22.03.2016

Vorstellungen von Himmel und Ewigkeit

Die Macht der Himmelsbilder

„Da berühren sich Himmel und Erde“, könnte man sagen, wenn man in der römischen Kirche Sant‘ Ignazio nach oben schaut. Ein fantastisches Himmelsbild, in dem mehr steckt als eine künstlerische Illusion.

"Die Verherrlichung des Heiligen Ignatius"; Deckenfresko von Andrea Pozzo (1642-1709) in der Kirche Sant Ignazio in Rom. Foto: wikimedia/Bruce McAdam

Wer bei einem Besuch in Rom die Kirche Sant’ Ignazio besichtigt, sollte sich zuerst den Marmorboden anschauen und den Kreis in der Mitte des Mittelschiffs suchen. Wenn er sich dann auf diesen Kreis stellt und den Kopf langsam nach oben richtet, kann er den Himmel offen sehen.

Die Wände der Kirche wachsen in den Himmel und öffnen sich in Sphären, gefüllt mit Menschen und Engeln.

Gut, es handelt sich nur um ein Deckengemälde. Davon gibt es Hunderte. Dieses Fresko aber durchstößt die Decke und verdoppelt die Höhe der Kirche. Wobei man nicht wüsste, wo und wie genau dort ein Maßband anzulegen wäre. Das Deckenfresko von Sant’ Ignazio gilt als eines der kühnsten Werke illusionistischer Malerei.

Nach einer Weile, zumal wenn der Besucher ein paar Schritte zur Seite tritt, ahnt er, wo das dreidimensionale Bauwerk in das zweidimensionale Gemälde übergeht. Ganz leicht ist das dennoch nicht.

Geschaffen wurden diese Dimensionen im Jahr 1685 von dem italienischen Jesuiten und Maler Andrea Pozzo. Anlässlich der Heiligsprechung des Ignatius von Loyola im Jahr 1622 wurde von 1626–85 die Kirche Sant’ Ignazio gebaut. Mit 81 Metern Länge und 44 Metern Breite ist sie die zweitgrößte Jesuitenkirche Roms. Der Ordensgründer selber liegt in der größten Kirche des Ordens, in „Il Gesù“, begraben.

 

Ein Fresco zur Verherrlichung des Heiligen Ignatius

Das Deckenfresco von Sant’ Ignazio ist der Verherrlichung des Heiligen gewidmet. Im Himmel wird der Ordensgründer von Engeln und anderen Heiligen zu Christus geleitet, der ihm entgegenkommt. Mit dem Kreuz im Arm. Im Himmel sind Leid und Schmerz nicht ausgeklammert. In Gottes Gegenwart haben sie sich geklärt, wie es der sonnenbeschienene Hintergrund andeutet.

An den vier Ecken des Himmelsgewölbes sind allegorisch die damals bekannten vier Erdteile Asien, Europa, Afrika und Amerika dargestellt sowie die dort wirksame Jesuitenmission.

Pozzo hat die tatsächlich vorhandene Architektur malerisch durch ein Dachgeschoss (Attika) erweitert. Von unten aus kann der Betrachter nicht sagen, wo das tatsächliche Mauerwerk endet und die Malerei beginnt. Irgendwo dort berühren sich Erde und Himmel, geht die diesseitige Dimension nahtlos über in die jenseitige. Gläubigen Christen, zumal katholischen, ist das durchaus vertraut. Sind doch beide „Welten“ nicht getrennt, sondern verbunden über die Gemeinschaft der Heiligen. In den beiden „Welten“ lebt das eine Volk Gottes.

Moderne Besucher betrachten diese oppulenten Bilder mit einer Mischung aus Mitleid und Neid: mit Mitleid wegen eines (angeblich) naiven, dinglichen Glaubens der damaligen Künstler und Auftraggeber; mit Neid, weil wir Heutige kaum Alternativen haben, die uns besser, herzlicher und überzeugender ansprächen.

