13.10.2017

Die Kirche erneuern – aber von innen

Im 500. Jubiläumsjahr der Reformation ist Martin Luther in aller Munde. Manche denken anlässlich des Jubiläums dabei vielleicht auch noch an andere Reformatoren wie Jan Hus, Huldrych Zwingli, Johannes Calvin oder Philipp Melanchthon – nur wenige aber an die Christen des „alten“ Glaubens vor und zur Zeit Luthers, die ähnliche Kritik wie er hatten. Seine 95 Thesen sind nicht vom Himmel gefallen. Über die Jahrhunderte bis in unsere Tage gab und gibt es unzählige Frauen und  Männer  – „Reformatoren und Reformatorinnen“, die sich aus Liebe zur katholischen Kirche für Reformen einsetzen. Nicht selten bekamen und bekommen sie harten Widerstand bis hin zu persönlichen Anfeindungen zu spüren.

Franz von Assisi: Er wollte nur ein anderes Leben führen

Im Traum sieht Papst Innozenz III. Franziskus die
zusammenbrechende Kirche stützen. | Foto: kna

Franz von Assisi war ein Reformer, der die Kirche von innen reformieren wollte – obwohl seine Ordensgründung, die er zunächst nicht wollte, für das damalige kirchliche Establishment in gewisser Weise eine Alternativkirche darstellte.

Seine Kritik an der Kirche bestand vor allem darin, dass er in ihr das Armutsideal verraten sah. Dies machte er mehr als in Worten durch sein Auftreten deutlich. In einer einfachen Kutte, die von einem Strick zusammengehalten wurde, möglichst barfuß zog er predigend durch die Gegend – arm und ohne festen Wohnsitz. So stellte er den hohen Klerus, der oft einer unfrommen und ausschweifenden Lebensweise frönte, infrage. Und die hohe Geistlichkeit? Sie hatte oft für ihn nur Hohn und Spott übrig.

Franziskus und seine Gefährten standen dem Glanz und der Glorie von Papsttum und höfischen Zeremoniell gegenüber. Scheinbar in Stein gemeißelte Vorschriften und Verbote der Kirche wurden plötzlich in Frage gestellt.

Franziskus verzichtete auf sein Erbe und jeglichen Besitz, nahm das Evangelium und die Nachfolge Jesu wörtlich und führte ein Einsiedlerleben. Seine Lehren und sein Leben enthalten ein regelrecht „subversives, ein revolutionäres Element. Wenn Franziskus von sich selbst, den Oberen des Ordens und den kirchlichen Amtsträgern die tiefste Selbstdemütigung verlangt, dann wird damit die hierarchische Struktur des Ordenswesens und der gesamten Kirche gewissermaßen konterkariert“, sagt der Franziskusforscher Helmut Feld. „Die Brüder sollen keine Machtposition und kein Herrscheramt besitzen, vor allem nicht untereinander. Der Oberste soll ganz unten stehen“,  heißt es in der Ordensregel des heiligen Franz.

Sein Auftreten vor seinem Vater, aber auch vor Bischof Guido II im Frühjahr 1207 auf dem Domplatz von Assisi wurde zu seinem Programm, als er seine kostbaren Kleider in aller Öffentlichkeit ablegte. Er lebte das Evangelium „sine glossa“ – ohne Hinzufügungen oder Veränderungen –, als Büßerwie er von sich selbst sagte. In gewisser Weise war er ein neuer Johannes, ein Rufer in der Wüste, der seine Mitmenschen ermahnte, „Gott zu lieben und für ihre Sünden Buße zu tun“. Durch seine Worte und seine extreme Lebensweise eckte er bei vielen Menschen an, stieß auf Spott und Ablehnung. Doch auf der anderen Seite erhielt er auch viel Zustimmung. Sein Beispiel steckte andere an, so dass sich ihm im Laufe der Zeit viele Brüder und später auch Schwestern – im Klarissenorden – anschlossen.“

„In seinem geistlichen Testament, das im  Frühjahr 1226 in Siena entstand, versuchte Franziskus seinen Brüdern noch einmal das in Erinnerung zu rufen, was er selbst gelebt hat: die ursprüngliche Botschaft des Evangeliums, den evangelischen Geist.

Giovanni Battista Bernadone – Rufname Francesco * 1181/1182 Assisi + 3.10.1226 in der Portiuncula-Kapelle in Assisi, Heiligsprechung 1228, Ordensgründer.


Leonardo Boff: Redeverbote brachten ihn nicht zum Schweigen

Er ist der Vater der Befreiungstheologie – Leonardo
Boff. | Foto: kna

Als Befreiungstheologe hat sich der ehemalige Franziskanerpater Leonardo Boff einen Namen gemacht. Er nimmt noch immer kein Blatt vor den Mund, wenn es um soziale Fragen geht. Er klagt an, wenn Menschen, vor allem aus den unteren sozialen Schichten Lateinamerikas unterdrückt werden. Denn oft sind sie rechtlos und erfahren Unterstützung einzig und allein von der Kirche und in ihrem Glauben.

„Wenn wir uns nicht ändern, werden wir aussterben wie die Dinosaurier,“ sagte Boff einmal mit Blick auf die festgefahrenen Strukturen der Kirche. Er bemängelte: „Heute werden neue Pfarrer ganz in der Mentalität des Vatikans ausgebildet – nach innen gewendet, ohne Interesse an sozialen Fragen.“

Mit spitzer Feder fordert Leonardo Boff eine Kirche, die auf der Seite der Armen steht. Er stellt die „wahre Kirche“ des Heiligen Geistes einer „falschen“ Kirchenkonstitution gegenüber, die auf Machtansprüchen über die Gläubigen fußt. Damit nimmt er Bezug auf die Reformation. Er kritisiert einen dogmatischen Sakramentalismus. Boff weist darauf hin, dass Jesus selbst keine bestimmte Kirchengestalt befohlen habe. Ein anderes Kirchenmodell als das der katholischen Kirche ist für ihn aus dem Evangelium heraus durchaus denkbar.

