30.08.2012

Eindrücke einer Begnungsreise nach Bolivien

"Die Kinder sind glücklich"

Seit 25 Jahren besteht die Partnerschaft zwischen dem Bistum Hildesheim und der katholischen Kirche in Bolivien. Eine Delegation des Bistums war bei den Feierlichkeiten in Bolivien dabei. Beeindruckt sind die Teilnehmer vor allem von den direkten Begegnungen und Erlebnissen mit den Menschen.

Die bolivianischen Lebensumstände wie im Kinderdorf Tiquipaya lassen sich nicht mit deutschen Verhältnissen vergleichen. Doch die Kinder und Erwachsene begeistern oft mit ihrer Fröhlichkeit und Herzlichkeit. Foto: Privat
Die bolivianischen Lebensumstände wie im Kinderdorf Tiquipaya lassen sich nicht mit deutschen Verhältnissen vergleichen. Doch die Kinder und Erwachsene begeistern oft mit ihrer Fröhlichkeit und Herzlichkeit. Foto: Privat

„Wieder einmal hat mich die  Herzlichkeit und Gastfreundschaft der Menschen beeindruckt, in diesem Jahr besonders verstärkt durch die festliche Stimmung“, fasst Bischof Norbert Trelle seine Eindrücke der Begegnungsreise nach Bolivien zusammen.

Zum offiziellen Jubiläumsprogramm gehörte neben einem Barock-Konzert mit dem Jugend­orchester aus San Ignacio auch eine Umweltmesse. Die hier vorgestellten Ideen der jungen und kreativen Bolivianer, was man aus Müll Nützliches herstellen kann – wie zum Beispiel ein Treibhaus aus alten Plastikflaschen, hat Werner und Edeltraud Kessens aus Wennigsen fasziniert. „Da merkt man erst, wie durchgeknallt wir mit Ressourcen umgehen, wenn wir zehn Jahre alte Autos in die Schrottpresse schicken“, resümiert Werner Kessens.     

Umweltschutz und Klimawandel sind wichtige Themen der Partnerschaft: „Was uns jetzt schon verbindet, ist der Bewusstseinswandel, der seit vielen Jahren die Menschen in Bolivien wie in Deutschland für das Thema sensibel gemacht hat. Das gilt es zu verstärken“, so Bischof Trelle. Vor allem im Blick auf die Zukunft für Kinder und Jugendliche: „Die Überzeugung, dass jeder etwas zur Bewahrung der Schöpfung beitragen kann durch seinen ganz persönlichen Lebensstil, muss weiter zunehmen.“

Laien stehen in Bolivien nicht im Mittelpunkt

Den Höhepunkt der Jubiläumsfeier bildete ein Festgottesdienst in der Kathedrale von Cochabamba. „Die Prozession der Delegationen aus Bolivien und Deutschland bis zur Kathedrale war sehenswert und machte die bestehende Verbundenheit deutlich“, berichtet  Norbert Batzdorfer aus Wolfsburg. Sowohl im Gottesdienst als auch bei den Feierlichkeiten insgesamt wurde jedoch auch deutlich, dass die Laien in Bolivien immer noch eine untergeordnete Rolle spielen: „Leider standen zu oft der Klerus und nicht die vielen Laien im Mittelpunkt, die den wesentlichen Beitrag zur Weiterentwicklung der Partnerschaft leis­ten“, kritisiert der Wolfsburger.

Doch die Begegnungsreise bestand nicht nur aus dem Jubiläum. Die Teilnehmer besuchten auch ihre Partnerschaftsprojekte vor Ort. Susanne Kaiser-Eikmeier aus Schiffdorf beispielsweise hat das Kinderdorf Tiquipaya erlebt – ein Außenprojekt des von der katholischen Frauengemeinschaft (kfd) im Bistum unterstützten Projektes „Warmi“. Rund 150 Kinder erhalten hier täglich eine warme Mahlzeit und Hilfe bei den Schularbeiten. Zudem werden Kinder und Eltern in Gesundheits- und Hygienefragen  geschult. „Das alles findet in einer angemieteten Etage in einem Rohbau statt. Für uns kaum  fassbar, doch die Kinder sind fröhlich und glücklich“, so Kaiser-Eikmeier.