Doch Vorsicht: Das 17. Jahrhundert war die Zeit der beginnenden Aufklärung. Kirchenfürsten, die solche Bilder in Auftrag gaben, standen im Dialog mit den Wissenschaftlern ihrer Zeit. Und die wiederum waren gerade dabei, die Gesetze der Planetenbahnen zu entdecken. Sie wussten sehr wohl, dass das All nicht der Himmel ist, und das ewige Leben nicht über den Wolken beginnt. Sie wussten, dass dies nur Bilder sind – gleichwohl kostbare. Wie auch die Bilder der Bibel: das Leben in Fülle, die Auferweckung der Toten, das ewige Gast- oder Hochzeitsmahl, das himmlische Jerusalem, das ewige Licht, die Gemeinschaft der Kinder Gottes …

 

 

Vorstellungen vom Himmel

Das himmlische Jerusalem

„Aus weltlicher Sicht bestand das Werk Jesu nur aus einzelnen Fragmenten. Er ging von Stadt zu Stadt und machte hier und da etwas … Sein Werk bestand schlussendlich aus vielen Fragmenten“, schrieb der anglikanische Theologe Harry A. Williams. Erst in der Auferstehung Jesu nahm Gott diese einzelnen Fragmente und fügte sie zusammen, so dass sie nicht verloren gingen. In der Auferstehung Jesu und der Menschen werden die Bruchstücke ihrer Leben über unsere Zeit hinaus gesammelt und in die Ewigkeit gerettet. Sie formen die Steine, aus denen das neue Jerusalem gebaut wird – die Stadt mit festen Grundmauern, die Gott selbst geplant und gebaut hat.

Dieses Bild ist inspiriert aus dem jüdischen Glauben, von der Vision des Jesaja über die Wallfahrt der Völker zum Berg Zion. Der christliche Seher Johannes hat sie in seiner Offenbarung plastisch ausmalt: Der Engel „zeigte mir die heilige Stadt Jerusalem, wie sie von Gott her aus dem Himmel herabkam“. Reich, beschützt, wohl organisiert mit Bewohnern in friedlicher Nachbarschaft – so soll die Stadt sein. Ein Haus des Vaters mit vielen Wohnungen, in denen Menschen wohnen, die im Diesseits Israelis oder Palästinenser sein könnten, Salafisten oder Pegida-Anhänger …

 

 

 

Anbetung und Lobpreis

Anbeten und lobpreisen. Solch ein Bild aus dem Himmel lässt eher denken an den Münchner Dienstmann Alois Hingerl, dem Ludwig Thoma seine herrlich ironische Kurzgeschichte „Ein Münchner im Himmel“ gewidmet hat. Als „Engel Aloisius“ bekommt der Verstorbene eine Harfe und eine Wolke zugeteilt, auf der er gemäß der „himmlischen Hausordnung“ von morgens acht bis mittags um zwölf Uhr „frohlocken“ und von zwölf Uhr mittags bis abends um acht Uhr „Hosianna“ singen soll. Verständlicherweise boykottiert Aloisius das alberne Gewinsel irgendwann entnervt mit „luja, sog i – Saggerament – zefix …“

Die barocken Engelchen auf abendrotilluminierten Wölkchen oberbayerischer Kirchendecken tun ein Übriges, dieses Bild, das gespeist ist aus den Büchern des Jesaja und der Offenbarung, in modernen Augen zu diskreditieren.

Vielleicht lässt sich dennoch eine Ahnung wiedergewinnen, was gemeint ist: wenn es einem den Atem verschlägt ob eines wunderschönen Anblicks, eines perfekten Meisterwerks – oder eines Traumtors beim Fußball, das von den Fans besungen wird: „O, wie ist das schön! O, wie ist das schön …“ Es könnte ja auch so zugehen – im Himmel des ewigen Lebens.