Boff wünscht sich eine Kirche für die Menschen. Der Kurie wirft er vor, sich dem Dialog mit dem Volk zu verweigern. Und an Papst Benedikt XVI. appelierte er: „Hören Sie auf, Angst unter den Gläubigen zu verbreiten, stoppen Sie Ihre fundamentalistische Rigorosität! Begreifen Sie sich nicht als doktrinärer Lehrer, sondern endlich als Hirte, als Mutmacher der Gläubigen, denn das ist Ihre Hauptaufgabe als Papst.“

Boff ruft die Kirche auf, sich zu ändern. Es könne nicht sein, „dass die Kirche von heute den Menschen in ihrem Alltagsleben nichts mehr zu sagen hat“.

Immer wieder klagt der streitbare Theologe die großen der Kirche an. Sie hätten zu lange zu Themen wie Ausbeutung, Entrechtung und Unterdrückung geschwiegen – und sich zum Komplizen der Herrschenden gemacht“.

 „Wir Befreiungstheologen verstehen uns als Sprachrohr der Unterdrückten, ganz im Einklang mit dem, was in der Bibel steht.“ Boff sah es als seine Aufgabe an, dabei zu helfen, „die Kirche von innen heraus zu reformieren.“ Über sein „Gespräch“ mit Kardinal Ratzinger sagte Boff in einem Interview: „Ich war überzeugt, dass mein Anliegen gerechtfertigt war.“

Immer wieder wurde Boff von Ordens- und Kirchenoberen – vor allem von Joseph Ratzinger als Präfekt der Glaubenskongregation – gemaßregelt. Schließlich sah er für sich als Priester und Ordensmann keine Chance mehr, etwas in der Kirche zu verändern. Er verließ den Orden, ließ sich in den Laienstand versetzen und erhielt einen Lehrstuhl für Ethik und Spiritualität an der Staatsuniversität in Rio de Janeiro. Aber ruhig geworden ist er nicht. Nach wie vor versucht er, seine Kirche zu verändern – nur kann die Kirche ihm heute das Reden nicht mehr verbieten.

Leonardo Boff *14.12.1938 in Concordia, Santa Catarina, Franziskaner seit 1959, Priester seit 1964,Promotion in Dogmatik 1970, 1985 Redeverbot, 1991 erneute Disziplinarstrafe, 1992 Austritt aus dem Franziskanerorden und lässt sich in den Laienstand versetzen, 1992 Übernahme des für ihn geschaffenen Lehrstuhls für Ethik und Spiritualität an der Staatsuniversität in Rio de Janeiro, Autor vieler Bücher und Artikel, viele Gastprofessuren überall auf der Welt.

 

Caritas Pirckheimer: Der Einigung um die Rechtfertigungslehre um 450 Jahre voraus
 

Caritas Pirckheimer – eine starke
Nonne und visionäre Theologin. | Foto: kna

„Aller Frauen Stern und seltene Krone“, so schwärmten etliche Gelehrte ihrer Zeit, wenn sie über Caritas Pirckheimer sprachen. In der Rechtfertigungslehre stimmt sie mit Martin Luther überein.

In ihrer Chronik von 1524-1528 schreibt sie: „… dass durch die Werke allein kein Mensch, wie der heilige Paulus sagt, gerechtfertigt werden kann, sondern durch den Glauben unseres Herrn Jesus Christus.“ So stimmt sie zwar mit der reformatorischen Theologie der Rechtfertigung  „sola fide“ (allein durch den Glauben) überein, macht jedoch den Zusatz: „Wir wissen aber auch, dass ein rechter, wahrer Glaube nicht ohne gute Werke sein kann, als wenig ein guter Baum ohne gute Frucht.“

Damit nimmt die Ordensfrau in gewisser Weise die „Gemeinsame Augsburger Erklärung über die Rechtfertigungslehre“ von 1999  – über 450 Jahre früher – vorweg.

Caritas Pirckheimer widersetzt sich dem Rat der Stadt Nürnberg, der die Reformation auch in ihrem Kloster einführen will, indem er ihm die franziskanischen Beichtväter entzogen und so eine Feier der Heiligen Messe unmöglich gemacht hat. Denn sie feierten auch die Messe mit den Ordensfrauen.

Dem Rat teilt Pirckheimer mit, dass das Kloster nicht aufgehoben und jede Schwester im Kloster bleiben werde, was jede einzelne mit ihrer Unterschrift besiegelte. Auch eine Aktion von zwei Eltern, die ihre Töchter gewaltsam aus dem Kloster holen wollten, wehrte sie ab.

Über Bruder Willibald, ein Freund Albrecht Dürers und Briefpartner, gelingt es Caritas Pirckheimer Kontakt zu dem Reformator Philipp Melanchthon herzustellen, der den Nonnen erlaubte im Kloster zu bleiben, „wenn wir allein nicht hielten auf unsere Gelübde“, schreibt Caritas Pirckheimer darüber in ihre Chronik.

Philipp Melanchthon glaubte allerdings im Gegensatz zu Caritas Pirckheimer, dass Klostergelübde nicht biblisch seien und deshalb aufgehoben werden können.    

Caritas Pirckheimer (Barbara Pirck­heimer) * März 1467 Eichstätt, + August 1532, Äbtissin des Klarissenklosters Nürnberg.

 

Hans-Günter Sorge und Edmund Deppe