Dass soziale Einrichtungen wie Kindergärten und Mittagstische von regierungsnahen Ortsräten an ihrer Arbeit gehindert werden, ist für sie kaum zu glauben: „Darum brauchen die Menschen in Bolivien einen starken Partner, der sie unterstützt und ihnen zur Seite steht“, sagt Kaiser-Eikmeier.

Die Partnerschaft sei für die Menschen in Bolivien wirklich ein Hoffnungszeichen, glaubt auch Monika von Palubicki. „Sie fühlen sich nicht allein in ihren Schwierigkeiten, sondern empfinden das Miteinander als stärkend für ihre Arbeit vor Ort“, so die Diözesanvorsitzende der Katholischen Frauengemeinschaft Deutschlands im Bistum. Für sie war die Reise etwas ganz Besonderes, weil sie erstmals ihrem Patenkind persönlich begegnen konnte. „Darüber hinaus war es beeindruckend zu sehen, wie sehr alle Beteiligten sich für das Gelingen der Projekte einsetzen und wie sie mit ganzem Herzen in ihrer Arbeit aufgehen. Das spornt auch wieder für das hiesige Engagement an“, so von Palubicki.

Projekte zur Bildung wie in Mizque sollen durch die Absolventen auch in deren Umfeld Wirkung zeigen. Foto: Privat
Projekte zur Bildung wie in Mizque sollen durch die Absolventen auch in deren Umfeld Wirkung zeigen. Foto: Privat

Ein neuer Ansporn ist die Begegnungsreise auch für Norbert Batzdorfer und die Gemeinde St. Michael in Wolfsburg-Vorsfelde. Sein Besuch in Aiquile bildet den Auftakt zu einer direkten Partnerschaft zwischen den Gemeinden dies- und jenseits des Atlantiks. „Bolivien mit einer anderen Historie und Gegenwart als Deutschland begeistert durch Lebensfreude und eine andere Ansicht vom Leben“, sagt Batzdorfer. Vor allem das Verbundensein mit der Schöpfung beeindruckt den Wolfsburger, der sich seit Langem in der Partnerschaftsarbeit und für die Bewahrung der Natur einsetzt.

Politische Situation gibt Anlass zur Sorge

Die Begegnungsreise habe einen guten Einblick in die politische, gesellschaftliche und kirchliche Situation in Bolivien gebracht, so Batzdorfer: „Leider mussten wir auch erfahren, dass Kirche und Staat nicht produktiv miteinander umgehen, obwohl beide sich befruchten und die Demokratie in Bolivien wachsen könnte“. Vor allem die politische Situation gibt auch Bischof Norbert Trelle Anlass zu großer Besorgnis: „Bekannt sind die massiven gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen der Regierung und der indigenen Bevölkerung im Streit um das Naturschutzgebiet Tipnis, wo weite Teile gerodet werden sollen zugunsten eines großen Straßenbauprojektes.“ Angespannt sei auch seit Langem das Verhältnis zwischen der Katholischen Kirche und der Regierung unter Evo Morales: „Immer deutlicher wird der Anspruch des Staates auf Durchsetzung des Bildungsmonopols formuliert und in die Tat umgesetzt. Der Bestand kirchlicher Schulen und Bildungseinrichtungen ist zwar nicht unmittelbar gefährdet, aber auf längere Sicht wird man mit Eingriffen rechnen müssen“, so Trelle.

Trotz mancher Probleme: Bei allen Teilnehmer überwiegen die Eindrücke von Fröhlichkeit und Herzlichkeit. „Sie haben uns zu Ehren ein Fest gefeiert“, berichtert Edeltraud Kessens von der überwältigenden Gastfreundschaft, mit der sie in den bolivianischen Gemeinden aufgenommen worden sind. Dass möglichst viele Menschen diese herzliche Aufnahme erfahren können, ist ein Wunsch von Susanne Kaiser-Eikmeier nach ihrer ersten Reise ins Partnerland: „Bolivien ist zwar weit entfernt, aber jetzt haben die Menschen ein Gesicht bekommen.“
 

Rüdiger Wala/Annedore Beelte/Thomas Pohlmann

 

Hinweis:

Am Samstag, 29. September 2012, wird das Jubiläum in Hildesheim gefeiert. Beginn ist um 10.30 Uhr in der Basilika St. Godehard. Details