Die Katholiken können ihren 300. Geburtstag feiern. Das Motto des Jubiläumsjahres: „Zukunft würdigt Geschichte“ – und das mit über 70  Veranstaltungen.

Zeigen Flagge zum Jubiläum:
Koordinatorin Charlotte Jarosch
von Schweder und Propst Martin
Tenge | Foto: Wala

Agostino Steffani war ein Mann mit vielen Qualitäten. Geboren 1654 in Castelfranco Veneto, war er ein begnadeter Komponist, ein geschickter Diplomat, ein geweihter katholischer Priester. Und der, wie er sich selbst bezeichnete, „berühmteste infulierte Bettlerbischof des Jahrhunderts“. Denn Steffani, seit 1709 Apostolischer Vikar für Ober- und Niedersachsen (und deshalb infuliert, also als Titularbischof zum Tragen einer Mitra berechtigt), sammelte Geld, wo er nur konnte: für den Bau einer Kirche.
Ein durchaus waghalsiges Unterfangen: Schließlich war nur knapp 120 Jahre zuvor den wenigen Katholiken in der Altstadt von Hannover das Wohnrecht entzogen worden. Und nur 44 Jahre zuvor, im Jahr 1665, war wieder ein katholischer Gottesdienst in Hannover gefeiert worden – am Hof von Herzog Johann Friedrich, der selbst katholisch geworden war.

Jetzt also der Bau einer Kirche: 1711 begannen die Arbeiten. Der  Grundstein wurde am 6. Juli 1712 gelegt.  Baumeister Tommaso Giusti entwarf einen Kuppelbau im venezianischen Barock. Nur für die Kuppel reichte das von Steffani gesammelte Geld nicht. Es blieb bei einen Flachdach. Der venezianische Einfluss war aber unverkennbar – die „Italienerin an der Leine“ wurde am 4. November 1718 durch Steffani geweiht. Der Patron: der heilige Papst und Märtyrer Clemens I. (amtierend von 88–97) – wohl im Hinblick auf den damaligen Papst Clemens XI. (amtierend 1700–1721), der sich besonders für den Kirchbau in Hannover eingesetzt hatte.

1998 wurde St. Clemens zur Basilika erhoben

„In 300 Jahren hat sich vieles ereignet – das wollen wir mit einem großen Jubiläumsprogramm gebührend feiern“, sagt Propst Martin Tenge – als „Rector ecclesiae“ („Leiter der Kirche“),der Hausherr von St. Clemens. Die Kirche ist 1894 von Papst Leo XIII. zur Propsteikirche und  1998 von Papst Johannes Paul II. zur Basilika erhoben worden – ein Ehrentitel, der die Bedeutung von St. Clemens als Mutter- und Hauptkirche der Katholiken in der Region Hannover heraushebt. „Gleichzeitig ist St. Clemens schon immer die Heimat für Katholiken aus aller Welt“, betont Tenge. Deshalb gilt der Blick beim Jubiläum nicht nur der Vergangenheit: „Wir stehen im Dialog mit der Stadt, ihren Bürgern und der Politik“, betont Tenge. So erklärt sich der Leitgedanke des Jubiläums: „Zukunft würdigt Geschichte.“ Auftakt des Jubiläums ist mit einem feierlichen Gottesdienst am 21. Januar 2018.

Welche Bedeutung hat die Kirche für die Menschen in der Stadt und der Region Hannover? Wie lebendig ist die Ökumene, das Miteinander mit den evangelischen Christen? Welche Bedeutung hat die Religion – in der Kunst, in der sozialen Arbeit, im Alltag? „All diese Fragen ziehen sich durch die über 70 Veranstaltungen zum 300. Geburtstag von St. Clemens“, ergänzt Charlotte Jarosch von Schweder, die Projektkoordinatorin für das Jubiläum. Antworten werden auf vielerlei Weise gesucht – mit   Diskussionen und Vorträgen, aber auch eine Kino-Reihe oder ein Kinder- und Jugendmusical fragen nach der Bedeutung von Kirche heute.  
 

„In der Person von Agostino Steffani kommen der Komponist und der Mann der Kirche zusammen“, sagt Charlotte Jarosch von Schweder. Gerade dieses besondere Verhältnis von Religion und  Musik wird sich an vielen Stellen im Programm wiederfinden – sei es bei den Konzerten des Knaben- und des Mädchenchors Hannover oder bei der Aufführung des Oratoriums „Paulus“ von Felix Mendelssohn Bartholdy – einer Zusammenarbeit zwischen dem  Propsteichor St. Clemens, dem Domchor Hildesheim und dem Orchester Symphonietta Hildesheim.

Ausstellung und Lesebuch

„Im Mai werden wir zusammen mit dem Historischen Museum eine Sonderausstellung eröffnen“, listet Charlotte Jarosch von Schweder weiter auf. Titel:  „Katholisch in Hannover: Menschen, Geschichten, Lebenswelten“. Den gleichen Titel trägt auch ein wissenschaftliches Lesebuch zum Jubiläum. Es wird voraussichtlich Mitte 2018 erscheinen. Im gleichen Zeitraum wird dazu eine kleine Wanderausstellung auf Reisen gehen. „Aber es wird auch fröhlich gefeiert“, verspricht die Projektkoordinatorin. Zum Beispiel bei der Geburtstagsfeier am Sonntag, 29. April: „Da lassen wir die Basilika hochleben.“

Hannovers Oberbürgermeister Stefan Schostok und die Landesbeauftragte für Migration und Teilhabe, die Landtagsabgeordnete Doris Schröder-Köpf,  haben die Schirmherrschaft für das Jubiläum übernommen. Für Schostok gehört die Basilika „zu den bedeutendsten christlichen Wahrzeichen Hannovers und zu den wichtigsten kirchlichen Orten für Besinnung, Begegnung und Glauben.“ Doris Schröder-Köpf würdigt St. Clemens als einen Ort, in dem Zugezogene, Flüchtlinge und Vertriebene immer wieder eine neue Heimat gefunden haben: „Diese Gemeinschaft und das Füreinander-da-Sein sind Ausdruck gelebter Mitmenschlichkeit.“  

Bleibt noch die Frage, wie die einstmals flache Kirche doch noch zu ihrer markanten Kuppel gekommen ist. Eine, wie so häufig, Geschichte aus Tragik und Zuversicht. 1943 wurde St. Clemens durch Luftangriffe im Zweiten Weltkrieg zerstört. Zwischen 1947 und 1957 wurde sie wiederaufgebaut – diesmal mit den ursprünglich geplanten Türmen und der so charakteristischen Kuppel. Ganz Italienerin an der Leine.

Rüdiger Wala

 

 

 

Programm und Hinweise

www.300jahre-basilika-st-clemens.de