 

Die getrockneten Tränen

„… und Gott wird alle Tränen von ihren Augen abwischen“. Es ist eines der ergreifendsten Himmelsbilder, das die Bibel bereithält im letzten ihrer Bücher, der Offenbarung des Johannes. Wer wäre nicht gerührt beim Anblick einer Mutter, die ihr weinendes Kind tröstet, es in den Arm nimmt und mit einem Taschentuch behutsam seine Tränen trocknet. Wenn die Kinderaugen ein paar Mal klimpern, die Nase ein-, zweimal heftig schnieft, dem Mund ein tiefer Seufzer entfährt und sich ein erstes Lächeln ins verweinte Gesicht schiebt. Ewiges Leben, wie es als kleinstes Samenkorn aufkeimt. Ein Himmelsbild und viel zu schade für Werbe- und Spendenposter.

 

„Die mit Tränen säen, werden mit Jubel ernten“, ist der Beter des
126. Psalms sich sicher. „Du hast mein Leben dem Tod entrissen, meine Tränen getrocknet … So gehe ich meinen Weg vor dem Herrn im Land der Lebenden“, heißt es im 116. Psalm. 

Wenn auch diesen Betern noch keine Jenseitsvorstellungen nachfolgender Generationen vorschwebten, so wissen sie doch: Das Leben mit Gott – Jesus wird sagen „das Reich Gottes“ –
beginnt hier und jetzt. Lukas zitiert aus Jesu Feldrede: „Selig, die ihr jetzt weint, denn ihr werdet lachen.“

Im Himmel, so scheint es, erfährt das Sprichwort seine tiefste Bedeutung: Wer zuletzt lacht, lacht am besten.

 

Gott schauen von Angesicht zu Angesicht

In der deutschen Synchronfassung des Filmklassikers „Casablanca“ sagt Rick (Humphrey Bogart) mehrfach zu Elsa (Ingrid Bergman): „Ich schau dir in die Augen, Kleines …“ In einer Atmosphäre voller Verdächtigungen und Coolness blitzt in dieser Bemerkung so etwas wie Vertrautheit, ja Intimität auf. Wer jemandem in die Augen schaut, so sagen viele, kann ihm in die Seele schauen. So verfallen und faltig das Gesicht alter Menschen sein mag, in ihren Augen lässt sich viel von ihrer Lebensgeschichte ablesen.

Im Buch Exodus sagt Gott zu Mose: „Kein Mensch kann mich sehen und am Leben bleiben“ (33,2). Viel zu groß und gewaltig ist Gott für den kleinen Menschen. Daher, so glauben Christen, wurde Gott selber ein Mensch. Und so kann, wer Jesus Christus sieht, den Vater sehen. Und, wie Jesus sagte, in jedem Mitmenschen Jesus erkennen: „Wer einen von diesen Kleinen aufnimmt, nimmt mich auf.“

Schauen ist keine bloße optische Wahrnehmung. Wer schaut, erkennt das Ganze, das Große, das Schöne – in der Natur, in Tieren, in Landschaften und Menschen. Immer wieder versuchen Künstler und Fotografen, Schönheit darzustellen, gerade von Männern und Frauen. 

Doch „Frau und Mann sind vor allem dann füreinander schön, wenn sie einander mit dem Blick der Liebe anschauen“, sagt der Theologe Dieter Emeis. „Ein Mensch ist schön, wenn man in seinem Gesicht die Liebe schaut, mit der er für andere da ist.“

 

Wenn wir „aber schauen von Angesicht zu Angesicht“, wie Paulus den Korinthern schrieb (1 Kor 13,12), „dann werde ich durch und durch erkennen, so wie ich auch durch und durch erkannt worden bin“. Eingetaucht in pure Liebe. Vielleicht ungefährt so, wie manche Menschen es in einem Nahtoderlebnis erahnt haben.

Von Roland Juchem